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16.10.2008 | Von:
Gerd Kempermann

Plastizität und Regeneration des Gehirns

Schlussfolgerungen

Die geringe spontane Regenerationsleistung des Gehirns stellt die "Regenerative Medizin", die sich der Verbesserung dieser Situation verschrieben hat, vor große Herausforderungen. Neben Zellersatzstrategien, die wahrscheinlich im Falle des hochgradig komplex aufgebauten Gehirns in ihrer Bedeutung begrenzt sein werden, spielen vor allem Ansätze eine Rolle, die auf Weckung oder Steigerung des vorhandenen, aber unzureichenden Potenzials zur Selbstheilung setzen.

Daneben verfolgt man die Idee, die Kompensationsfähigkeit des Gehirns angesichts drohender funktioneller Defizite zu erhalten oder zu steigern und so die vorhandene "Plastizität" zur Schaffung einer Art Pufferkapazität zu nutzen. Adulte Neurogenese, die Neubildung von Nervenzellen im erwachsenen Gehirn, wirkt primär nicht regenerativ, sondern könnte, zumindest im Zusammenhang von Lern- und Gedächtnisvorgängen und ihren Störungen, zur Schaffung solcher Spielräume (einer "neurogenen Reserve") beitragen.

In jedem Falle zeigt sich, dass die Verbesserung der Regenerationsfähigkeit des Gehirns weit über gradlinige, konventionelle Ansätze im Sinne einer "Reparatur" hinausdenken muss. Regenerative Medizin ist ein transdisziplinärer Ansatz, der im Falle des Gehirns wegen dessen unübertroffener Komplexität auch die "Systembiologie" und die computationalen Neurowissenschaften, also jene Zweige der Wissenschaft, die sich mit solcher Komplexität beschäftigen, einschließt. Die Aussichten sind erheblich weniger pessimistisch, als man lange annehmen musste. Unter "Regeneration" mag sich im Falle des Gehirns dennoch einiges verbergen, das unserem intuitiven und konventionellen Verständnis dieses Begriffes nicht entspricht.