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1.12.2008 | Von:
Lars Lüdicke

Die neue Staatenwelt nach 1918

Versailler Vertrag

Am Ende der von so unterschiedlichen, ja in Teilen gegensätzlichen Interessen geprägten Verhandlungen stand für Deutschland der Versailler Vertrag. Dieser Minimalkompromiss zwischen der idealistischen Vision einer auf demokratischen Prinzipien beruhenden Weltfriedensordnung und dem von Furcht und Hass diktierten Sicherheits- und Machtinteresse der französischen Siegermacht erreichte das Gegenteil des Beabsichtigten, indem er die Konfliktlinien des Krieges in der Nachkriegsordnung fortsetzte und vermehrte Unsicherheiten schuf. Frankreich musste sich damit abfinden, dass das Reich, das auch als parlamentarische Demokratie seinen alten Namen behielt, als Großmacht potentiell weiter bestand und zur unversöhnlichen Revisionsmacht wurde.

In der Tat erschienen dem Großteil der Deutschen die auferlegten Bedingungen als kaum an- und nicht dauerhaft hinnehmbar. Die Gebietsabtretungen, von denen schwere wirtschaftliche Nachteile erwartet werden mussten, betrafen etwa ein Siebtel der Fläche und ein Zehntel der Bevölkerung und dienten fortan der revanchistischen Agitation. Wenngleich in den meisten der abzutretenden Gebiete eine mehrheitlich nichtdeutschsprachiger Bevölkerung lebte, verletzten die Bestimmungen doch das Gefühl einer Nation auf das Tiefste, die lange Zeit auf einen annexionistischen "Siegfrieden" gesetzt hatte. Hinzu trat, dass die (temporäre) Besetzung des Rheinlandes durch alliierte Truppen als erniedrigender Souveränitätsverlust aufgefasst wurde; die einschneidenden Demilitarisierungsbestimmungen galten als Demütigung der preußisch-deutschen Militärtradition. Empörend wirkte ebenso der Kriegsschuldartikel 231, der Deutschland und seinen Verbündeten die Alleinschuld am Krieg zuschob und auf den sich die Reparationen juristisch und politisch-moralisch gründeten. Seither war der Kampf gegen die "Kriegsschuldlüge" der alliierten Siegermächte "die Integrationsklammer der politischen Kultur Weimars".[3]

Entrüstung lösten nicht zuletzt auch die als demütigend empfundenen Verhandlungen aus. Die deutsche Delegation war an den Gesprächen nicht beteiligt worden, sondern hatte am 7. Mai lediglich den Entwurf des Friedensvertrages empfangen dürfen, der mit der am 16. Juni 1919 übergebenen endgültigen Fassung nahezu identisch war. Substanzielle Veränderungen waren nicht zu erreichen, obwohl in unzähligen deutschen Noten Einwände und Gegenvorschläge formuliert worden waren. Vielmehr blieb nur die Alternative, den Vertrag zu unterzeichnen oder einen alliierten Truppenvorstoß zu riskieren, der das Reich dauerhaft in Einzelstaaten aufzuspalten und in separate Friedensverträge zu zwingen drohte.

Diese Zusammenhänge machen deutlich, warum der am 28. Juni 1919 geschlossene Vertrag vom weit überwiegenden Teil der Deutschen tatsächlich als "Diktat" empfunden wurde: Dass Deutschland die Unterschrift im Spiegelsaal des Versailler Schlosses leisten musste, in dem 48 Jahre zuvor Wilhelm I. zum Kaiser proklamiert und damit das Deutsche Reich begründet worden war, war ein demonstrativer Akt, in dem der französische Triumph und die deutsche Demütigung symbolisch Gestalt annahmen. Eine dauerhaften Frieden stiftende Neukonstruktion der europäischen Staatengemeinschaft zu schaffen, war in Paris nicht gelungen. Es hatte vor allem das Vermögen der von Furcht und Rache geleiteten Staatsmänner Frankreichs überfordert, die unheilvolle nationalstaatliche Machtpolitik der Vergangenheit zugunsten einer zukunftsweisenden Politik aufzugeben, um Deutschland in das demokratische Staatensystem zu integrieren.

Fußnoten

3.
Ulrich Heinemann, Die Last der Vergangenheit. Zur politischen Bedeutung der Kriegsschuld- und Dolchstoßdiskussion, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Die Weimarer Republik 1918 - 1933, Bonn 1987, S. 385.