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16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Politik und der Stellenwert der Gefühle

Die Einsicht, dass Politik als lebendiges soziales Geschehen mit all jenen Gefühlen konfrontiert ist, die wir als Menschen tagtäglich erleben, ist so alt wie die Politik selbst. Neu ist: Die Gefühle sind in rationale Entscheidungen eingebunden und als Antrieb für diese unerlässlich. Diese revolutionäre Erkenntnis stellt nicht nur unser neuzeitliches Verständnis von Rationalität in Frage. Die gesamte politische Geschichte könnte mit Blick auf die Erkenntnisse der Emotionsforschung in ein neues Licht gerückt werden. Wie wir mit Gefühlen in der Politik umgehen, ist bislang eine eher verschwiegene Sache, obwohl kein Zweifel daran besteht, dass Gefühle "kulturelle Stile" bis hin zum kulturellen Selbstverständnis ganzer Gesellschaften prägen.

Das Einbeziehen der Emotionen in die Forschung stellt die Politikwissenschaft vor eine Reihe offener Fragen: Was waren die treibenden Gefühle bei der Begründung der Staatsformen in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit? Welchen Einfluss haben Angst, Hass, Machtgier, verletztes Ehrgefühl, Zorn usw. auf den Ausbruch von Kriegen und Konflikten? In welche Gefühle sind die Theorien des Konservatismus, des Liberalismus und des Sozialismus eingebettet? Welche Gefühle stehen im Einklang mit demokratischer Rationalität?

Die Geschichte der freiheitlichen Ordnung begann nicht nur mit revolutionären Ideen, sondern auch mit Leidenschaften und spezifischen Gefühlen. Während der Renaissance entstand der Gedanke, Religion und Philosophie seien nicht mehr in der Lage, die destruktiven Leidenschaften des Menschen zu zähmen. Dem absolutistischen Staat der Frühen Neuzeit kam die Aufgabe zu, Affekte, Laster, Gemeinheiten und Egoismen seiner Bürger unter Kontrolle zu bringen und law and order herzustellen. Für Thomas Hobbes, den Theoretiker des Absolutismus, standen "Angst" und "Selbsterhaltungstrieb" im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Die liberalen Theoretiker gingen hingegen nicht mehr von der pessimistischen Anthropologie der Epoche der Bürgerkriege aus, sondern von einem optimistischen Fortschrittsglauben. Ihr leitendes Motiv war es, das "Wohlergehen" und die "Zufriedenheit" des Individuums zu sichern. Affekte und Leidenschaften des Menschen sollten nicht unterdrückt, sondern eingespannt und für das Gemeinwohl nutzbar gemacht werden.

Die europäische Aufklärung weist dem Verstand eine besondere Stellung zu. Die Realisierung der natürlichen Triebe, Affekte und Leidenschaften gewinnen dabei eine grundsätzlich positive Qualität. In der Literatur dieser Epoche taucht der neue und positive Begriff "Interesse" auf. Er wird den "Leidenschaften" der Menschen, die oft als negativ und unberechenbar galten, gegenübergestellt. Ein gründliches Studium der Schriften von politischen Denkern des 17. und 18. Jahrhunderts - etwa John Locke, Montesquieu und Immanuel Kant - macht die starke Leitung ihrer Ideen durch freiheitliche Gefühle deutlich. Die zentralen Begriffe der liberalen Demokratie, die das Repertoire der politischen Sprache bilden, "Wohlfahrt", "Freiheit", "Gleichheit", "Gerechtigkeit", "Brüderlichkeit", "Solidarität" und "Würde des Menschen", haben starke emotionale Komponenten. Schon lange bevor diese Ideen ihren rechtlichen Ausdruck in den demokratischen Verfassungen fanden, waren sie bei den Wegbereitern der demokratischen Verfassungen leidenschaftlich wirksam. Der Wunsch nach Freiheit setzte die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen voraus, und dies war ohne bindende Gefühle der Brüderlichkeit und der Solidarität nicht denkbar. Erst durch die rechtliche Konkretisierung dieser Wünsche war der abstrakte Begriff der "Würde des Menschen" realisierbar. Die emotionale Bindung an diese Prinzipien veranlasste die Vorkämpfer der freiheitlichen Ordnung, die Risiken einer repressiven und absolutistischen Herrschaft auf sich zu nehmen.

Die politischen Theoretiker der nachfolgenden Generationen haben Emotionen aus ihren Theorien ausgeklammert, obwohl ihre Wirksamkeit an verschiedenen Stellen der politischen Schriften nachweisbar ist. Der Grund liegt in der Tradition des abendländischen Denkens, welche Emotionen hauptsächlich als Störfaktoren im Denken und Handeln des Menschen betrachtet. Selbst Psychologen haben sich lange kaum um die Emotionen gekümmert. Fühlen und Denken, Emotion und Kognition, Affekt und Logik sind in der Psychologie als Gegensatzpaare isoliert untersucht worden und nicht in ihrem regelhaften Zusammenwirken.

Die Dualität von Verstand und Gefühl und die geringe Wertschätzung von Emotionen in der abendländischen Kultur beruht wahrscheinlich auf der Tatsache, dass der triebhafte und zerstörerische Anteil der Gefühle einen Störfaktor für den Verstand und den Fortschritt bilden. Erst die Überwindung der Affekte als Antagonisten der Vernunft könne den Menschen zu einer höheren Form des Daseins als ein Kulturwesen aufwerten. Nur die ratio sei in der Lage, den Menschen aus dem drohenden Meer der Ungewissheit zu retten und zur Insel der Sicherheit zu führen.