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16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Demokratie und die Schulung der Gefühle

Bildungsprozesse sind der Rationalität verpflichtet. Eine Aufgabe der politischen Bildung ist die Befähigung der Bürger zu rationaler Urteilsbildung. Politische Bildung heißt nicht nur, politische Vorgänge und Prozesse zu verstehen und den Sinn verfassungsrechtlicher Regelungen zu erkennen. Zu demokratischer Kompetenz gehören Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, die Fähigkeit zur Übernahme anderer Perspektiven, Konfliktfähigkeit, Empathie, die Fähigkeit, Toleranz zu üben und mit Regeln umzugehen.

Die primäre Sprache, die ein Mensch lernt, ist die Sprache der Gefühle, eine globale Sprache im Vergleich mit der logischen Sprache, die er später erlernt. Gefühle helfen uns in der Kommunikation mit anderen Menschen, um mit ihnen adäquat umzugehen. Das menschliche Denksystem hat sich im Laufe der Evolution als Erweiterung des automatischen Gefühlssystems entwickelt, schreibt Damasio. Gefühle übernehmen dabei verschiedene Funktionen im Denkprozess. Sie können zum Beispiel die Auffälligkeit einer Prämisse verstärken und dadurch die Schlussfolgerung zugunsten dieser Prämisse verschieben. Gefühle helfen, so Damasio, diejenigen Tatsachen im Bewusstsein präsent zu halten, die es bei einer rationalen Entscheidung zu berücksichtigen gilt.[5]

Wie die Emotionsforschung zeigt, bilden Gefühle das Substrat vorangegangener Erfahrungen, früherer Auseinandersetzungen und überdauernder Wertvorstellungen. Sie liefern daher eine plausible Grundlage für das Handeln. Unser Organismus und unsere Psyche lernen schnell und nachhaltig durch starke emotionale Erfahrungen. Diese Mechanismen können schon in frühkindlicher Erziehung und im Schulalter eingesetzt werden, um demokratische Verhaltensweisen spielerisch-emotional zu lernen und zu verinnerlichen.

Welche Gefühle sollen in Verbindung mit demokratischen Tugenden erlernt werden? Dazu einige Anregungen.

Partizipation. Ganz oben auf der Skala der demokratischen Werte steht die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Sie setzt jedoch Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen voraus: Mut haben, Wirkung entfalten und Verantwortung übernehmen. Alle diese Gefühle sollten ganz früh in der Familie und später in der Schule entwickelt und gefördert werden.

Solidarität. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Individuen oder Gruppen in einem Sozialgefüge äußert sich in gegenseitiger Hilfe und Unterstützung. Wer Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht in der Kindheit erlebt und praktiziert hat, wird im Erwachsenenalter kaum in der Lage sein, solidarisch zu handeln.

Gerechtigkeit und Fairness. Gerechtes Handeln setzt eine Reihe von Gefühlen voraus, z.B. sich in andere hineinversetzen zu können, die Bereitschaft zu teilen, Gleichwertigkeit zu empfinden, Verschiedenheit oder Pluralität zu akzeptieren. Gerecht zu urteilen ist eine Tugend, die sorgsam erlernt werden muss.

Fähigkeit zur Teamarbeit. Menschen handeln in der Regel nach Schemata, die sie im Laufe ihrer Sozialisation entwickelt haben. Wie sie andere sehen, einschätzen und mit ihnen umgehen, verläuft nach einem bestimmten Muster. Wer in seiner Entwicklung ein Freund-Feind-Schema erworben hat, teilt die Menschen in gute oder schlechte ein. Mit "Feinden" ist Kooperation und selbst Kommunikation problematisch. Konkurrenzkampf nimmt nach diesem Schema oft undemokratische Züge an.

Demokratiefeindliche Gefühle. Die Palette der emotional-undemokratisch gesteuerten Dynamiken ist groß: Neid, Wut, Hass, autoritäre Machtausübung, beleidigter Rückzug, Geltungssucht, Rivalität, Kooperationsweigerung, Seilschaften. Die Demokratietheorie setzt sich konzeptionell stillschweigend gegen solche Gefühle ein, die dem Menschen den Verstand rauben, ohne aber eigens auf diese einzugehen.

Fußnoten

5.
Vgl. A. R. Damasio (Anm. 2), S. IV.