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1.12.2008 | Von:
Lars Lüdicke

Die neue Staatenwelt nach 1918

Spaltung Europas

Um Italien zum Kriegseintritt an der Seite der Entente gegen die Mittelmächte zu veranlassen, waren dem Apenninstaat im Londoner Pakt vom April 1915 größere Territorien im Norden - etwa Südtirol - zugesagt worden. Dieses wurde Italien in den Pariser Verhandlungen zwar ebenso wie Trentino, Triest, Julisch-Venetien, Istrien und Teile Dalmatiens zugesprochen, jedoch gingen die italienischen Forderungen zum Ende des Krieges weit darüber hinaus. Da sich diese weit reichenden Forderungen weder mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker noch mit der Neuordnung des Balkans in Einklang bringen ließen, vermochte sich Italien in den Pariser Verhandlungen nicht durchzusetzen. Im Gefühl, als Siegermacht um die Beute betrogen worden zu sein, gewann auch in Italien die Revisionsbewegung stark an Zulauf, die sich hinter der Parole vom vittoria mutilata, vom "verstümmelten Sieg" versammelte. In der militärischen Besetzung der vor Albanien gelegenen Insel Korfu im August 1923 zeigte sich die Zielsetzung der im Vorjahr von Mussolini errichteten faschistischen Diktatur: Die anfangs als Revisionismus gedeckte imperialistische Expansionspolitik, die auf Hegemonie im Balkangebiet und im Mittelmeerraum, mithin auf eine Wiederherstellung der Ära des römischen Imperiums abzielte, gewann immer mehr Dynamik.

Italiens Sonderrolle, einerseits zu den Siegern des Weltkriegs und andererseits zu den Revisionsmächten der Nachkriegsordnung zu zählen, verwies auf den vielfach belasteten Frieden in einem Europa, das sich in einen "Klub konservativer Verteidiger oder doch Anhänger des Status quo"[5] und in Revisionsstaaten zu spalten begann. Stark vereinfacht standen in den ersten Friedensjahren jene Staaten, denen Gebiete zugesprochen worden waren oder die gar ihre Staatlichkeit den "Vorortverträgen" zu verdanken hatten, gegen die Länder, die nach Rückgewinnung des Verlorenen strebten. Wie im Falle Italiens durchkreuzten die von nationalstaatlicher Machtpolitik diktierten Interessen jedoch häufig eine solch klare Unterscheidung.

Das galt auch für Polen, das in den Friedensverträgen seine Souveränität zurückerhielt und zum wichtigsten Pfeiler im Allianzsystems Frankreichs wurde: Es sollte nach Westen als Bündnis gegen Deutschland wirken und nach Osten - zusammen mit der Kleinen Entente, einem Bündnissystem zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien - als Schutzgürtel, als Cordon sanitaire, das revolutionäre Russland abschirmen. Hauptsächlich deshalb wurden Polen auf Kosten Deutschlands und Russlands Landstriche zuerkannt, die über die nationalen Siedlungsgebiete hinausgingen: Oberschlesien, Posen und Westpreußen fielen im Westen an den wieder entstandenen Staat wie im Osten Wolhynien sowie Ost- und Westgalizien. Bereits im Jahr 1920 geriet Polen aus diesem Grund mit Sowjetrussland in einen Krieg, der mit dem im März 1921 geschlossenen Frieden von Riga endete. Polen sicherte sich in diesem Vertrag erhebliche Gebietsabtretungen, jedoch blieben die Ergebnisse hinter den ausufernden nationalistischen großpolnischen Träumereien zurück, die sich am Zuschnitt der zwischen 1569 und 1791 bestehenden "Adelsrepublik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen" orientiert hatten.

Die Türkischen Befreiungskriege, Mussolinis Korfu-Abenteuer und der polnisch-sowjetische Krieg waren nur drei militärische Konflikte, an denen sich die Instabilität der Nachkriegsordnung zeigte. Vieles, möglicherweise alles hing für die Bewahrung des europäischen Friedens davon ab, ob sich der Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland um Bewahrung und Revision des Status quo entschärfen ließ. Da der deutsche Revisionismus nur solange ungefährlich blieb, wie das Reich schwach war, schien es den ersten französischen Nachkriegskabinetten um der Existenz ihres Landes willen als alternativlos, Deutschland, die potentiell mächtigste Revisionsmacht, im Zustand der (militärischen) Schwäche zu halten.

Als Frankreich im März 1923 einen Verzug deutscher Reparationslieferungen zum Anlass nahm, um in einer vorbereiteten Aktion das Ruhrgebiet militärisch zu besetzen, erreichte die europäische Krise ihren ersten Nachkriegshöhepunkt. Mit militärischer Gewalt setzte Frankreich in Zusammenwirken mit Belgien eine Politik der "produktiven Pfänder" um, die vor allem das Reparationssystem absichern sollte, das Deutschland niederhielt. Der konfrontative, "passive Widerstand", zu dem die Reichsregierung aufgerufen hatte, wurde erst im September 1923 abgebrochen und von Gustav Stresemann, mit dessen Namen sich eine bis 1929 währende Ära verbindet, zugunsten einer Verständigungspolitik zwischen Frankreich und Deutschland korrigiert, die Europa stabilisierte. Dass diese Wende der deutsch-französischen Beziehungen nur ein Zwischenspiel blieb, hatte nicht unwesentlich mit der europaweiten Demokratiekrise zu tun.

Fußnoten

5.
Hermann Graml, Zwischen Stresemann und Hitler. Die Außenpolitik der Präsidialkabinette Brüning, Papen und Schleicher (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 83), München 2001, S. 15.