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21.12.2006 | Von:
Yves Bizeul

Nationalismus, Patriotismus und Loyalität zur offenen Republik

Für eine Loyalität zur offenen Republik

Auch wenn man sich bemüht, zwischen Patriotismus und nationalistischer Ideologie scharf zu trennen, und auch wenn man dem Patriotismus eine eindeutige Priorität vor dem Nationalismus einräumt, bleibt die entscheidende Frage offen, ob der Patriotismus in modernen pluralistischen Demokratien überhaupt noch zeitgemäß ist. Die Republikaner beantworten diese Frage selbstverständlich mit "Ja", denn mit dem Patriotismus verbinden sie die ihnen am Herzen liegenden Vorstellungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des sozialen bzw. politischen Engagements der Staatsbürger. So sehen Benjamin Barber, Jean-Marie Guéhenno, Pierre-André Taguieff, Dominique Schnapper und Yves Lacoste in der Nation den natürlichen Raum für soziale Solidarität und Demokratie.[53] Ein Ende des republikanischen Nationalstaates und des damit verbundenen Patriotismus würde zur Aufhebung des Politischen führen. Nur noch das ökonomische Denken würde dann weltweit herrschen. Einige Republikaner wie Barber verbinden die Forderung nach einer Renaissance des Patriotismus mit der nach dem Aufbau einer basisnahen deliberativen Demokratie.[54] Selbst Sozialliberale wie Philippe Van Parijs begrüßen den "solidarischen Patriotismus" als Bollwerk gegen den steigenden modernen Individualismus in der Gesellschaft.[55]

Tatsächlich lässt sich jedoch der Patriotismus nur schwer mit dem heutigen Pluralismus vereinbaren. Die früheren Vertreter des Republikanismus sind meist von der Existenz eines allen Staatsbürgern gemeinsamen politischen Projektes und eines Endziels ausgegangen und haben sich aus diesem Grund mit dem politischen und gesellschaftlichen Pluralismus schwer getan. Machiavelli, Algernon Sidney und Adam Ferguson zählen zu den wenigen unter ihnen, die sich bemüht haben, eine pluralistische und konfliktreiche Republik zu denken.[56] Rousseau hingegen trat für eine sozial, ökonomisch und kulturell weitgehend homogene Republik ein.

Heute noch hat der von Rousseau beeinflusste Republikanismus französischer Prägung Probleme, die kulturelle Vielfalt im öffentlichen Raum ernst zu nehmen.[57] Die angelsächsische republikanische Tradition zeigt sich dem kulturellen Pluralismus gegenüber offener. Verfechter des Multikulturalismus wie der Kanadier Charles Taylor gehen allerdings zu weit, wenn sie den Patriotismus vom Staat abkoppeln wollen, um ihn erneut kulturalistisch zu definieren. Die einzelnen Gemeinschaften sollen nach Taylor ihre identitären Bindungen frei stärken können und Anerkennung vom Staat erhalten. Im Taylor'schen "pluralistischen Patriotismus" wird allerdings das Endziel des "bonum commune" durch die Suche nach Identität in einzelnen Gemeinschaften ersetzt, ein Quell für nicht endende politische Konflikte zwischen den einzelnen, in Konkurrenz zueinander stehenden kulturellen Gemeinschaften.

Nur durch eine zivilgesellschaftliche Deutung des republikanischen Patriotismus lässt sich dieser mit dem inner- bzw. außenstaatlichen (hyper-)modernen Pluralismus zusammen denken. Dafür ist es notwendig, wie Dieter Oberndörfer und Michael Walzer von einer Treue zur offenen Republik auszugehen.[58]

Weder die Nation noch das Vaterland sollten Gegenstand der Loyalität der Staatsbürger sein, sondern eine dem politischen, sozialen, kulturellen und ethnischen Pluralismus gegenüber prinzipiell offene Republik mit einer starken Zivilgesellschaft. Walzer tendiert wie Habermas und im Unterschied zu Oberndörfer dazu, die "mystischen Beiklänge", die "kunstvollen Ritualisierungen" und die "symbolischen Ausdrucksformen" dieser Art von Loyalität zu gering zu schätzen. Man sollte deren Notwendigkeit erkennen und zugleich eine kritische Distanz zu ihnen pflegen.

Da der Patriotismus nicht als Treue zur Patria, sondern als Loyalität zur Republik verstanden werden soll, erweist sich letztendlich der Begriff "Patriotismus" als ungeeignet. Mit ihm sind Metaphern verbunden, die für moderne mündige Bürger und Subjekte problematisch sind, wie die Liebe zu abstrakten Personen - nach dem Bonmot des Bundespräsidenten Gustav Heinemann liebt man nicht den Staat, sondern seine Frau -, die mütterliche Geborgenheit und Fürsorge der Gemeinschaft oder die Bewunderung der "Väter". Nicht Patriotismus sollte gefördert werden, sondern eine gesunde, kritische, aber auch bewusste Treue zur Republik, die mehr ist als nur die positive Haltung zu den Grundprinzipien der Verfassung. Sie setzt nicht nur Zivilcourage voraus, sondern auch die Bereitschaft, im Ernstfall selbst sein Leben einzusetzen. In dieser Hinsicht haben sich die New Yorker Feuerwehrleute am 11. September 2001 nicht nur pflichtbewusst, sondern auch "republikanisch" verhalten.

Der 11. September zeigt übrigens auch, dass ein wohlverstandener Republikanismus den gesellschaftlichen Pluralismus keinesfalls gefährdet. Nach dem Attentat bekannten sich die Vertreter der verschiedenen Ethnien, Religions- und Bevölkerungsgemeinschaften öffentlich zur Republik und zur Nation, ohne dafür ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gemeinschaften preiszugeben. Eine solche Loyalität zur offenen Republik macht eine "verschachtelte" gemeinschaftliche Loyalität möglich: Man kann sich zugleich zu einer innerstaatlichen Gemeinschaft, zu einer Nation und zu Europa bekennen. Der Weltbürger fühlt sich zudem im Sinne Kants mit den anderen Republikanern weltweit eng verbunden.

Fußnoten

53.
Vgl. Benjamin Barber, Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994; Jean-Marie Guéhenno, Das Ende der Demokratie, München-Zürich 1994; Yves Lacoste, Vive la nation. Destin d'une idée géopolitique, Paris 1997; Pierre-André Taguieff, La République menaçée, Paris 1996.
54.
Vgl. B. Barber, ebd.
55.
Philippe Van Parijs, Real Freedom for All. What (if anything) Can Justify Capitalism?, Oxford 1995, S. 230.
56.
Vgl. Serge Audier, Les Théories de la république, Paris 2004, S. 18f., 26f. und 29.
57.
Vgl. u.a. Michel Wieviorka, Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten, Hamburg 2003; Yves Bizeul, Kulturalistische, republikanische und zivilgesellschaftliche Konzepte für die Integration von Immigranten, in: ders. (Hrsg.), Integration von Migranten. Französische und deutsche Konzepte im Vergleich, Wiesbaden 2004, S. 137 - 175.
58.
Vgl. Dieter Oberndörfer, Der Wahn des Nationalen. Die Alternative der offenen Republik, Freiburg i. Br.-Basel-Wien 1993; Michael Walzer, Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie, Berlin 1992, S. 172ff.