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26.6.2008 | Von:
Klaus Hurrelmann
Wolfgang Settertobulte

Alkohol im Spannungsfeld von kultureller Prägung und Problemverhalten

Entwicklungsprobleme fördern Alkoholmissbrauch und Suchtentstehung

Liegen Entwicklungsprobleme vor, wird Alkohol sehr bald zur Kompensation genutzt, als Ersatzziel oder zur Stress- und Gefühlsbewältigung eingesetzt. Nicht bewältigte Entwicklungsanforderungen erhöhen das Risiko, dass es im Jugend- und jungen Erwachsenenalter zu Alkoholproblemen kommt. Wenn es etwa nicht gelingt, Entwicklungsziele festzulegen, kann es leicht zu einem Sinnverlust kommen. Versagen im Bildungs- und Ausbildungsprozess oder soziale Randständigkeit sind hiefür nur einige Beispiele. Damit gehen oft depressive Verstimmungen einher. Ebenso fatal ist es, wenn Jugendliche zu viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen müssen, was zu Überlastung bzw. Entwicklungsstress führt.

Jugendliche sind heute zunehmend nicht in der Lage, ihre individuellen Ziele zu realisieren. Fehlende Kompetenzen, Fremdbestimmung, Außenseitertum, Schulschwierigkeiten, abweichendes Entwicklungstempo oder das Scheitern bei der Ausbildungsplatzsuche können die Ursachen dafür sein. In diesen Fällen wird nicht selten der Konsum von Alkohol nach einer ersten Gewöhnungsphase zur Realitätsbewältigung genutzt. Die Jugendlichen weichen dann einer aktiven Problemlösung aus; im betrunkenen Zustand fühlen sie sich scheinbar besser. Gleichzeitig legt die soziale Komponente des Trinkens auch ein Ausweichen auf Ersatzziele nahe: Die Geselligkeit in der trinkenden Gruppe, oder die Bereitstellung von Statussymbolen zur Kommunikation der Identität, etwa durch den Konsum einer edlen Biermarke oder durch Demonstration einer besonderen Trinkfestigkeit, sind hier beispielsweise zu nennen.

Wenn Alkohol zur Kompensation fehlender Strategien zur Lösung von Problemen eingesetzt wird, ist dies als Problemverhalten zu bezeichnen. Je früher dies im Lebenslauf geschieht, umso größer ist das Risiko, dass sich eine Alkoholabhängigkeit entwickelt: eine körperliche und psychische Abhängigkeit vom Alkohol. Die Erfahrungen aus Suchtkliniken zeigen, dass Alkoholabhängigkeit, wie auch die Abhängigkeit von anderen psychoaktiven Substanzen, in der Regel mit massiven psychosozialen Problemen einhergeht. Oft ist dabei allerdings unklar, in wieweit Substanzmissbrauch und -abhängigkeit Folge oder Ursache des seelischen Problems ist.

Insgesamt lassen sich drei Gruppen Jugendlicher mit unterschiedlichen Ausprägungen von Problem- bzw. Risikoverhalten ausmachen: Jugendliche, deren Problemverhalten auf das Jugendalter begrenzt ist (das ist die Mehrheit der Jugendlichen); Jugendliche, die im Jugendalter auffällig werden und dieses Verhalten zum Teil im weiteren Lebenslauf beibehalten und schließlich Jugendliche, die bereits im Kindesalter auffällig werden, im Jugendalter zu exzessivem Risikoverhalten neigen und in der Folge lebenslang auffälliges Verhalten zeigen. Dabei können verschiedene Faktoren als risikofördernd angesehen werden: Als besonders gefährdet gelten beispielsweise Kinder, die als Kleinkind ein schwieriges Temperament (etwa ADHS) haben, oppositionelles Trotzverhalten bzw. Sozialstörung zeigen oder früh mit dem Konsum suchterzeugender Substanzen beginnen. Bei diesen Kindern ist von einer grundlegenden Störung im psychischen Bereich auszugehen. Vielfach sind es auch die Elternhäuser mit Alkoholproblemen oder schwierige Lebensumstände, welche diese Störungen hervorrufen.

Besonders gefährdet sind Jugendliche unter 21 Jahren, die überdurchschnittlich intensiv Alkohol oder andere psychoaktive Substanzen konsumieren, Kind mindestens eines Drogen missbrauchenden Elternteils sind, häufig die Schule schwänzen, frühe Sexualkontakte haben und frühzeitig schwanger werden, unter sozioökonomischer Deprivation aufwachsen, delinquente Verhaltensweisen zeigen, unter psychischen Störungen leiden, möglicherweise bereits einen Selbstmordversuch verübt haben und/oder fortwährend körperliche Verletzungen aufweisen. Wenn diese Indikatoren bei Kindern oder Jugendlichen vorliegen, dann ist davon auszugehen, dass aus dem "normalen" Umgang mit Alkohol in absehbarer Zeit ein Alkoholproblem werden kann. Die Aufzählung zeigt auch, dass hier in der Regel multiple Risiken vorliegen.

Bezogen auf das bevölkerungsbezogene Risiko der Entstehung von Alkoholsucht kann dies dahingehend gedeutet werden, dass nicht etwa der jugendliche Alkoholkonsum an sich - a priori - als problematisch zu bezeichnen ist, sondern vielmehr die Häufigkeit und Verteilung der psychischen und sozialen Probleme, die mit der Entstehung von Missbrauch und Abhängigkeit einhergehen. Dies wird unterstützt durch den auffälligen Befund, dass behandlungsrelevante Alkoholsucht wesentlich häufiger bei Menschen aus sozial benachteiligten Lebenslagen auftritt, während der Alkoholkonsum in der mittleren und gehobenen sozialen Schicht am größten ist.

Verstehen wir Gesundheit als die produktive, immer wieder erneut betriebene gelingende Lebensbewältigung, dann basiert diese auf der Balance zwischen den inneren körperlichen und psychischen Bedingungen wie etwa dem Temperament, den Anforderungen des Körpers und der Psyche, Bedürfnissen und Motiven sowie dem Selbstwertgefühl, den äußeren Lebensbedingungen, der sozialen und natürlichen Umwelt in Gestalt der Familie, der Freundesgruppe, der Situation in der Schule oder am Arbeitsplatz, dem Milieu oder den ökologischen Lebensbedingungen. Alkohol und andere psychoaktive Substanzen dienen dem Konsumenten zur Herstellung oder Verbesserung seiner subjektiven Gesundheits-Krankheits-Balance im Spannungsfeld dieser inneren und äußeren Faktoren. In jeder Lebensphase sind Menschen darum bemüht, diese Balance herzustellen. Es gilt folglich, die Risikofaktoren im körperlich-psychischen und im sozial-ökologischen Bereich zurückzudrängen und individuelle und soziale Schutzfaktoren aufzubauen, um eine produktive Verarbeitung der Realität zu erreichen.[6] In unserer kulturimmanenten Alltagspraxis bedient der Alkohol auch die Funktion, die psychischen Bewältigungskapazitäten zu stärken und einen Schutz gegenüber Bedrohungen von Innen und Außen aufzubauen. Die oben genannten Vorteile des Alkoholkonsums bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in der Pubertät legen den Jugendlichen diese Instrumentalisierung nahe und führen zu eindeutigen Entwicklungserfahrungen.

Davon sind vor allem diejenigen betroffen, deren Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen aufgrund verschiedener Faktoren als gestört bezeichnet werden muss. Kommt es zu einer intensiven gewohnheitsmäßigen Nutzung von Alkohol als Kompensator, dann ist das meist ein Zeichen dafür, dass die spontanen Fähigkeiten und Kompetenzen der Lebensbewältigung zurückgedrängt und nicht etwa - wie es sich der Betroffene wünscht - gestärkt und unterstützt werden. Der oder die Betroffene bewältigt anstehende Entwicklungsaufgaben nicht mehr ohne den Konsum der psychoaktiven Substanz: Der Gebrauch ist in einen Missbrauch umgeschlagen. Unabhängig von einer möglichen physischen Veranlagung zur körperlichen Abhängigkeit ergibt sich hier eine potenzielle psychische Abhängigkeit, die in den sich immer mehr einschleifenden routinierenden Nutzungsmustern liegt.

Fußnoten

6.
Vgl. Klaus Hurrelmann, Lebensphase Jugend, Weinheim 2007, S.9.