30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

1.12.2008 | Von:
Lars Lüdicke

Die neue Staatenwelt nach 1918

Völkerbund

Die Deutschen vermochten es nicht, den Versailler Vertrag in realistischen Proportionen zu sehen und auch Vorteile und Chancen zu erkennen, die sich boten. Quer durch alle Bevölkerungsschichten und Parteien verlief die Ablehnung des unter ultimativem Druck der Alliierten angenommenen Vertrags. Dass der als demütigend empfundene Vertrag revidiert werden musste, war allgemeine, parteiübergreifende Überzeugung - die Frage war nur, auf welche Weise, mit welcher Absicht und welchem Ziel. Weithin verstellte die Empörung einen nüchternen Blick: Dass noch im März 1918 dem russischen Kriegsgegner in Brest-Litowsk ein Frieden diktiert worden war, der gegen eben jene Prinzipien verstoßen hatte, auf die Deutschland sich nun berief, spielte im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle. Ebenso wenig wurde gesehen, dass die Friedensbedingungen noch härter hätten ausfallen können: Die Einheit des Reiches war erhalten geblieben; die Reparationspolitik musste in dem Maße nicht von Dauer sein, wie sich die negativen Konsequenzen für die deutsche und die Weltwirtschaft zeigten; und Deutschland hatte gute Aussichten, seine außenpolitische Lage zu verbessern.

Dazu gehörte die zunächst noch verwehrte Mitgliedschaft im Völkerbund, der am 16. Januar 1920 seine Arbeit aufnahm. In Deutschland galt diese Übertragung des liberaldemokratischen Parlamentarismus auf die Staatenwelt als Versuch, die Revision zu erschweren. Nach der Präambel nämlich übernahmen die Mitgliedstaaten die Verpflichtung, die internationalen Beziehungen im Geist von "Gerechtigkeit und Ehre" zu gestalten, das internationale Recht anzuerkennen und "nicht zum Kriege zu schreiten"; ferner versprachen sie, die "territoriale Unversehrtheit und die gegenwärtige politische Unabhängigkeit aller Bundesmitglieder zu achten und gegen jeden Angriff von außen her zu wahren".[4] Deutschland musste - wie auch die anderen besiegten Staaten - diese Satzung als Bestandteil des Friedensvertrags übernehmen und seine Politik an die Grundsätze eines Gremiums binden, dem es selbst nicht angehörte.

Dass Deutschland - wie seine ehemaligen Verbündeten auch - nicht von Beginn an beteiligt wurde, war ein schwerwiegender Geburtsfehler, denn diese Diskriminierung kam gewissermaßen einer Verlängerung der in Sieger und Besiegte gespaltenen Nachkriegsordnung in jenes Gremium gleich, das doch seiner Grundidee nach die gleichberechtigte Beteiligung aller Staaten an internationalen Entscheidungen vorsah. Die Verletzung, ja Selbstwiderlegung des universalen Prinzips zeigte das Grundproblem des Völkerbunds. Wie sich im Versailler Vertrag die Kontinuität nationalstaatlichen Machtdenkens zeigte, so missglückte auch im Völkerbund der Übergang zu einer übernationalen Zusammenarbeit in einer Weltgesellschaft. Als strukturelle Vorbelastung erwies sich auch die Nichtbeteiligung der USA, deren Präsident Wilson maßgeblich auf die Einrichtung dieser Organisation zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens gedrängt hatte. Vom Senat abgelehnt, zogen sich die USA, die 1917 kriegsentscheidend auf dem europäischen Kontinent interveniert hatten, auf eine weithin passive, isolationistische Politik zurück. Auch das revolutionäre Russland blieb bei der Gründung des Völkerbundes ausgeschlossen, sodass sich unter dieser Konstellation ein Instrument zur Sicherung des Status quo im französischen Sinne herauszubilden drohte.

Vor diesem Hintergrund wurde in Deutschland der Völkerbund weithin als Allianz der Siegermächte und als Instrument zur Verewigung der Versailler Nachkriegsordnung angesehen. Insgesamt waren es die Bestimmungen des Vertrages wie auch die moralischen Diskriminierungen, die der Revisionsbewegung von seinem Inkrafttreten an Auftrieb gaben, wobei das Streben nach Revision und die Ablehnung des demokratischen Systems zwei Seiten ein und derselben Haltung bildeten. In der Tat erwiesen sich für die Weimarer Republik vor allem jene Geschichtslegenden als schwere Belastung, die den Deutschen eine Identifikation mit der westlichen Demokratie erschwerten. Die unrealistische Annahme, dass einer parlamentarischen Regierung ein Wilson'scher Friede zuteil werden würde, hatte die Demokratisierung Deutschlands wesentlich begünstigt. Ja, selbst die oberste militärische Führung hatte im Herbst 1918 den Kaiser bedrängt, den verlorenen Krieg in einem maßvollen Frieden zu beenden, und deshalb auf Parlamentarisierung gedrungen. Somit war die später weit verbreitete Auffassung objektiv falsch, nach der die Demokratie als eine von den Siegern aufgezwungene Staatsform galt. Doch als die Siegermächte dem Deutschen Reich den Versailler Vertrag trotz der unlängst etablierten parlamentarischen Demokratie geradezu diktierten, war damit in weiten Teilen des deutschen Volkes die neue Staatsordnung diskreditiert. Deutschland habe, "im Felde unbesiegt", die Waffen freiwillig und in der Erwartung eines "gerechten" Friedens niedergelegt und sei von den wortbrüchigen alliierten Demokratien in einen "Diktatfrieden" gezwungen worden, lautete fortan eine Variante der so genannten "Dolchstoßlegende", die von Beginn an als antidemokratische Hypothek auf der Weimarer Republik lastete.

Fußnoten

4.
Vertrag von Versailles, Präambel bzw. Art. 10.