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26.6.2008 | Von:
Klaus Hurrelmann
Wolfgang Settertobulte

Alkohol im Spannungsfeld von kultureller Prägung und Problemverhalten

Alkohol erleichtert die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

In Anlehnung an die Beobachtungen des Alkoholgebrauchs in der Erwachsenenwelt nutzen Jugendliche zudem den Alkohol auch für die Bewältigung anderer Entwicklungsaufgaben. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, eine eigene Identität zu finden. Die eigenständige Lebensgestaltung und -planung geht mit dem Ausprobieren subkultureller Lebensstile einher. Demonstrativer Alkoholkonsum kann dazu dienen, einen persönlichen Stil auszudrücken. Das Umfeld in dem dies geschieht, ist in der Regel die Gruppe der Gleichaltrigen. Die Wahl der entsprechenden Clique ergibt sich für den einzelnen Jugendlichen hauptsächlich aus den bisher entwickelten Vorstellungen darüber, wie man als (junger) Erwachsener gern sein möchte und was man in der Freizeit gern tut oder tun würde. Dieses Image, oder "Selbst-Schema" ist die Grundlage für die Ausbildung einer eigenen Identität.[4]

Die Freundesgruppe muss eine gewisse Ähnlichkeit mit einem selbst aufweisen, um interessant zu sein. So werden leistungsmotivierte Jugendliche nahezu ausschließlich in Gruppen zu finden sein, die gute Leistungen in der Schule oder im Sport erzielen oder erzielen wollen. Jugendliche, deren Interesse sich vor allem auf das Konsumieren etwa von Alkohol und auf den Besuch von Parties richtet, werden ebenfalls Gleichgesinnte suchen. Die bisher ausgeformte Identität der Jugendlichen und die damit im Zusammenhang stehende Zugehörigkeit zu einer jugendlichen Subkultur bildet also ein quasi konstituierendes Element des Gruppenzusammenhalts.

Das Konsumverhalten, und damit auch das Verhältnis zum Alkohol, ist dabei ebenso relevant wie das Verhältnis zur Leistung und beruflichen Zukunft. Eine besonders hohe Affinität zum Alkohol ist unter jenen Jugendlichen zu finden, deren erstrebenswerte Ideale einerseits in Geselligkeit und Beliebtheit liegen und die andererseits den Konsum und die äußerliche Attraktivität stärker präferieren als die eigene Leistungsfähigkeit. Das individuelle Verhalten wird dabei motiviert durch Vermutungen bzw. Annahmen darüber, was ein "normales" Verhalten in der entsprechenden Gruppe ist. Dies kann sowohl negativ sein, im Sinne eines Risikoverhaltens, als auch positiv. Die Jugendlichen überschätzen dabei oft die Verbreitung von Alkohol- bzw. Trunkenheitserfahrungen unter den Gleichaltrigen. Sie gehen davon aus, dass die meisten Altersgenossen oder Altersgenossinnen bereits entsprechende Erfahrungen vorzuweisen haben und schließen daraus für sich selbst auf ein Defizit. Das Risiko für problematisches Verhalten steigt mit der Häufigkeit der Kontakte zu Gleichaltrigen und damit der Häufigkeit der Gelegenheiten kontrollfreien Experimentierens mit vermeintlich altersgemäßem Entwicklungserfahrungen. Es wird vermutet, dass dieser Einfluss im Alter von 13 bis 15 Jahren am größten ist.

Eine weitere essenzielle Entwicklungsaufgabe ist die Aufnahme von Kontakten zum anderen Geschlecht: sind die Entdeckung von Freundschaft und Liebe sowie erste sexuelle Erfahrungen. Der Kontakt zum anderen Geschlecht entwickelt sich unmittelbar vor, während und nach der Pubertät. Sobald Jugendliche andersgeschlechtliche Freunde haben, nimmt die Häufigkeit der Treffen zu. Die enthemmende Wirkung des Alkohols erleichtert den Jugendlichen dabei offenbar die Kontaktaufnahme. Unter den 13-Jährigen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit mehrfacher Trunkenheitserfahrungen um mehr als das dreifache, wenn sie mit andersgeschlechtlichen Freunden zusammen sind.[5]

Der überwiegende Teil der jungen Menschen entwickelt dabei, trotz einschlägiger Trunkenheitserfahrungen, im Erwachsenenalter kein Alkoholproblem. So ist denn auch nur für einen relativ geringen Teil der Jugendlichen das Risikoverhalten des Alkoholkonsums als tatsächlich problematisch zu betrachten.

Fußnoten

4.
Vgl. Jacquelynne S. Eccles/Bonnie L. Barber, Student council, volunteering, basketball, or marching band: What kind of extracurricular involvement matters?, in: Journal of Adolescent Research, (1999) 14, S. 10 - 43.
5.
Vgl. Wolfgang Settertobulte, Der Einfluss der Gleichaltrigen auf das Risikoverhalten im Kontext gesundheitlicher Ungleichheit, in: Matthias Richter/Klaus Hurrelmann/Andreas Klocke/Wolfgang Melzer/Ulrike Ravens-Sieberer (Hrsg.). Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. Weinheim, München 2008, S. 223 - 239.