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Bundeswehr-Soldat

9.4.2020 | Von:
Nina Leonhard

Soldat sein. Sozialwissenschaftliche Debatten über den Wandel des Soldatenberufs

Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Zunahme asymmetrischer, hybrider Konfliktlagen sind für die Bundeswehr wie für die meisten Streitkräfte in Europa Aufgaben entstanden, die sich von der Landes- und Bündnisverteidigung in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Diese von "klassischer" Kriegführung abweichenden Aufgaben brachten nicht nur eine Reihe struktureller Veränderungen mit sich. Deren augenfälligstes Beispiel ist die Aussetzung der Wehrpflicht,[1] die in der Bundesrepublik allerdings erst 2011 und damit deutlich später als in anderen europäischen Ländern vollzogen wurde. Auch ein kultureller Wandel, bezogen auf zentrale Vorstellungen über Sinn und Zweck des Einsatzes militärischer Gewalt ebenso wie über den Soldatenberuf, war damit verbunden.

Sozialwissenschaftlich lassen sich solche Wandlungsprozesse auf verschiedene Arten erfassen: etwa in Form von Modellen, anhand derer Qualität und Richtung empirisch zu beobachtender Veränderungen abgebildet und bewertet werden (sollen); oder durch eine Analyse öffentlicher beziehungsweise veröffentlichter Debatten, also diskursiver Auseinandersetzungen über bestimmte Problemlagen – ausgehend von der Annahme, dass die so reproduziert und bestätigten oder aber modifizierten Deutungsmuster und Topoi dazu beitragen, soziale Wirklichkeit und damit die Art und Weise konstituieren, wie individuelle und kollektive Akteure die Welt um sich herum sehen und in ihr handeln.

Im Folgenden gebe ich einen Überblick über verschiedene Streitkräftemodelle, rekapituliere die Debatte um den Stellenwert des Kämpfens für das soldatische Berufsverständnis und komme darüber zu Einblicken in zentrale Merkmale und Herausforderungen des Soldatenberufs der Gegenwart. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Situation der deutschen Streitkräfte, ergänzt durch punktuelle Verweise auf vergleichbare Zusammenhänge im internationalen Kontext.

Von Verteidigungsarmeen zu postmodernen Streitkräften

Die Feststellung, dass das Ende des Kalten Krieges auch und gerade für die Streitkräfte eine zentrale Zäsur bedeutete, erscheint als Gemeinplatz. Diese Zäsur in ihren Implikationen genau zu erfassen und einzuordnen, ist indes komplizierter. Einer der ersten umfassenden Ansätze hierzu stammt vom US-amerikanischen Militärsoziologen Charles Moskos mit seiner These von der Entwicklung westlicher Streitkräfte zu "postmodernen" Streitkräften ("postmodern military").[2] Ausgangspunkt hierfür ist die Annahme, dass das vorherrschende Kriegsbild beziehungsweise Bedrohungsszenario nicht nur die Verfasstheit der Streitkräfte, sondern auch die Form ihrer zivilgesellschaftlichen Einbindung bestimmt. Ändern sich Funktion und Aufgaben der Streitkräfte, hat dies nicht nur Auswirkungen auf das vorherrschende soldatische Berufsbild, sondern auch auf die personelle Zusammensetzung der Streitkräfte wie für die Interaktion der Streitkräfte mit der zivilen Umwelt, etwa das Verhältnis zu den Medien oder die Haltung der Bevölkerung zu ihnen. Moskos entwirft vor diesem Hintergrund eine Dreier-Typologie, um den Charakter westlicher Streitkräfte – vom US-Militär als Ankerfall abgeleitet – für die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg ("Moderne"), für die Epoche des Kalten Krieges ("Spätmoderne") und die Zeit seit 1990 ("Postmoderne") zu beschreiben.

"Postmoderne" Streitkräfte sind demnach typischerweise kleine Freiwilligenarmeen, zu deren Hauptaufgaben Peacekeeping und humanitäre Einsätze gehören – im angloamerikanischen Sprachgebrauch: "military operations other than war" (MOOTW). Für postmoderne Streitkräfte gilt nicht (mehr) der Kämpfer beziehungsweise Führer im Gefecht (wie zur Zeit bis 1945) oder der militärische Manager (wie zur Zeit des Kalten Krieges) als berufliches Leitbild, sondern der militärische Diplomat und wissenschaftlich (aus)gebildete Soldat ("soldier-statesman"; "soldier-scholar"); sie zeichnen sich zudem durch die Integration vormals ausgeschlossener Personengruppen wie Frauen und Homosexuelle aus. Postmoderne Streitkräfte suchen schließlich engen Kontakt zu den Medien, haben es jedoch mit einer Bevölkerung zu tun, die ihnen weitgehend indifferent gegenübersteht.

Ungeachtet der Kritik an einer unzureichenden Begründung der die Typologie konstituierenden Merkmale wie auch am unscharf bleibenden Begriff der Postmoderne[3] diente Moskos’ Streitkräftemodell in der internationalen militärsoziologischen Diskussion bis weit in die 2000er Jahre hinein als wichtiger Referenzpunkt für ländervergleichende Analysen westlicher Streitkräfte und hierzulande als Hintergrundfolie für eine Beschreibung der "neuen" Bundeswehr als "Einsatzarmee".[4] Eine inhaltlich gehaltvolle These, die es erlaubte, anhand des Konstrukts der Postmoderne über die reine Beschreibung von Veränderungen hinaus die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Implikationen allgemein oder landesspezifisch auf den Punkt zu bringen, war hiermit jedoch nur bedingt verbunden.

Für den deutschen Militärsoziologen Heiko Biehl war dies Mitte der 2000er Jahre der Anlass, in Auseinandersetzung und Erweiterung der Überlegungen von Moskos ein eigenes Modell zu entwickeln, um den Wandel, den speziell die Bundeswehr bis dahin durchlaufen hatte, kritisch zu erfassen.[5] Auch Biehl entwirft hierfür eine Typologie, die allerdings keinen historischen Verlauf, sondern zwei grundsätzlich unterschiedliche militärische Funktionslogiken idealtypisch repräsentieren soll: die "Verteidigungsarmee" und die "Interventionsarmee". Beim ersten Typus der "Verteidigungsarmee" wird der Auftrag der Streitkräfte aus einer äußeren Bedrohung abgeleitet; er ist überwiegend stabil und gilt als selbstverständlich akzeptiert, was auch die personelle Zusammensetzung der Streitkräfte – in der Regel: auf Basis der Wehrpflicht – und den Status der Militärangehörigen ("Landesverteidiger") bestimmt. Demgegenüber hängt der Auftrag des zweiten Typs der "Interventionsarmee" von den jeweiligen außen- und sicherheitspolitischen Interessenlagen des betreffenden Staates ab, die von Fall zu Fall unterschiedlich ausfallen können und daher stets von Neuem begründet werden müssen: Die Legitimation der Streitkräfte an und für sich und die Legitimation ihres Einsatzes fallen hier auseinander. Der Einsatz von Interventionsarmeen ist keine alternativlose "nationale Notwendigkeit" (wie im Fall von Verteidigungsarmeen), sondern als Teil des "sicherheitspolitischen Kapitals"[6] eines Staates zu verstehen. Der Einsatz (oder Nichteinsatz) von Interventionsarmeen weist daher stets "ein voluntaristisches Moment"[7] auf, da die jeweils getroffene Entscheidung prinzipiell auch anders hätte ausfallen können.

Von diesen allgemeinen Überlegungen ausgehend, diskutiert Biehl Veränderungsprozesse der Bundeswehr auf der Makro-, Meso- und Mikroebene und kommt zum damaligen Zeitpunkt zu dem Schluss, dass es sich bei der seit den 1990er Jahren erfolgten Reform der Bundeswehr um eine "gehemmte Transformation"[8] handle. Dies, so Biehl, sei allerdings nicht nur "der für einen Umbau notwendigen Zeit geschuldet", sondern mitunter auch politisch so gewollt – aufgrund der Befürchtung, dass eine "umfassende Verfügbarkeit und Verwendbarkeit der Bundeswehr für militärische Interventionen größere Begehrlichkeiten" aufseiten der Bündnispartner wecken würde.[9] Dies wiederum würde die seit 1990 aufgebrochene Spannung zwischen den beiden Handlungsmaximen verschärfen, die das außen- und sicherheitspolitische Selbstverständnis der Bundesrepublik konstituieren, nämlich Bündnissolidarität und militärische Zurückhaltung, und die Legitimation der Auslandseinsätze in der Öffentlichkeit weiter erschweren.

Biehls These vom gehemmten Wandel der Bundeswehr, in dem namentlich der fehlende sicherheitspolitische Konsens in der Bundesrepublik über Sinn und Zweck des Einsatzes militärischer Gewalt zum Ausdruck kommt, wurde im kleinen Kreis der deutschsprachigen Militärforscherinnen und -forscher durchaus rezipiert, entfaltete allerdings darüber hinaus keine Resonanz, zumal mit der Entscheidung über die Aussetzung der Wehrpflicht ab 2011 ein weiteres entscheidendes Merkmal der "alten" Bundeswehr weggefallen war.

Postheroische Gesellschaft

Für ein größeres Publikum in Öffentlichkeit wie Wissenschaft sind vielmehr die ebenfalls Mitte der 2000er Jahre entstandenen Überlegungen des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler zur "postheroischen Gesellschaft" einschlägig geworden.[10] Münkler griff hier die US-amerikanische Debatte um "postheroische Kriegführung"[11] auf, um die Herausforderungen des Umgangs mit militärischer Gewalt und den dabei entstehenden Opfern (auf der eigenen wie der anderen Seite) zu diskutieren, die sich speziell für politische Gemeinschaften mit einem zivilen, das heißt auf Gewaltverzicht abzielenden Selbstverständnis wie die der Bundesrepublik stellen.[12] Wie Moskos und Biehl geht Münkler von einer Gleichung zwischen Kriegsform und gesellschaftlicher Verfasstheit aus, wobei er den Aspekt der Opferbereitschaft ins Zentrum rückt: Je größer das in einer Gesellschaft vorhandene Heroisierungspotenzial ist, das heißt der Grad der gesellschaftlichen Verankerung von (kriegerischem) Heldentum und Opferbereitschaft, desto kriegsbereiter ist demnach diese Gesellschaft – und umgekehrt. Auf dieser Grundlage entwickelt Münkler – ähnlich wie Moskos – eine historisch begründete Gesellschaftstypologie: von der Zeit "klassischer" Nationalstaaten im 19. und frühen 20. Jahrhundert über die totalitären Gesellschaften im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs bis zu den westlichen Industriegesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Laut Münkler sind Letztere zu Gesellschaften geworden, in denen Heldentum und Opferbereitschaft (im Sinne von sacrificium) ihren früheren Stellenwert verloren haben ("postheroisch"). Gerade in Zeiten asymmetrischer Konfliktlagen sind postheroische Gesellschaften daher nicht nur durch eine besondere außen- und sicherheitspolitische Verletzlichkeit gekennzeichnet, wie insbesondere am Beispiel der Terroranschläge von 2001 deutlich wurde. Sie haben darüber hinaus innenpolitisch besondere Schwierigkeiten, Tod und Verwundung im Rahmen militärischer Gewaltanwendung zu verarbeiten, wie dies etwa bei der Debatte um das "Ehrenmal" der Bundeswehr 2009 zutage trat.[13]

Während die Modelle von Moskos und Biehl die funktionalen Wechselwirkungen zwischen der Verfasstheit von Streitkräften und ihrer zivilen Umwelt jenseits des nationalen Verteidigungsbezugs thematisieren, richtet Münkler den Blick auf das Dilemma, das hierzulande bereits bei den Einsätzen der Bundeswehr im Kosovo erkennbar war und sich im Rahmen des Afghanistan-Einsatzes vollends entfaltete: dass eine Berufung auf universale Werte und Bündnisverpflichtungen den Einsatz militärischer Gewalt notwendig erscheinen lässt, was gleichzeitig aus der Perspektive eines zivilgesellschaftlichen Selbstverständnisses, das auf Gewaltverzicht abhebt, kritisch bis ablehnend bewertet werden muss. Diese Ambivalenz militärischer Gewalt, auf der der von Biehl beschriebene sicherheitspolitische Dissens über die Auslandseinsätze der Bundeswehr beruht, wird bei Münkler durch die Betonung der sakrifiziellen Dimension des Soldatenseins nochmals auf andere Art zugespitzt. Vor dem Hintergrund der Mitte der 2000er Jahre aufkommenden Frage, wie die Bundesrepublik mit den im Einsatz getöteten Bundeswehrangehörigen umgehen solle, erhielten diese Überlegungen eine über die Wissenschaft hinausgehende Anschlussfähigkeit insbesondere für militärnahe Kreise, die damit ihren Forderungen nach größerer gesellschaftlicher Anerkennung für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr identitätspolitischen Nachdruck verleihen konnten.[14]

Welche Konsequenzen sich aus der Diagnose des Postheroismus allerdings für die Streitkräfte und ihre Angehörigen selbst ergeben und wie diese allgemein mit den Herausforderungen gegenwärtiger Einsätze umgehen, wird von Münkler gar nicht problematisiert. Im Rahmen der Konzeptionen von Moskos und Biehl wird dieser Punkt anhand der Kategorie des Berufsbildes beziehungsweise der Art der beruflichen Motivation erfasst, aber ebenfalls nicht im Einzelnen diskutiert.[15] Die Konsequenzen der skizzierten Veränderungen auf soldatischer Ebene wurden und werden hingegen in der deutschsprachigen wie internationalen Militärsoziologie anhand der Auseinandersetzung mit verschiedenen Soldatenbildern thematisiert. Zentrale Merkmale dieser Auseinandersetzung werden im Weiteren anhand der Frage nach dem Status des soldatischen Kämpferideals rekapituliert.

Was kann und soll der Soldat?

Als in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr immer gewaltvollere Züge annahm, entwickelte sich in Wissenschaft und Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der Streitkräfte eine lebhafte Debatte um das zukünftig Soldatenbild der Bundeswehr.[16] Im Zentrum stand die Frage, ob Soldaten angesichts der gegenwärtigen Einsatzanforderungen ihr berufliches Fähigkeitsprofil ausweiten können, sollen und/oder müssen, oder ob es vielmehr zu einer Konzentration auf die Kompetenz des Kämpfens – als handlungsbezogenes Pendant zur streitkräftespezifischen Fähigkeit der organisierten Vorhaltung, Androhung und Anwendung von Gewalt – kommen kann, soll und/oder muss:[17] Im einen Fall wird ein Bild des Soldaten als polyvalenter Staatsbürger in Uniform propagiert, der neben dem Gefechtsfeld auch als Diplomat, Helfer, Schützer oder sogar Sozialarbeiter tätig werden (können) muss – was der Vorstellung eines "postmodernen" Soldaten im Sinne Moskos’ recht nahe kommt. Im anderen Fall wird das Kämpfen als soldatische Kernkompetenz und Alleinstellungsmerkmal betont. Mehr oder weniger offen ausgesprochen, ging es bei dieser Debatte auch um die Frage, ob beziehungsweise inwiefern das bis heute offiziell gültige Bundeswehr-Leitbild des Soldaten als "Staatsbürger in Uniform", das ein wesentlicher Bestandteil der Inneren Führung, der "Unternehmenskultur"[18] der Bundeswehr, ist, weiterhin Gültigkeit haben kann beziehungsweise soll. Die Frage nach dem Stellenwert des Kämpfens war und ist (organisations-)politisch deswegen so brisant, weil das Ideal des Staatsbürgers in Uniform für einen Soldatentypus steht, der sich zwar durchaus durch die Fähigkeit und Bereitschaft zu kämpfen auszeichnet; der Einsatz militärischer Gewalt gilt hier jedoch ausschließlich als ein Mittel, um legitime politische Ziele zu erreichen – wie die Landes- und Bündnisverteidigung oder die Herstellung und Bewahrung friedlicher Verhältnisse –, ist aber kein Ziel oder gar Selbstzweck soldatischen Handelns an und für sich.

Folgt man dem Überblick von Biehl,[19] lassen sich in den verschiedenen Stellungnahmen zu dieser Problematik drei unterschiedliche Perspektiven erkennen: Neben Beiträgen, die unter normativen Gesichtspunkten definieren, wie der Soldat der Bundeswehr sein soll – was je nach eingenommenem politischem Standpunkt unterschiedlich ausfällt –, setzen sich andere Beiträge aus einer funktionalen Perspektive mit den Möglichkeiten und Grenzen der Vorbereitung von Soldaten auf die aktuellen Aufgaben der Bundeswehr – zum damaligen Zeitpunkt: Afghanistan – auseinander: Diskutiert wird hier, wie weit Soldaten in der Lage sein können, mit den vielfältigen Anforderungen der Einsätze sowie insbesondere mit den Widersprüchen zurechtzukommen, wie sie sich etwa durch die Gewaltkonfrontation im Einsatzland vor dem Hintergrund des im Heimatland vorherrschenden zivilgesellschaftlichen Gewaltverbots ergeben.[20] In diesem Kontext wird nicht zuletzt vor einer Überforderung der Soldaten gewarnt – und mitunter prognostiziert, dass im Zweifelsfall eine Konzentration des beruflichen Selbstverständnisses aufs Kämpfen erfolge.[21] Schließlich gibt es Beiträge, die aus einer dezidiert empirischen Perspektive erörtern, welche Faktoren das berufliche Selbstverständnis und die Motivation der Soldaten prägen. Biehl selbst kommt unter Berufung auf die Ergebnisse empirischer Befragungen[22] zu dem Ergebnis, dass es kaum Anzeichen dafür gibt, dass sich die beruflichen Einstellungen und Motivlagen deutscher Soldatinnen und Soldaten durch den Einsatz in Afghanistan grundlegend verändert hätten. Er grenzt sich hiermit insbesondere vom Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel ab, der auf einer ähnlichen Literaturgrundlage[23] und unter Verweis auf seine eigenen Forschungsarbeiten zur Wehrmacht[24] die Wirkmächtigkeit des Referenzrahmens "Krieg" betont und die Bedeutung von Gewalterfahrungen für soldatische Selbstbilder hervorhebt – und die Bundeswehr hier explizit einschließt.

Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind zumindest in Teilen darauf zurückzuführen, dass sich einige Forscher wie Neitzel auf das unmittelbare Kampfgeschehen und die entsprechenden Handlungsparameter konzentrieren (und davon nachhaltige Folgen ableiten) –, während andere Autoren wie Biehl soldatisches Handeln im übergeordneten Zusammenhang betrachten und im Hinblick auf seine politischen und sozialen Folgen im Heimat- wie im Einsatzland reflektieren. Dies führt unter anderem dazu, dass Gewalterfahrungen im Einsatzkontext zu einer von mehreren betrachteten Variablen werden.

Identität und Anerkennung

Dass die Frage, wie stark oder ausschließlich sich Militärangehörige mit der soldatischen Kämpferrolle identifizieren, nicht nur im deutschen Kontext mit seiner spezifisch normativen Aufladung[25] von Relevanz ist, verdeutlicht ein Blick ins Ausland: So beschäftigt sich ein Forscherteam aus den Niederlanden schon seit Längerem mit der Vereinbarkeit unterschiedlicher Rollenerwartungen an Soldaten als "peacekeeper" beziehungsweise "warrior".[26] Demnach handelt es sich um Identifikationsrollen, die sich nicht wechselseitig ausschließen, sondern mitunter ergänzen können. Die Ergebnisse einer vergleichenden Fünf-Länder-Studie weisen darüber hinaus darauf hin, dass es für Streitkräfte sinnvoll sein könnte, beiden Rollen einen Platz im Rahmen der militärischen Ausbildung einzuräumen, anstelle nur die eine oder die andere Rolle zu betonen.[27]

Hierzulande hat sich seit 2014 mit der Umwandlung des Militäreinsatzes in Afghanistan in eine internationale Ausbildungsmission und der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland die Debatte um die Relevanz des soldatischen Kämpfens abgeschwächt – und zwar nicht nur seitens der Wissenschaft, sondern auch innerhalb der Bundeswehr selbst. Binnenmilitärische Auseinandersetzungen, wie sie vom Offizier der Bundeswehr Marcel Bohnert zwischen "Drinnis" und "Draussis", [28] also zwischen innerhalb und außerhalb des Feldlagers eingesetzten Soldaten, geschildert oder auch als Konflikt zwischen jüngeren einsatzerfahrenen Soldaten und ihren älteren, weniger einsatzerfahrenen Vorgesetzten unter dem Schlagwort "Generation Einsatz" verhandelt wurden,[29] haben inzwischen ihre einstige Brisanz verloren.

Neuere Studienergebnisse deuten ferner darauf hin, dass Einsatzrückkehrer – von Ausnahmen abgesehen – überwiegend gut mit den in Afghanistan gemachten (Gewalt-)Erlebnissen zurechtkommen.[30] Augenscheinlich werden innerhalb der Streitkräfte die deutschen Afghanistan-Erfahrungen mittlerweile allenthalber und weitgehend konsensuell als "Professionalisierung" gedeutet[31] und in dieser Form auch offiziell erinnert. Dies geht etwa aus der Neufassung der Traditionslinien von 2018 hervor:[32] Dort findet die Bewährung im Gefecht – erstmals – eine positive Erwähnung, was durchaus als politisches Zugeständnis an die Forderungen einsatzerfahrener Soldaten nach mehr Anerkennung interpretiert werden kann. Die Prinzipien der Inneren Führung und damit verbunden das Bekenntnis gegen eine (ausschließliche) Fokussierung auf die professionelle Expertise militärischen Gewaltmanagements wurden jedoch insgesamt bekräftigt. All dies deutet darauf hin, dass der Afghanistan-Einsatz und die damit verbundenen Gewalterfahrungen in professions- wie identitätsbezogener Hinsicht einen organisationskulturellen Wandel bewirkten, der als eine (Re-)Fokussierung auf die militärische Kompetenz des Gefechts bezeichnet werden könnte. Diese (Re-)Fokussierung wurde allerdings im Verlauf der Zeit sukzessiv institutionalisiert – Einweihung des "Ehrenmals der Bundeswehr" 2009; Schaffung einer Einsatzmedaille "Gefecht" 2010; Einweihung des "Walds der Erinnerung" 2014; Erlass neuer Traditionsrichtlinien 2018 und Festlegung des Veteranenbegriffs 2018 – und auf diese Weise eingehegt.

Schluss

Die Bundeswehr hat wie viele andere europäische Streitkräfte in den vergangenen Jahrzehnten einen Wandlungsprozess durchlaufen. Im Zuge einer Relativierung der Funktion der Landesverteidigung und einer verstärkten Ausrichtung auf asymmetrische und hybride Konfliktformen ist die Legitimation militärischer Gewalt politischer und dadurch gleichsam prekärer geworden: Der Einsatz von Streitkräften stellt unter diesen Bedingungen eine Option unter mehreren dar und wird damit stets von Neuem begründungspflichtig.[33] Für die Angehörigen der Streitkräfte bedeutet dies, dass ihre gesellschaftliche Akzeptanz nicht notwendigerweise deckungsgleich mit der Zustimmung zu den Aufträgen ist, die ihnen seitens der Politik übertragen werden. Im Fall der Bundeswehr zeigte sich dies besonders eindrücklich an der wachsenden öffentlichen Kritik am Afghanistan-Einsatz.

Anhand der hier ausschnittsweise dargestellten Debatte um richtige beziehungsweise falsche Soldatenbilder, die sich in diesem Kontext entwickelte, lässt sich auch die starke normative Rahmung verdeutlichen, die die Beschäftigung mit dem Soldatenberuf hierzulande kennzeichnet und mit der Eigenart dieser Profession zusammenhängt: Da Soldatinnen und Soldaten Gewalt ausüben können und sollen, während dies allen anderen Bürgerinnen und Bürgern (mit Ausnahme der Angehörigen der Polizei) untersagt ist, unterliegt ihre Haltung und ihr Verhalten besonderen Bewertungsmaßstäben – im deutschen Fall sind dies die Grundsätze der Inneren Führung. Zugleich folgt aus ebendieser Funktionszuschreibung, dass Militärangehörige aus professionellen Gründen für die Erfüllung ihres Auftrags einen eigenen Zugang zu militärischer Gewaltausübung haben beziehungsweise ausbilden müssen.[34] In diesem Sinne lässt sich die skizzierte Diskussion um die Bedeutung von Gefechtserfahrungen innerhalb der Bundeswehr vor dem Hintergrund des Afghanistan-Einsatzes durchaus als erfolgreicher Versuch der Bestätigung und Aufwertung der soldatischen Profession verstehen. Wie tragfähig der derzeit erzielte Konsens ist, wird sich im Rahmen zukünftiger Aufgaben zeigen, wo neu(artig)e Gefechte, etwa in virtueller Gestalt, in den Vordergrund rücken könnten. Dasselbe gilt für die Frage, inwiefern die seit 2014 wieder wichtiger gewordene Landes- und Bündnisverteidigung eine Renaissance des durchaus auch weltanschaulich zu verstehenden Ideals des "Landesverteidigers" bedingen wird.

Fußnoten

1.
Vgl. Karl Haltiner, The Decline of the European Mass Armies, in: Giuseppe Caforio (Hrsg.), Handbook of the Sociology of the Military, New York 2003, S. 361–384; Ines-Jacqueline Werker, Wehrpflicht oder Freiwilligenarmee? Wehrstrukturentscheidungen im europäischen Vergleich, Frankfurt/M. 2006.
2.
Vgl. Charles C. Moskos/James Burk, The Postmodern Military, in: ders. (Hrsg.), The Military in New Times. Adapting Armed Forces After the Cold War, Boulder 1994, S. 141–162; Charles C. Moskos, Toward a Postmodern Military: The United States as a Paradigm, in: ders./John Allen Williams/David R. Segal (Hrsg.), The Postmodern Military. Armed Forces after the Cold War, New York–Oxford 2000, S. 14–31.
3.
Vgl. Bradford Booth/Meyer Kestnbaum/David R. Segal, Are Post-Cold Militaries Postmodern?, in: Armed Forces & Society 3/2001, S. 319–342.
4.
Vgl. Moskos/Williams/Segal (Anm. 2); Wilfried von Bredow, Die Streitkräfte im postmodernen Zwielicht. Ziele und Probleme des militärischen Strukturwandels, in: Sabine Collmer/Gerhard Kümmel (Hrsg.), Europäische Streitkräfte in der Postmoderne, Baden-Baden 2002, S. 11–28.
5.
Vgl. Heiko Biehl, Von der Verteidigungs- zur Interventionsarmee. Konturen eines gehemmten Wandels, in: Gerhard Kümmel, Streitkräfte im Einsatz: Zur Soziologie militärischer Intervention, Baden-Baden 2008, S. 9–20.
6.
Vgl. ebd., S. 11, passim.
7.
Vgl. ebd., S. 13.
8.
Vgl. ebd., S. 17.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. Herfried Münkler, Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006, S. 301–354; ders., Heroische und postheroische Gesellschaften, in: Dierk Spreen/Trutz von Trotha (Hrsg.), Krieg und Zivilgesellschaft, Berlin 2012, S. 175–187.
11.
Vgl. Edward N. Luttwak, Toward Post-Heroic Warfare, in: Foreign Affairs 3/1995, S. 109–122.
12.
Die nachfolgenden Ausführungen folgen in Teilen der Darstellung in Nina Leonhard, Die postheroische Gesellschaft und ihr Militär, in: Matthias Junge (Hrsg.), Metaphern soziologischer Zeitdiagnosen, Wiesbaden 2016, S. 101–121, hier S. 106–111.
13.
Vgl. Herfried Münkler, Militärisches Totengedenken in der postheroischen Gesellschaft, in: Manfred Hettling/Jörg Echternkamp (Hrsg.), Bedingt erinnerungsbereit. Soldatengedenken in der Bundesrepublik, Göttingen 2008, S. 22–30; Nina Leonhard, Die zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland zwischen Vergangenheit und Zukunft: Das "Ehrenmal" der Bundeswehr, in: Stefan Bayer/Matthias Gillner (Hrsg.), Soldaten im Einsatz. Sozialwissenschaftliche und ethische Perspektiven, Berlin 2011, S. 127–146.
14.
Vgl. hierzu auch Angelika Dörfler-Dierken, Identitätspolitik der Bundeswehr, in: dies./Gerhard Kümmel (Hrsg.), Identität, Selbstverständnis, Berufsbild. Implikationen der neuen Einsatzrealität für die Bundeswehr, Wiesbaden 2010, S. 137–160.
15.
Die im Konzept der Postmoderne enthaltene Idee des Wertewandels wurde gleichwohl in der empirischen Forschung zur soldatischen Einsatzmotivation durchaus aufgegriffen, etwa von Fabrizio Battistelli, Peacekeeping and the Post-Modern Soldier, in: Armed Forces & Society 3/1997, S. 467–484; unter anderen theoretischen Vorzeichen war dies auch Gegenstand der geschlechtersoziologischen Arbeit zum Wandel des soldatischen Selbstkonzepts Anfang der 1990er Jahre von Ruth Seifert, Militär – Kultur – Identität. Individualisierung, Geschlechterverhältnisse und die soziale Konstruktion des Soldaten, Bremen 1996.
16.
Die nachfolgenden Ausführungen folgen in Teilen der Darstellung in Nina Leonhard, Über den (Wesens)Kern des Soldatseins: Professionssoziologische Überlegungen zur gegenwärtigen Debatte um soldatische Berufs- und Selbstbilder im Bereich der Bundeswehr, in: Silke Müller-Herrmann et al. (Hrsg.), Professionskulturen – Charakteristika unterschiedlicher professioneller Praxen, Wiesbaden 2018, S. 7–29, hier S. 9ff.
17.
Vgl. hierzu die Synthesen von Sönke Neitzel, Der Westen und die Neuen Kriege, in: Mittelweg 36 5/2013, S. 63–78, sowie von Heiko Biehl, Kämpfer auf dem Vormarsch? Über die Folgen von Einsatz und Gefecht für die Bundeswehr, in: Mittelweg 36 6/2014, S. 49–72.
18.
Elmar Wiesendahl, Zur Aktualität der Inneren Führung von Baudissin für das 21. Jahrhundert. Ein analytischer Bezugsrahmen, in: ders. (Hrsg.), Innere Führung für das 21. Jahrhundert. Die Bundeswehr und das Erbe Baudissins, Paderborn 2007, S. 11–28, hier S. 23.
19.
Vgl. Biehl (Anm. 17), S. 49f.
20.
So etwa Maja Apelt, Das Gewaltdilemma moderner Streitkräfte, in: Dierk Spreen/Trutz von Trotha (Hrsg.), Krieg und Zivilgesellschaft, Berlin 2012, S. 219–237.
21.
So beispielsweise Jens Warburg, Paradoxe Anforderungen an soldatische Subjekte avancierte Streitkräfte im (Kriegs-)Einsatz, in: Maja Apelt (Hrsg.), Forschungsthema Militär. Militärische Organisationen im Spannungsfeld von Krieg, Gesellschaft und soldatischen Subjekten, Wiesbaden 2010, S. 245–270; Kai-Uwe Hellmann, Bewährungsprobe – Die Innere Führung im Einsatz, in: Uwe Hartmann et al. (Hrsg.), Jahrbuch Innere Führung 2011. Ethik als geistige Rüstung für Soldaten, Berlin 2011, S. 178–200; Kai-Uwe Hellmann, Innere Führung im Einsatz? Oder wie es um die Behauptung der Bewährtheit der Inneren Führung steht, in: Uwe Hartmann/Claus von Rosen (Hrsg.), Jahrbuch Innere Führung 2013. Wissenschaft und ihre Relevanz für die Bundeswehr als Armee der Einheit, Berlin 2013, S. 152–168.
22.
Vgl. Heiko Biehl/Jörg Keller/Maren Tomforde, "Den eigentlichen Einsatz fährt meine Frau zu Hause …" Aspekte der Trennung von Bundeswehr-Soldaten und ihren Familien während des Auslandseinsatzes, in: Gerhard Kümmel (Hrsg.), Diener zweier Herren. Soldaten zwischen Bundeswehr und Familie, Frankfurt/M. 2005, S. 79–107; Carsten Pietsch, Zur Motivation deutscher Soldatinnen und Soldaten für den Afghanistaneinsatz, in: Anja Seiffert/Phil Langer/Carsten Pietsch (Hrsg.), Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sozial- und politikwissenschaftliche Perspektiven, Wiesbaden 2012, S. 101–121.
23.
Vgl. Neitzel (Anm. 17).
24.
Vgl. ders./Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt/M. 2011.
25.
Vgl. Neitzel (Anm. 17), S. 70.
26.
Vgl. Wendy Broesder et al., Can Soldiers Combine Swords and Ploughshares? The Construction of the Warrior-Peacekeeper Role Identity Survey (WPRIS), in: Armed Forces & Society 3/2015, S. 519–540; siehe hierzu auch den Überblick bei Marina Nuciari, The Study of the Military. Models for the Military Profession, in: Giuseppe Caforio/dies. (Hrsg.), Handbook of the Sociology of the Military, Cham 2018, S. 35–60, hier S. 45ff.
27.
Tessa Op den Buijs et al., Warrior and Peacekeeper Role Identities: Associations with Self-Esteem, Organizational Commitment and Organizational Citizenship Behaviour, in: Journal of Military Studies 8/2019, S. 3–15.
28.
Marcel Bohnert, Armee in zwei Welten, in: Martin Böcker/Larsen Kempf/Felix Springer (Hrsg.), Soldatentum. Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute, München 2013, S. 75–89.
29.
Vgl. Maren Tomforde, Neue Militärkulturen? Wie verändert sich die Bundeswehr durch die Auslandseinsätze?, in: Apelt (Anm. 21), S. 193–220; Anja Seiffert, Generation Einsatz, in: APuZ 44/2013, S. 11–16.
30.
Vgl. dies./Julius Heß, Leben nach Afghanistan – die Soldaten und Veteranen der Generation Einsatz der Bundeswehr. Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF. Forschungsbericht, Potsdam 2019.
31.
Vgl. Maren Tomforde, "Good shot": Gewalterfahrungen von Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz, in: Nina Leonhard/Jürgen Franke (Hrsg.), Militär und Gewalt. Sozialwissenschaftliche und ethische Perspektiven, Berlin 2015, S. 213–248; Robert Cliffort Mann, German Warriors, in: Michael Daxner (Hrsg.), Deutschland in Afghanistan, Oldenburg 2014, S. 139–153.
32.
Vgl. Heiko Biehl/Nina Leonhard, Bis zum nächsten Mal? Eine funktionalistische Interpretation der Debatte um die Tradition der Bundeswehr, in: Donald Abenheim/Uwe Hartmann (Hrsg.), Tradition in der Bundeswehr. Stimmen zum Erbe des deutschen Soldaten und zur Umsetzung des neuen Traditionserlasses, Berlin 2014, S. 30–49.
33.
Einschlägig hierfür Klaus Naumann, Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen, Hamburg 2008.
34.
Vgl. Leonhard (Anm. 16), S. 18f.
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