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16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Demokratie und Gefahren der Emotionalisierung

Seit einigen Jahren sind wir in den westlichen Demokratien Zeugen einer Verschiebung des politischen Systems: von der Parteien- zur Mediendemokratie. Dieses Phänomen wird von manchen als Mediokratie bezeichnet. Die Politik wird in einer Mediendemokratie zunehmend von den Medien inszeniert. Inhalte lösen sich immer mehr in der Form der Darstellung und im theatralischen Auftritt auf. Die Medienwelt, die unsere Wirklichkeit konstruiert, folgt anderen Gesetzen als Rationalitätskriterien. Ihr Erfolgsrezept lautet: Maximierung von Emotionen und Erregungen, damit die Show ein Höchstmaß an Spannung gewinnt. Da die Politik sich zunehmend an den Funktionsmechanismen des Medienbetriebs orientiert, ist die Auseinandersetzung mit der Rolle von Emotionen in der Demokratie dringender denn je.

Die grundlegende Stilmittel der Medienberichterstattung lauten: Personalisierung, Emotionalisierung und Dramatisierung. Eine bestimmte Politik wird mit einer bestimmten Person verbunden. Die Wähler nehmen schließlich die Person an Stelle des politischen Programms wahr. Politische Auseinandersetzungen und Wahlkämpfe werden durch Emotionen bestimmt. Gefühle wie Hass, Neid, Eifersucht, ebenso Mitleid werden ins Spiel gebracht, um das Interesse der Wählerinnen und Wähler zu erwecken. Wirkungsvoll erscheint eine Inszenierung dann, wenn das Element der Dramatisierung ins Spiel kommt. Die Emotionen steigern sich beim Kampf starker Kontrahenten. In einer Ereignisdemokratie sucht die Medienöffentlichkeit nach dramatischem Stoff.

Die tatsächlichen Probleme der Politik, Transnationalisierungsprozesse, die nationale Regierungen zunehmend vor Handlungsprobleme stellen und die Grundlagen jedweder Politik verändern, die exponentielle Zunahme der kommunikativen, wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Verflechtungen, die Delegation von Souveränität und Kompetenzen an supranationale Organisationen, die den Handlungsspielraum der nationalen Regierungen minimiert, sind offenkundig keine interessanten Themen für die Mediengesellschaft.

Die Medien als die mit Abstand wichtigste Informationsquelle gestalten Stimmungen und Einstellungen der Bürger. Der Einfluss von Medienberichten auf Politik(er)verdrossenheit ist mittlerweile unbestritten. Dieser unscharfe Begriff steht für die Zusammenfassung verschiedener negativer Haltungen gegenüber der Politik: Uninteressiertheit, Distanz, Ablehnung. Empirische Studien sind zu vielsagenden Ergebnissen gelangt: Menschen, die aus Massenmedien viele negative Informationen über Politik erhalten, ändern ihre Urteile über Politik zum Negativen - unabhängig von der tatsächlichen Ereignislage. Dagegen ändern Menschen, die im gleichen Zeitraum viele positive Informationen erhalten, ihre Meinung nicht zum Positiven.[3]

Die Mediatisierung von Politik und der damit verbundene Systemwandel werden von der Mehrheit der Experten mit Skepsis beobachtet und als Gefährdung der Demokratie dargestellt. Hochmütig weisen viele Wissenschaftler auf die Gefahren der Entsachlichung und Vereinfachung der Politik durch Medien hin. Volksverdummung, Ausverkauf der Politik an den Markt und eine Showmaschinerie,die zur Verblendung der Wähler führe, seien Verfallszeichen der Mediendemokratie.[4]

In der Demokratietheorie spielen die Medien nur eine periphere Rolle. Zur Legitimationsbasis des demokratischen Systems gehört der rationale Prozess der Willensbildung mit Hilfe der politischen Parteien, die eine faire Auseinandersetzung mit der Sache in den Mittelpunkt stellen, obwohl sie von Interessenstandpunkten geprägt sind. Dem gegenüber steht das Bild der rational denkenden und handelnden Bürger, die sich im Diskurs an Themen des öffentlichen Interesses beteiligen und sich weitgehend unabhängig ihre Meinung bilden. Gerade dieses Menschenbild verliert durch die empirischen Befunde der Hirnforschung seine Relevanz.

Fußnoten

3.
Vgl. Marcus Maurer, Politikverdrossenheit durch Medienberichte: Eine Paneluntersuchung, Konstanz 2003.
4.
Vgl. Thomas Meyer, Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Frankfurt/M. 2001; Andreas Dörner, Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M. 2001.