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26.6.2008 | Von:
Klaus Hurrelmann
Wolfgang Settertobulte

Alkohol im Spannungsfeld von kultureller Prägung und Problemverhalten

Ist eine Neuorientierung der Prävention notwendig?

Der Konsum von Alkohol ist Teil unserer Alltagskultur. Die Suchtprävention muss dies kritisch reflektieren, kann aber die Ambivalenz zwischen kultureller Anpassung und Problemverhalten unmöglich auflösen. Eine Präventionsstrategie, die den Eindruck vermittelt, das allgemein kulturell immanente Verhalten sei falsch oder moralisch verwerflich, ist für Jugendliche nicht glaubwürdig. Vielmehr ist es die Fähigkeit zum situativen Abwägen der Vorteile und Risiken, die den allseits geforderten "vernünftigen" Genusskonsum ausmacht. Es gibt "gute" und "schlechte" Gründe für den Konsum von Alkohol. Prävention muss sich also auf eindeutige und differenzierte Definitionen von Substanzmissbrauch stützen sowie die kulturellen und sozialen Rituale und Anreize reflektieren. Alles spricht dafür, sich den Chancen und Gefahren des gezielten und kontrollierten Konsums von Alkohol sachlich zuzuwenden und sie in den öffentlichen Diskurs zu tragen. Gerade für Jugendliche ist eine solche offene Auseinandersetzung von größter Bedeutung. Sie orientieren sich für ihr weiteres Verhalten an den Unterströmungen der Diskussion und beobachten genau, welche Unterschiede zwischen dem tatsächlichen Verhalten von Nutzern und der normativen Diskussion zum Alkoholkonsum bestehen. Für sie ist die ambivalente Umgangsweise mit Alkohol und Rausch äußerst irritierend, suchen sie doch nach eindeutigen, ihrer Lebenswelt nahen Orientierungen und Bewältigungsstrategien. Es ist jedoch gerade der Umgang mit der Ambivalenz, der den Jugendlichen das nötige Rüstzeug für den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol verschafft.

Der Wunsch nach sensorischer und emotionaler Erweiterung der Erlebniswelt ist entwicklungsbedingt beim Eintritt in das Jugendalter sehr groß. Das Erleben von Rausch als Grenzüberschreitung des Normalzustandes gehört nahezu obligatorisch dazu. Dieses Bedürfnis kann im Jugendalter zu spontanen experimentellen Alkoholexzessen führen, die bei objektiver Betrachtung ein "Risikoverhalten" darstellen, weil sie die eigene und die Gesundheit Anderer beeinträchtigen können. Subjektiv sind dies aber harmlose und sinnvolle Suchbewegungen in Richtung einer Verbesserung der oben angesprochenen Gesundheits-Krankheits-Balance. Dies wird von Eltern und Pädagogen bislang weitgehend nicht berücksichtigt. So ist auch die erzieherische Reaktion auf die ersten Rauscherfahrungen bei Jugendlichen in erster Linie durch Ablehnung und Restriktion geprägt, obwohl Akzeptanz und unterstützende Begleitung der Bedürfnislage der Jugendlichen mehr entsprechen würden. Was fehlt, ist eine begleitende Betreuung dieses wichtigen Entwicklungsabschnittes. Im Zuge einer zunehmenden Verunsicherung von Eltern hinsichtlich ihrer Erziehungskompetenz wäre hier eine Unterstützung der Eltern bei der Begleitung ihrer pubertierenden Kinder eine wertvolle Ergänzung der bisherigen Präventionsbemühungen. Ebenso fehlt es derzeit auch an entsprechenden Handlungsempfehlungen für Lehrerinnen und Lehrer.

Oberstes Ziel der Suchtprävention wie der Drogenpolitik sollte nicht die Verhinderung des Gebrauches, sondern ausschließlich die Verhinderung des Missbrauches von Alkohol sein. Vieles deutet darauf hin, dass die Zunahme des riskanten Intensivkonsums von Alkohol bei Jugendlichen auf psychische, soziale und leistungsmäßige Überforderung zurückzuführen ist. Präventionskonzepte sollten dies stärker berücksichtigen und ihre Maßnamen entsprechend hierauf ausrichten.