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16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Die Funktion der Gefühle bei rationalen Entscheidungen

Eine rationale Entscheidung (rational choice) läuft nach folgendem Schema ab: Das Gehirn eines "normalen", intelligenten und gebildeten Erwachsenen stellt sich rasch Szenarien denkbarer Reaktionsmöglichkeiten mit entsprechenden Ergebnissen vor. Er untersucht dann die Szenarien und unterzieht jede einzelne einer Kosten-Nutzen-Analyse, um seine Vorteile zu maximieren. In der Regel steht mehr als eine Alternative zur Verfügung. Selbst wenn es nur zwei Wahlmöglichkeiten gäbe, wäre die Abschätzung der Vor- und Nachteile nicht leicht, weil das genaue Ausmaß der unmittelbaren und zukünftigen Gewinne oder Verluste kaum erkennbar ist. Dafür müssen die Größenordnung und der zeitliche Rahmen abgeschätzt werden können. Diese Überlegungen münden in eine komplizierte Berechnung, die verschiedene imaginäre Zeiträume erfasst und zu Verästelungen führt. Es ist schwierig, die vielen Gegenüberstellungen von Verlusten und Gewinnen, die man vergleichen möchte, im Gedächtnis zu behalten. Das Gehirn verliert die Spuren, sobald sie sich verzweigen. Selbst wenn wir Papier und Bleistift bereitstellen, können schlussfolgernde Strategien fehlschlagen. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung bei komplexen Entscheidungen wird logischerweise viel Zeit in Anspruch nehmen, weit mehr, als etwa einem Manager meist zur Verfügung steht.

In der Realität folgen die Wirtschaftssubjekte kaum den oben genannten Schritten und entscheiden selten nach dem Modell der rationalen Erwartungen. Trotzdem trifft das menschliche Gehirn in der Wirtschaft und im Alltag ständig komplexe Entscheidungen - und zwar in kurzer Zeit, manchmal sekundenschnell. Die Tatsache, dass solche raschen Beschlüsse nicht unbedingt fehlschlugen und ab und zu von Erfolg gekrönt waren, führte die Verhaltensforscher zu der Überlegung, es könnte eine andere Erklärung geben.

Die Ergebnisse neuer Experimente in der Hirnforschung deuten auf folgende Abläufe bei einem Entscheidungsprozess hin: Die Schlüsselelemente einer Entscheidung entfalten sich in unserer Vorstellung gleichzeitig und so schnell, dass Einzelheiten nur schwer herauszuarbeiten sind. Bevor ein erwachsener Mensch mit rationalen Überlegungen beginnt und die Prämissen einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzieht, geschieht ein wichtiger Vorgang in seinem Gehirn. Anhand einer Reihe von Experimenten beschreibt Antonio Damasio, einer der bedeutendsten Hirnforscher der Gegenwart, das Geschehen wie folgt:[2] Sobald die unerwünschten Ergebnisse, die mit einer gegebenen Reaktionsmöglichkeit verknüpft sind, in unserer Vorstellung auftauchen, bekommen wir, wenn auch ganz kurz, eine unangenehme Empfindung, ein Gefühl im Bauch. Dieses Gefühl lenkt die Aufmerksamkeit auf die negativen Folgen, die eine bestimmte Handlung nach sich ziehen würde. Die Empfindung im Bauch wirkt wie ein automatisches Warnsignal und bewegt den Handelnden zu Vorsicht und Unterlassen der gedachten Alternative. Das negative automatische Signal wirkt wie eine Bremse und schützt uns vor Verlusten. Zugleich schalten wir zu anderen Alternativen, die uns vorteilhaft erscheinen.

Das Gehirn hat gewiss die Möglichkeit, im Nachhinein eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Diese erfolgt aber erst, nachdem die Gefühle - die auf Erfahrungen und Lernprozessen beruhen - bereits aufgetreten sind und die Zahl der Wahlmöglichkeiten erheblich reduziert haben. Diese Gefühle nehmen uns nicht das Denken ab, sondern helfen dem Denkprozess, indem sie die negativen Wahlmöglichkeiten sofort ins rechte Licht rücken und diese aus allen weiteren Überlegungen ausklammern.

Fußnoten

2.
Vgl. Antonio R. Damasio, Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, Neuauflage, Berlin 2006, S. 237f.