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16.10.2008 | Von:
Gerhard Roth

Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild?

Fazit

Anhand dreier Beispiele habe ich zu zeigen versucht, dass Erkenntnisse der Hirnforschung eine große Bedeutung für das derzeit dominierende Menschenbild haben, welches gekennzeichnet ist durch einen expliziten oder zumindest impliziten Geist-Gehirn-Dualismus, durch die Annahme eines rationalen Ichs als Steuermann und eines jenseits der Naturkausalität "frei" wirkenden Willens und schließlich durch den Glauben an die große Macht der Erziehung und die lebenslange gleichmäßige Veränderbarkeit des Menschen.

Dem stehen folgende Erkenntnisse gegenüber: 1) Geist und Bewusstsein sind untrennbar mit Hirnprozessen verbunden, bilden mit ihnen eine Einheit und überschreiten nicht die Grenzen des Naturgeschehens. 2) Menschliches Wollen und Handeln unterliegen einem Motiv-Determinismus, der seine Wurzeln in der Persönlichkeitsentwicklung einer Person hat, die wiederum von Genen, Gehirnentwicklung, frühen psychischen Prägungen und späteren psychosozialen Erfahrungen bestimmt wird. Die Auffassung eines indeterminierten "freien" Willens dagegen ist in sich widersprüchlich und empirisch unhaltbar. 3) Gene und Umwelt interagieren auf komplexe Weise miteinander, und zwar vermittelt über Hirnprozesse, die Psyche und Verhalten kontrollieren: Gene bestimmen, welche Umwelteinflüsse wirksam werden, und umgekehrt können psychische und psychosoziale Umwelteinflüsse die Wirksamkeit ("Expression") von Genen beeinflussen. Insofern ist jeder Gen-Umwelt-Dualismus obsolet.

Allerdings: So beeindruckend diese Erkenntnisse sind, sie gehen nicht über das hinaus, was Philosophen und Wissenschaftler seit der Antike in Opposition zum dominierenden Menschenbild gedacht und geschrieben haben. Schon immer sind große Denker von der Einheit von Geist und Gehirn bzw. Körper ausgegangen, haben die Macht des bewussten Ichs und die Existenz einer metaphysischen Willensfreiheit bezweifelt; ebenso haben viele erkannt, dass die Persönlichkeit eines Menschen eine komplizierte Mischung aus Anlage, Entwicklung und Erziehung ist und es mit zunehmendem Alter immer schwerer wird, Menschen zu ändern. Die Bedeutung der hier vorgestellten neuen Erkenntnisse der Hirnforschung liegt also nicht in deren Originalität, sondern in der empirischen Unterstützung bestimmter - meist alternativer - Ansichten vom Menschen. Schließlich zeigt sich, dass die neuen Erkenntnisse keineswegs von Neurobiologen allein gewonnen wurden, sondern in enger Zusammenarbeit mit Psychologen, Psychiatern, Genetikern, Anthropologen und Soziologen. Dies macht den Vorwurf eines neurobiologischen Reduktionismus überflüssig.

Wie ein neues Menschenbild aussehen wird, weiß niemand, denn zum einen können sich die hier vorgestellten Erkenntnisse zumindest teilweise verändern, und zum anderen wird das Bild des Menschen von sich nicht überwiegend von wissenschaftlichen Erkenntnissen bestimmt.[1]

Fußnoten

1.
Diesem Beitrag liegt folgende Literatur zu Grunde: Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Berlin-Heidelberg-New York 20043; Antonio R. Damasio, Descartes Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1994; Lise Eliot, Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren, Berlin 2001; Hans Förstl/Martin Hautzinger/Gerhard Roth (Hrsg.), Neurobiologie psychischer Störungen, Heidelberg u.a. 2006; John-Dylan Haynes/Geraint Rees, Decoding mental states from brain activity in humans, in: Nature Review Neuroscience, (2006) 7, S. 523 - 534; Eric R. Kandel/James H. Schwartz/Thomas M. Jessell, Neurowissenschaften, Heidelberg 1996; Brian Kolb/Ian Q. Wishaw, Neuropsychologie, Heidelberg 1993; Michael Pauen, Das Rätsel des Bewusstseins. Eine Erklärungsstrategie, Paderborn 1999; ders./Gerhard Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Frankfurt/M. 2008; Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt/M. 2001/2003; ders., Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten, Stuttgart 2007; Henrik Walter, Neurophilosophie der Willensfreiheit, Paderborn 1998.