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16.10.2008 | Von:
Gerhard Roth

Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild?

Anlage, Gehirn und Umwelt

Ein drittes Herzstück unseres herkömmlichen Menschenbildes ist die Frage, ob menschliches Handeln hauptsächlich von "angeborenen Faktoren" (Genen) bestimmt ist oder von Lernen, Erziehung und damit von Umwelteinflüssen. Lange Zeit haben sich unterschiedliche Sichtweisen abgewechselt. Seit den 1970er Jahren herrscht bei uns unter dem Einfluss der behavioristischen Psychologie ein Erziehungsoptimismus vor, der nur langsam schwindet. Eine Anlage-Umwelt-Dichotomie erweist sich aber als falsch; vielmehr arbeiten Gene und Umwelt in einer komplizierten Weise zusammen, und der Ort dieses Zusammenwirkens ist das Gehirn.

Dies ergibt sich unter anderem aus der Erkenntnis, dass es nicht einzelne Gene sind, die ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Persönlichkeitseigenschaft bestimmen, sondern dass viele Gene beteiligt sind, und dies meist indirekt, über komplexe Hirnentwicklungsprozesse, die je nach Umwelteinflüssen in unterschiedlicher Weise verhaltensrelevant werden können. Dabei sind genetische Varianten, Gen-Polymorphismen, besonders interessant. Diese zeigen für sich genommen bei ihren Trägern keine auffallende Wirkung, sondern nur in Kombination mit nichtgenetischen Faktoren. Ebenso hat sich der seit langem hartnäckig behauptete wie bestrittene Einfluss frühkindlicher Erfahrung bestätigt, besonders in Form psychischer Traumatisierung infolge Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauchs. Dieser Einfluss lässt sich auch neurobiologisch anhand von Defiziten im Stressverarbeitungssystem nachweisen.

Aus heutiger Sicht sind es vier Faktoren, die unsere Persönlichkeit und unser Handeln bestimmen, nämlich 1) genetische Prädispositionen, 2) Eigenheiten der Hirnentwicklung, 3) frühe psychische Prägungen, insbesondere im Rahmen der Bindungserfahrung, und 4) weitere psychosoziale Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Zwischen diesen Hauptfaktoren besteht eine sich verstärkende oder schwächende Interaktion, wie insbesondere Studien zur Genese gewalttätigen Verhaltens und psychischer Erkrankungen zeigen. In solchen Studien findet man an Hauptfaktoren neben dem Geschlecht (meist männlich) und dem Alter (meist Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25) bestimmte genetische Prädispositionen, vorgeburtliche, geburtliche oder nachgeburtliche Hirnschädigungen und einen niedrigen Serotoninspiegel. An psychologischen und sozialpsychologischen Hauptfaktoren findet man traumatisierende psychische Belastungen in der Kindheit und Erfahrung von Gewaltausübung in der eigenen Familie und im engeren Lebensbereich.

Bei den genetischen Faktoren handelt es sich nicht etwa um "Verbrechergene", sondern um die bereits erwähnten Gen-Polymorphismen. Im Zusammenhang mit erhöhter Neigung zu Gewalt betreffen diese fast immer den Auf- und Abbau des Neurotransmitters Serotonin. Der Neurotransmitter bzw. -modulator Serotonin wirkt beruhigend und besänftigend; er liefert der Psyche die Botschaft: "Nichts und niemand bedroht dich!" Entsprechend führt ein abnorm niedriger Serotoninspiegel bei vielen Personen zu einem ständigen Gefühl großer innerer Unruhe und des Bedrohtseins. Dies äußert sich bei Mädchen und Frauen häufig in einer starken Tendenz zur Selbstverletzung, bei Jungen und Männern hingegen häufig in gewalttätigem Verhalten, das als "reaktiv" bezeichnet wird, da es aus einem Gefühl des Bedrohtseins resultiert.

Wichtig ist, dass ein genetisch bedingter, niedriger Serotoninspiegel durch starke negative Umwelteinflüsse weiter gesenkt werden kann. Diese wirken nicht automatisch traumatisierend, sondern hauptsächlich bei Personen, die bestimmte Serotonin-Polymorphismen aufweisen. Eine große Längsschnittstudie von Forschern aus Neuseeland zeigte, dass bei Kindern, die ohne größere psychische Belastungen aufgewachsen waren, aber Serotonin-Polymorphismen aufwiesen, die Neigung zu Gewalt nur gering erhöht war, und dasselbe war der Fall bei Kindern ohne Serotonin-Polymorphismen, die psychische Traumatisierungen erlebt hatten. Wenn aber beides zusammenkam, war die Gewaltbereitschaft um mehr als das Doppelte erhöht.

Diese Befunde wurden inzwischen vielfach bestätigt und zeigen, dass im Hinblick auf Gewaltbereitschaft, aber auch bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depression oder Schizophrenie in aller Regel weder die Gene noch die Umwelt die Hauptursache sind, sondern das Zusammentreffen beider Typen von Faktoren. Man stellt sich heute vor, dass die das Serotonin-System betreffenden Gen-Polymorphismen eine erhöhte Verletzbarkeit ("Vulnerabilität") für schwere psychische Belastungen darstellen. Treten solche Belastungen vor der Geburt und in der Kindheit nicht auf, dann kann die weitere psychische Entwicklung normal oder mit nur geringen Störungen verlaufen. Ist umgekehrt eine solche Vulnerabilität nicht vorhanden, dann kann ein Mensch eine Fülle psychischer Belastungen aushalten, ohne psychisch krank oder gewaltkriminell zu werden. Verhängnisvoll wird es, wenn eine erhöhte genetisch bedingte Verletzbarkeit auf starken psychischen Stress in früher Kindheit trifft. Umgekehrt ließ sich in Aufsehen erregenden Tierexperimenten zeigen, dass mütterliches Fürsorgeverhalten in den Neugeborenen über das Freisetzen bestimmter Gehirnstoffe diejenigen Genprozesse aktiviert, welche die Wirksamkeit des Stressverarbeitungssystems erhöhen.

Zugleich zeigt sich, dass Persönlichkeit und Psyche eines Menschen im Kindes- und frühen Jugendalter weitgehend festgelegt und in späterem Lebensalter zunehmend resistent gegen weitere Veränderungen werden. Dies bedeutet: Veränderungen sind möglich, aber sie sind immer schwerer zu erreichen. Diese Erkenntnis hat große Auswirkungen auf unsere bisherigen Vorstellungen von Erziehung, Personalführung und Psychotherapie, die aber hier nicht weiter dargestellt werden können.