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10.11.2008 | Von:
Cas Mudde

Radikale Parteien in Europa

Links gegen Rechts

Die am weitesten verbreitete ideologische Unterscheidung in der Politikwissenschaft im Allgemeinen und in der Extremismusforschung im Besonderen besteht zwischen Links und Rechts. Die bekannteste Erklärung führt diese Unterscheidung auf das erste Parlament nach der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts zurück, wo die Anti-Revolutionäre (die Repräsentanten des ancien régime) auf der rechten und die Revolutionäre auf der linken Seite saßen. Teils aufgrund dieses (angeblichen) Erbes wird die politische Rechte oft als konservativ oder sogar reaktionär betrachtet, während die Linke per se als progressiv angesehen wird.[7] Diese Unterscheidung ist in der vergleichenden Forschung indes so fragwürdig wie problematisch. Die Bedeutung dieser Begriffe hängt vom politischen System ab, auf das sie angewendet werden.

Vom beginnenden 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein basierte die Unterscheidung zwischen der politischen Rechten und der Linken auf religiösen Kriterien. In der Nachkriegszeit wurde die Unterscheidung zwischen Rechts und Links im Kern anhand eines sozioökonomischen Konzepts vorgenommen, d.h. hinsichtlich der Rolle des Staates in Bezug auf die Wirtschaft. In den vergangenen Jahrzehnten wurden etliche neue Vorschläge für die Links-Rechts-Skala gemacht, die von multikulturell im Vergleich zu nationalistisch und libertär gegenüber autoritär reichen. Obgleich diese neuen Einteilungen über immanente Erklärungskraft verfügen, tragen sie nicht unbedingt zu begrifflicher Klarheit bei.

Trotz dieser terminologischen Unklarheit werden die Begriffe "links" und "rechts" hier verwendet, um zwischen den beiden Haupttypen des politischen Radikalismus in Europa zu unterscheiden. In Anlehnung an Norberto Bobbio liegt dieser Hauptunterschied in der Betrachtungsweise von gesellschaftlicher (Un-)Gleichheit: Die Linke hält die entscheidenden Ungleichheiten zwischen Menschen für künstlich und negativ und fordert, diese durch einen aktiven Staat zu überwinden; die Rechte dagegen betrachtet die ausschlaggebenden Differenzen zwischen Menschen als natürlich und positiv und verlangt vom Staat ihre Verteidigung.[8]

Obwohl "jede Charakterisierung bezüglich links und rechts immer eine rücksichtslose Verallgemeinerung darstellt",[9] unabhängig von der Genauigkeit und Eindeutigkeit der Definition, trägt die Unterscheidung dieser beiden verbreiteten - wenngleich unvollkommenen - Typen meiner Meinung nach dazu bei, die Argumentation und Struktur dieses Aufsatzes zu verdeutlichen. Des Weiteren hält sich diese Konzeptualisierung eng an die gängige Interpretationsweise der beiden Begriffe sowohl innerhalb als auch außerhalb der Forschung.

Fußnoten

7.
Zum Begriff der "Rechten" siehe Roger Eatwell/Noel O'Sullivan (Hrsg.), The Nature of the Right: European and American Political Thought since 1789, London 1989; vgl. auch Piero Ignazi, Extreme Right Parties in Western Europe, Oxford 2003, Kapitel 1. Zur "Linken" siehe Joseph M. Schwartz, Left, in: Joel Krieger (Hrsg.), The Oxford Companion to Politics of the World, Oxford 1993, S. 531f.
8.
Hierbei handelt es sich eher um eine persönliche Interpretation als um ein wortgetreues Zitat aus Bobbios Argumentation. Siehe z.B. Norberto Bobbio, Rechts und Links. Zum Sinn einer politischen Unterscheidung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (1994) 5, S. 543 - 549.
9.
Paul Spicker, A Third Way, in: The European Legacy, (2000) 5, S. 230.