APUZ Dossier Bild

16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Politische Emotionsforschung

Eine der tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart ist nach Auffassung kritischer Beobachter der Rationalitätsverlust des öffentlichen Diskurses. In diesem Zusammenhang ist das Einbeziehen der Emotionsforschung in die politischen und politikwissenschaftlichen Diskussionen unerlässlich. Sie öffnet neue Untersuchungsfelder und bietet Möglichkeiten zur Erweiterung und Stabilisierung der Demokratie in der Mediengesellschaft.

Der Bewertungsmaßstab zur politischen Emotionsforschung darf jedoch nicht der Neurowissenschaft entnommen werden. Ein disziplinär eigenständiger Maßstab scheint im Rahmen der politischen Theorie sinnvoller und für die politische Praxis gewinnbringender zu sein. Die Neurobiologie liefert bedeutende Impulse, um eine vernachlässigte Dimension des menschlichen Verhaltens, Emotionen und Gefühle, in die Theorie und Praxis aufzunehmen und dadurch die Aussagekraft der Theorien zu steigern. Für die Politik ist das Phänomen der Emotionen nicht als solche interessant, sondern jeweils in Verbindung mit politischer oder politikwissenschaftlicher Diskussion unter Berücksichtigung des Grundsatzes, dass alle rationalen oder scheinbar rationalen politischen Phänomene in Emotionen und Gefühle eingebunden sind. Die Aufgabe der Forschung könnte darin bestehen, die begleitenden Emotionen oder Gefühle ausfindig zu machen und über ihre Verträglichkeit mit rationalen Prozessen Aussagen zu treffen. Die Forschungsfragen werden wahrscheinlich in theoretischen und empirischen Feldern unterschiedlich ausfallen. Für eine Reihe von politikwissenschaftlichen Teilbereichen ist die Auseinandersetzung mit der Rolle von Emotionen und Gefühlen dringend notwendig.

Wahlforschung. Offensichtlich sind Umfragen der Forschungsinstitute unter den neuen Rahmenbedingungen kaum mehr geeignet, gültige Voraussagen über das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger zu treffen. Die Wahlforschung geht in der Regel von rationalen Überlegungen der Befragten aus. Da die Parteien sich aber immer weniger voneinander unterscheiden, wird es für die Bevölkerung schwieriger, die komplexen Zusammenhänge der Politik sachlich zu beurteilen. Deshalb werden Wahlentscheidungen immer stärker nach emotionalen Kriterien getroffen. Die klassische Demoskopie ist immer weniger in der Lage, die tatsächlich handlungsrelevanten Kriterien zu erfassen. Wähler ändern immer schneller ihre Meinungen. Welche Emotionen sollen in der Wahlforschung berücksichtigt werden? Wie verhalten sich die Rationalität und Emotionalität der Wahlbürger zueinander? Wie kann eine Dissonanz der beiden Faktoren Rationalität und Emotionalität vermieden werden, damit das Wahlvolk nicht irrational handelt? Wo liegen die Grenzen der Emotionalisierung von Wahlkämpfen? Wie kann die Plausibilität der Demoskopie gesteigert werden, ohne dabei die Grundsätze demokratischer Wahlen zu verletzen?

Extremismusforschung. Rechtsextremist ist nach verfassungsrechtlicher Lesart, wer zu Nationalismus und Rassismus neigt und ein autoritäres politisches System mit der Ideologie der "Volksgemeinschaft" anstrebt. Ein Linksextremist sieht das Grundübel in der kapitalistischen Liberalgesellschaft. Der demokratische Staat und seine Institutionen seien Ausdruck eines von Rassismus und Faschismus geprägten Kapitalismus, den man stürzen könne, ja müsse. Eine nähere Auseinandersetzung mit Verhaltensweisen von Extremisten zeigt deutlich, wie intensiv und radikal die Emotionen in dieser Bevölkerungsgruppen wirksam sind. Die Extremismusforschung könnte theoretischen und praktischen Gewinn aus der Rezeption der Emotionsforschung ziehen.

Demokratieforschung und politische Bildung. Wenn ein Ergänzungsverhältnis zwischen Verstand und Gefühl besteht, stellt sich die Frage: Welche Gefühle sind für das rationale Handeln in der Demokratie förderlich? Die Auseinandersetzung mit den Gefühlen, die demokratiefördernd sind, und diejenigen, die sie schwächen werden, könnte eine Aufgabe der politischen Emotionsforschung sein. Besteht eine Assoziation und ein Ergänzungsverhältnis zwischen pro-demokratischem Gefühl und rationaler Entscheidung - so lautet die schlussfolgernde These dieses Beitrages -, dann ist das politische Handeln demokratisch. Wenn diese Assoziation fehlt, werden die Handlungen in letzter Konsequenz demokratiefeindlich sein. Hinter vielen politischen Konflikten und Skandalen wie Korruption, welche auch in demokratischen Gesellschaften keine Seltenheit sind, steckt oft eine Dissonanz von Gefühl und Verstand. Eine bewusste Schulung der Gefühle könnte zur Stabilität der Demokratie beitragen, besonders in einer Zeit des Umbruchs und der Mediatisierung der Politik.