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21.12.2006 | Von:
Yves Bizeul

Nationalismus, Patriotismus und Loyalität zur offenen Republik

Der "Verfassungspatriotismus"

Der Imperativ, dem Patriotismus den Vorrang vor dem Nationalismus einzuräumen, sollte jedoch nicht zu dem falschen Schluss verleiten, ihn von jeglicher sozialer, geschichtlicher und kultureller Konkretheit zu reinigen. Gerade dies haben die französischen (nicht republikanischen) Vertreter der Definition der Nation als Willensgemeinschaft des Endes des 19. Jahrhunderts, Fustel de Coulanges und Ernest Renan, nicht getan.[39] Freilich war für die beiden Autoren die Nation in erster Linie das Ergebnis des gemeinsamen Willens der Staatsbürger, zusammen zu leben und miteinander zu handeln, denn sie beruht auf einem "Plebiszit Tag für Tag".[40] Renan betrachtete die Nation indes als etwas Höheres, als einen Verein, als "eine Seele, ein geistiges Prinzip",[41] das nicht nur aus einem Willensakt, sondern auch aus einem gemeinsamen kollektiven Gedächtnis und aus einem reichen Erbe an Erinnerungen besteht: "In der Vergangenheit ein gemeinsames Erbe von Ruhm und Reue, für die Zukunft ein gemeinsames Programm; gemeinsam gelitten, gejubelt, gehofft haben - das ist mehr wert als gemeinsame Zölle und Grenzen, die strategischen Vorstellungen entsprechen."[42]

Tzvetan Todorov spricht von einer logisch unhaltbaren Vermischung der subjektivistischen und objektivistischen Sichtweisen der Nation bei Renan. Dieser habe zwar mit Erfolg vermieden, den "bürgerlichen" Nationalismus in einen einfachen Patriotismus zu verwandeln. Es sei ihm aber nicht gelungen, zwischen zwei Erscheinungsformen der Nation scharf genug zu trennen: der politischen und der kulturellen. Renan deute die "kulturelle" Dimension der Nation mit patriotischen Kriterien.[43]

Todorov übersieht allerdings, dass weder Renan noch Fustel de Coulanges eine kulturalistische Auffassung der Nation vertraten. Sie wollten vielmehr auf die Einbettung des Einzelnen in ein gemeinsames politisches Handeln, das zwangsläufig im Laufe der Jahre zur Entstehung einer Solidar- bzw. Schicksalsgemeinschaft und zur Konstruktion einer "narrativen Identität" führt, hinweisen.[44] Der Staatsbürger ist somit nicht das passive Erzeugnis einer Kultur oder einer Abstammung, sondern jemand, der zusammen mit Anderen seine Zukunft selbst gestaltet und erst dadurch eine objektivere Gestalt gewinnt.

Das Handeln der Staatsbürger zur Verwirklichung gemeinsamer Projekte erfordert gerade die mobilisierende Kraft der politischen Symbolik. In seiner in Frankreich viel zitierten Untersuchung der Zeremonien vom 11. November stellt der französische Historiker und Politologe Antoine Prost fest, dass esohne politische Kulte keinen republikanischen Glauben und keine republikanische Tugend geben würde. "Dann", so Prost, "herrscht ein entzaubertes Regime, in dem sich der Gesellschaftsvertrag angesichts funktionaler Notwendigkeiten verflüchtigt."[45] Eine solche Aussage steht in der Tradition des alten Republikanismus. Schon Perikles in seiner berühmten Gefallenenrede und Abraham Lincoln bei der Eröffnung des Nationalfriedhofs in Gettysburg 1863 haben Totenfeiern zum Anlass genommen, um ihre demokratischen Überzeugungen auf pathetische Weise kundzutun.

Man sollte nicht versuchen, den politischen Glauben durch die Vernunft zu ersetzen, sondern vielmehr die Vernunft als Wächterin über den politischen Glauben zu etablieren. Gerade dies war das Ziel des Republikaners Dolf Sternberger. Der Erfinder des Begriffs "Verfassungspatriotismus" - der Loyalität zur Verfassung und nicht zur Kulturnation - weigerte sich mit guten Gründen, das Vaterland als "Mutterschoß" zu überhöhen.[46] Er betont in seinen Schriften immer wieder die politische Dimension des Patriotismus und stimmt dem deutschen Schriftsteller Thomas Abbt, einem Freund des Berliner Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn, zu, wenn dieser in seiner Schrift von 1761 "Vom Tode für das Vaterland" behauptet: "Wenn mich die Geburt oder meine freie Entschließung mit einem Staat vereinigen, dessen heilsamen Gesetzen ich mich unterwerfe, Gesetzen, die nicht mehr von meiner Freiheit entziehen, als zum Besten des ganzen Staates nötig ist, alsdann nenne ich diesen Staat mein Vaterland."[47] Sternberger sah aber auch die Notwendigkeit, im Nationalismus wieder ein "Element natürlicher Heimatlichkeit" einzuführen, um eine radikal rationale Bestimmung des Begriffes zu vermeiden.[48]

Oft wirft man dem zweiten deutschen Verfechter des "Verfassungspatriotismus", Jürgen Habermas, ungerechtfertigterweise vor, diesen Begriff von allen vorpolitischen Bestimmungen reinigen zu wollen. Dabei ist ihm wohl bewusst, dass die Deutung der Verfassung stets auf Grundlage eines gemeinsamen, kulturell bedingten Interpretationshorizonts erfolgt, und dass die gemeinsame politische Kultur der Staatsbürger "ethisch imprägniert" ist.[49] Der Verfassungspatriotismus impliziert in seinen Augen eine selektive Übernahme der Elemente aus der Vergangenheit, die sich mit den Grundprinzipien der Verfassung vereinbaren lassen.[50] Außerdem beschäftigt sich Habermas heute in Anlehnung an Ernst Cassirer und Karl Jaspers verstärkt mit der symbolischen Dimension der Politik,[51] ohne dass er jedoch die Tiefe der Analysen von Claude Lefort und Marcel Gauchet zur Bedeutung der Symbolik in der Demokratie erreicht.[52]

Fußnoten

39.
Vgl. Ernest Renan, Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne, Hamburg 1996; Fustel de Coulanges, L'Alsace est-elle allemande ou française?, réponse à M. Mommsen (professeur à Berlin), Paris, le 27 octobre 1870, in: ders., Questions contemporaines, Paris 19193, S. 89 - 102.
40.
E. Renan, ebd., S. 35.
41.
Ebd., S. 34.
42.
Ebd., S. 35.
43.
Tzvetan Todorov, Nous et les autres. La réflexion française sur la diversité humaine, Paris 1989, S. 305f.
44.
Zur narrativen Identität vgl. Alasdair MacIntyre (Anm. 4); Paul Ricur, Das Selbst als ein Anderer, München 1996, S. 150ff.; ders., Narrative Identity, in: Philosophy Today, 35 (1991) 1, S. 73 - 81.
45.
Antoine Prost, Les monuments aux morts. Culte républicain? Culte civique? Culte patriotique?, in: Pierre Nora (Hrsg.), Les Lieux de mémoire, Bd. 1, La République, Paris 1984, S. 195 - 225, hier S. 222.
46.
Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus. Rede bei der 25-Jahr-Feier der "Akademie für Politische Bildung" (1982), in: ders., Verfassungspatriotismus. Schriften Bd. X, Frankfurt/M. 1990, S. 17 - 31, hier S. 23.
47.
Ebd., S. 22.
48.
Ebd., S. 23.
49.
Jürgen Habermas, Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat, in: Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Mit Kommentaren von Amy Gutmann (Hrsg.), Steven C. Rockefeller, Michael Walzer, Susan Wolf. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas, Frankfurt/M. 1993, S. 147 - 196, hier S. 178; ders., Replik auf Beiträge zu einem Symposium der Cardozo Law School, in: ders., Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt/M. 1996, S. 309 - 398, hier S. 328f.
50.
Vgl. Jürgen Habermas, Geschichtsbewußtsein und postnationale Identität. Die Westorientierung der Bundesrepublik, in: ders., Eine Art Schadensabwicklung. (Kleine Politische Schriften, VI), Frankfurt/M. 1987, S. 161 - 179, hier S. 173.
51.
Vgl. Jürgen Habermas, Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck. Philosophische Essays, Frankfurt/M. 1997.
52.
Vgl. Claude Lefort/Marcel Gauchet, Über die Demokratie: Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen, in: Ulrich Rödel (Hrsg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt/M. 1990, S. 89 - 122.