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16.10.2008 | Von:
Gerhard Roth

Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild?

Willensfreiheit - gibt es so etwas?

Das bewusste Ich ist als Erlebniszustand also keineswegs eine Illusion. Das Illusionäre an ihm besteht vielmehr in der Vorstellung, es sei "Herr im Hause". Dies stellt die traditionelle Sicht von "Willensfreiheit" in Frage, nach der das Ich bei so genannten willentlichen Entscheidungen das letzte Wort hat. Natürlich bestreitet kein Vertreter dieser Sicht, dass es bei Entscheidungen Motive gibt, die uns in eine bestimmte Richtung drängen, aber wir haben die Möglichkeit, aus geistiger Kraft heraus solche Antriebe zu überstimmen und unserem Handeln eine andere Richtung zu geben. Dieses Konzept liegt auch dem deutschen und kontinentaleuropäischen Strafrecht und seinem Schuldbegriff zugrunde. Sofern der Täter wusste, was er tat, und in der Lage war, seine Handlungen zu steuern, hatte er die Möglichkeit, aufgrund dieses freien Willens der Versuchung zur Tat zu widerstehen. Dass er dies nicht getan hat, begründet seine strafrechtliche Schuld.

Aus neurobiologisch-psychologischer ebenso wie aus philosophischer Sicht hat dieser Begriff von Willensfreiheit erhebliche und in der Strafrechtstheorie seit langem bekannte Schwächen. Erstens unterstellt er, dass Willensfreiheit zwar kausal das Handeln steuert, seinerseits aber nicht kausal determiniert wird, sondern "frei" ist. Es ist bisher keinem Vertreter dieser Sicht gelungen, plausibel zu machen, wie so etwas funktionieren soll. Entsprechend wird "Willensfreiheit" als metaphysische Entität angesehen, die sich der Sicht der Naturwissenschaften entzieht. Zweitens kann man leicht nachweisen, dass eine Person, die der Neigung bzw. Versuchung zu einer bestimmten rechtswidrigen Tat widersteht, dies nur dann tun kann, wenn ein noch stärkeres Motiv sein Handeln bestimmt, z.B. die Angst vor dem Entdecktwerden.

Neurobiologie und Handlungspsychologie gehen von einem Motiv-Determinismus aus: Unser Handeln wird davon bestimmt, welches unter den gerade herrschenden Motiven sich durchsetzt. Diese Motive mögen "angeboren" sein, aus frühkindlichen oder sonstigen Erfahrungen oder aus der gerade vorliegenden Bedürfnislage resultieren. Sie können unbewusst, als Gefühle oder als rationale Erwägungen auftreten. Sie werden in ganz unterschiedlichen Bereichen unseres Gehirns, im überwiegend unbewusst arbeitenden limbischen System bzw. in der bewusstseinsfähigen Großhirnrinde verarbeitet und dann im Handlungssteuerungssystem zusammengebracht, das seinerseits bewusste und unbewusste Anteile hat. In den so genannten Basalganglien wird unmittelbar vor einer Handlung auf unbewusste Art der "Schlussstrich" gezogen, den wir gegebenenfalls, aber nicht immer, als Willensruck erleben.

Es ist also nicht notwendig so, dass das Gehirn "schon längst entschieden hat", ehe das bewusste Ich davon erfährt. Dies ist nur bei automatisierten oder hoch emotionalen Entscheidungen der Fall, und hier erleben wir zuweilen drastisch, dass irgendetwas "in uns" ist, das entscheidet und wogegen wir machtlos sind. Bei komplexen Entscheidungen hingegen kommt dem bewussten Ich eine bedeutende Rolle zu, nämlich als "Bühne" des Abwägens von Handlungsalternativen und ihrer jeweiligen Konsequenzen. Ob und in welcher Weise wir diesen bewussten Abwägungen folgen, hängt wiederum von der Motivlage ab, und manchmal rät der Verstand, etwas zu tun - allein, wir tun dann doch etwas anderes und wundern uns. Der Motiv-Determinismus unseres Willens ist letztlich darin begründet, dass wir unseren Willen nicht selbst wollen können, er formt sich ohne unser Zutun.

Woher kommt dann aber das Gefühl, aus freiem Willen heraus zu handeln? Das unabweisbare Gefühl der "freien Willensentscheidung" haben wir, wenn wir keinem äußeren oder inneren Zwang unterliegen und die realistische Möglichkeit haben, eine bestimmte Sache tun oder auch lassen zu können. Ich möchte jetzt Kaffee trinken, eine Tasse Kaffee steht vor mir, und in einem bestimmten Moment greife ich nach der Tasse. Ich könnte die Bewegung früher oder später ausführen oder sie auch ganz sein lassen. Ich tue genau davon eines, und ich bin dabei frei in dem Sinne, dass es nur von mir und von niemandem sonst abhängt, was ich tue. Selbstverständlich werde ich dabei immer auch von unbewussten Motiven bestimmt, aber es sind Motive, die aus meiner Lebenserfahrung stammen, und solche, die durch Gegenmotive "überstimmt" werden können. Willensfreiheit in diesem Sinne drückt sich meist darin aus, dass wir eine bestimmte Sache "gern" tun - wir stehen dahinter, hätten aber auch anders handeln können, wenn wir nur anders gewollt hätten. Wir haben aber nicht anders gewollt, und so haben wir das eine getan und nicht etwas anderes.

Wir sehen also, dass Determiniertheit durch Motive und Willensfreiheit keine Gegensätze sind, sondern das eine sich aus dem anderen ergibt. Ein "unbedingter" Wille ist nutzlos, und sein Wirken wäre von Zufall nicht zu unterscheiden.