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26.5.2008 | Von:
Konrad H. Jarausch
Cristina Allemann-Ghionda

Die Zeitpolitik der Kinderbetreuung und Grundschulerziehung

Internationale Erfahrungen mit Ganztagsschulen

Ein Blick über den Tellerrand in westliche Länder zeigt eine Reihe von erfolgreichen Ganztagsschulmodellen, die erprobte Alternativen zur hiesigen Halbtagsschule bieten. Dabei variiert das Verständnis von "ganztags" erheblich in Bezug auf die gemeinte Zeitspanne, die angebotene Form von Betreuung oder Erziehung und die jeweilige institutionelle Trägerschaft.[12] Drei Länder ragen heraus und repräsentieren zugleich verschiedene bildungs- und familienpolitische Traditionen: das laizistisch-republikanische Frankreich, das neoliberal-privatistische Vereinigte Königreich und das sozialstaatlich-aktivierende Schweden.

Diesen drei unterschiedlichen Modellen sind folgende Züge gemeinsam:

  • In allen Ländern erstreckt sich die Zeitpolitik nach dem Ganztagsmuster auf die vorschulische Erziehung und Betreuung mindestens ab dem dritten Lebensjahr.
  • Die Ganztagsschule wird im Rahmen einer flächendeckenden Gesamtschule betrieben, in welcher die Zuweisung zu verschiedenen Schultypen erst nach Ende der gemeinsamen neunjährigen Schulpflicht vorgenommen wird. Die Kompensation sozial bedingter Unterschiede wird als wichtige, aber nicht als hauptsächliche Begründung für das Ganztagsmodell angeführt; ebenso wichtig ist, dass damit dem Wandel der Familienformen Rechnung getragen wird.
  • Das Ganztagsmodell wird in den jeweiligen Gesellschaften widerspruchslos akzeptiert; es gibt keine Alternative. Die führende Rolle des Staates in der Bildung schließt einen angemessenen Umfang an Unterrichtsstunden unter seiner Verantwortung ein.
  • Die Erwerbstätigkeit der Mütter wird unterstützt, zum einen, weil die soziale Akzeptanz des Gleichstellungsgedankens wohl fortgeschrittener ist als in manchen anderen europäischen Gesellschaften, zum anderen aber auch, weil die Wirtschaft auf die Arbeitskraft der Frauen angewiesen ist. Um Erwerbstätigkeit der Frauen zu ermöglichen, betreibt der Staat aktive Familienpolitik, die mit der Schulpolitik verzahnt ist und am gleichen Strang zieht. Dieses Modell hat in den drei Staaten mehrere Regierungswechsel überdauert, ist also nicht mehr an eine bestimmte parteipolitische Ideologie gekoppelt.
  • Frankreich weist mit 1,94 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in der Europäischen Union auf. Auch das Vereinigte Königreich (1,8) und Schweden (1,77) befinden sich im oberen Bereich, während Deutschland (1,34) weit unten zu finden ist.[13] Es liegt daher nahe, eine direkte Verbindung zwischen der für die Schule umgesetzten Zeitpolitik, der eltern- und kinderfreundlichen Familienpolitik und der hohen Geburtenrate anzunehmen.

  • Fußnoten

    12.
    Vgl. Eurydice, Organisation of School Time in Europe. Primary and General Secondary Education - 2007/08 School Year, Brussels 2007, in: www.eurydice.org/portal/page/portal/Eurydice/
    PubContents?pubid=087EN&country=null (26.3. 2008).
    13.
    Daten für 2006, aktualisiert November 2007; Quelle: Eurostat, UN, Statistik Austria, in: http://wko.at/statistik/eu/europa-geburtenrate.pdf (21.3. 2008).