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26.5.2008 | Von:
Konrad H. Jarausch
Cristina Allemann-Ghionda

Die Zeitpolitik der Kinderbetreuung und Grundschulerziehung

Mögliche Bildungsgewinne

In der deutschsprachigen Diskussion über das Dilemma Ganztags- statt Halbtagsschule herrscht bisher ein vermeintlicher Antagonismus zwischen der Familie bzw. der Mutter und dem Staat in Bezug auf die Interessen des Kindes vor. Es wird zu wenig beachtet, dass es aus der Perspektive des Kindes überzeugende Gründe für eine gut organisierte und pädagogisch durchdachte Ganztagsschule gibt, die von der Forschung untermauert werden. Aus der allgemeinen, der historischen und der Schulpädagogik ist eine Palette von Argumenten für die Ganztagsschule bekannt, die sich im internationalen Vergleich ähneln. Dabei überwiegen meist soziale Gesichtspunkte: Das Kind braucht ein reicheres Beziehungsnetz, als es die Kleinstfamilie bieten kann; intensive Ganztagserziehung kann soziale Ungleichheit besser kompensieren. Die Opposition zwischen Familie und Staat weicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts einer komplementären Beziehung zwischen Staat und Familie. Die Bedürfnisse der Kinder werden immer mehr in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt.[14]

Allerdings muss eingeräumt werden, dass bis heute das Argument der Vorteile für das Kind - insbesondere was die Lernleistungen betrifft - auf wenig empirisch gesicherte Ergebnisse zurückgreifen kann.[15] Im Ausland wird wenig über dieses Thema geforscht, da das Ganztagsmodell die Regel ist und sich daher die Frage des Vergleichs zwischen ganz- und halbtags nicht stellt. In Deutschland steckt die empirische Untersuchung der Auswirkungen der Ganztagsschule auf die Schüler noch in den Anfängen. In der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) fällt die Beurteilung durch die Schüler durchwachsen aus,[16] da Ganztagsschulen immer noch die von vielen als suspekt wahrgenommene - und oft nicht ausgereifte - Ausnahme darstellen. Gesichert sind folgende Ergebnisse:

  • Eine ganztägige, institutionelle Erziehung und Betreuung im vorschulischen Alter befähigt Kinder, in standardisierten sprachlichen und mathematischen Leistungstests deutlich bessere Ergebnisse zu erzielen.
  • Im Grundschulalter hilft eine qualitätsvolle Ganztagsschule, sich in einem sozialen Gefüge zurecht zu finden, zumal die Zahl der Kinder stetig steigt, die als Einzelkinder mit einem alleinerziehenden Elternteil (meistens der Mutter) aufwachsen. Unter dem Strich ist eine mittelmäßige, ganztägige institutionelle Erziehung und Betreuung in einer Institution besser als das Aufwachsen in einer problematischen Familie.[17]

    Nach den PISA-Ergebnissen in Schweden, Großbritannien und Frankreich, bei denen die Lesekompetenzen der Schüler mit fremdsprachigem Hintergrund mit denen der Muttersprachler verglichen wurden, spricht einiges dafür, dass die Faktoren "ganztags" und "Gesamtschule" wesentlich dazu beitragen, soziale Unterschiede und anderssprachige Sozialisationen aufzufangen.[18] Wie die Leitung des Forschungsprojektes StEG betont, besteht die Hoffnung, dass die Ganztagsschule sowohl schwächere als auch leistungsstärkere Schüler differenziert fördern kann.[19]

    Der Vergleich mit Bildungssystemen, die das Ganztagsmodell als selbstverständliche Schulform kennen und damit verhältnismäßig erfolgreich sind, zeigt die Notwendigkeit von weiteren Reformschritten in der deutschen Zeitpolitik von Betreuung und Beschulung. Halbherzige, kompensatorische Maßnahmen reichen nicht aus, um die Defizite des Halbtagsschulmodells zu korrigieren. Die Vorteile eines Systemwechsels sind offensichtlich: Gerade in postindustriellen Gesellschaften, deren Familienformen und Lebensstile sich weiter ändern, kann das Ganztagsmodell in Kombination mit einer zeitgemäßen Familienpolitik zur nachhaltigen Wirksamkeit von Bildung und Erziehung sowie zu einer günstigeren demographischen Entwicklung beitragen. Allerdings wird es dazu notwendig sein, nicht nur ganztägige Betreuung anzubieten, sondern die Herausforderung einer wirksamen und zeitgemäßen Erziehung durch eine Mischung von Unterricht, Förderung der sozialen Beziehungen und Entspannung anzunehmen.

  • Fußnoten

    14.
    Vgl. Cristina Allemann-Ghionda, Ganztagsschule im internationalen Vergleich - von der Opposition zur Arbeitsteilung zwischen Staat und Familie?, in: Toni Hansel (Hrsg.), Ganztagsschule. Halbe Sache - großer Wurf? Schulpädagogische Betrachtung eines bildungspolitischen Investitionsprogramms, Herbolzheim 2005, S, 199 - 223.
    15.
    Interview mit Eckhard Klieme, in: www.ganztagsschulen.org/2881.php (21.3. 2008).
    16.
    Vgl. Falk Radisch/Ludwig Stecher/Eckhard Klieme/Olga Kühnbach, Unterrichts- und Angebotsqualität aus Schülersicht, in: Heinz G. Holtappels/Eckhard Klieme/Falk Radisch/Thomas Rauschenbach/Ludwig Stecher (Hrsg.), Ganztagsschule in Deutschland, Weinheim 2007, S. 227 - 260.
    17.
    Vgl. OECD, Starting Strong II - Early Childhood Education and Care, Paris 2006, S. 188ff.
    18.
    Vgl. Petra Stanat/Gayle Christensen, Where Immigrant Students Succeed: A Comparative Review of Performance and Engagement in PISA 2003, Paris 2006.
    19.
    Vgl. E. Klieme (Anm. 15).