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26.5.2008 | Von:
Karen Hagemann
Monika Mattes

Ganztagserziehung im deutsch-deutschen Vergleich

Bundesrepublik: Strukturelle Beharrung und kulturelle Restauration

Die Bundesrepublik knüpfte nach dem Zweiten Weltkrieg an bildungs- und familienpolitische Traditionen der Weimarer Republik an. Die allgemeine Not nach Kriegsende ließ wenig Raum für die Beschäftigung mit strukturellen Reformplänen. Es fehlte an den elementaren Voraussetzungen für Schularbeit und Jugendfürsorge.[9] Die handfesten materiellen Probleme waren auch eine Ursache für das Scheitern der Schulreforminitiativen der westlichen Alliierten, insbesondere der Amerikaner und Briten, die im Rahmen der reeducation das angelsächsische Modell der comprehensive school propagierten, einer Gesamtschule mit ganztägigem Unterricht und einem vielfältigen Kursangebot, das zur Ausbildung "demokratischer Staatsbürger" beitragen sollte.[10]

Derartige Reformvorstellungen stießen auf wenig Gegenliebe. Vor allem bürgerlich-liberale und christlich-konservative Kreise entwickelten ihre Vorstellungen zur Bildungspolitik in einer dreifachen Frontenbildung: in Abgrenzung gegen das desavouierte NS-Erziehungssystem mit seiner Tendenz zur totalitären Gemeinschaftserziehung, welche die Jugend von der Familie entfremdet hatte; in Abgrenzung zur Schulpolitik in der SBZ;[11] aber auch in Abgrenzung gegen die reeducation der Westalliierten und die von ihnen verfolgte Bildungsreform, die als dem "deutschen Wesen" fremd abgelehnt wurde. Stattdessen griffen sie auf die neuhumanistische deutsche Bildungstradition des 19. Jahrhunderts zurück und mit ihr auf ein nationalpolitisches Bildungskonzept, das Bildung und Kultur zum Kern der Nation erklärte.[12] Gemeinsam war allen drei Frontlinien die Skepsis gegen jede Form der Einheits- und Gemeinschaftserziehung und die Betonung der Familie als primärer Erziehungsinstitution.[13] Vor allem die Abgrenzung gegen den Osten und damit die undifferenzierte Ablehnung all dessen, was dort erörtert und in praktische Politik umgesetzt wurde, hielt im Kontext des Kalten Krieges und der Westintegration an.[14]

In dieser Konstellation hatten weiterreichende Reformen keine Chance. Bildungspolitik blieb in der Länderhoheit. Die sozial segregierende, mehrgliedrige Struktur des Schulsystems wurde beibehalten. Bildung galt nach wie vor als Aufgabe des Staates - Erziehung wurde als elterliche Pflicht definiert. Öffentliche Kindererziehung in Schulhorten oder Kindergärten wurde nur als sozialfürsorgerische Notmaßnahme begriffen und blieb wie in der Weimarer Republik der Jugendfürsorge unterstellt. Das tradierte bürgerliche Leitbild, nach dem die Familie der Haupterziehungsort und die Mutter die bestmögliche Erzieherin war, wurde in der frühen Bundesrepublik im Kontext einer vor allem von den christlich-konservativen Parteien und Verbänden betriebenen Politik der Re-Christianisierung und Familiarisierung zur alle Politikbereiche dominierenden kulturellen Norm. Im Zentrum stand das Leitbild der Ernährer-Hausfrau-Familie. Das Angebot an Kindergarten- und Hortplätzen wurde bewusst knapp gehalten, um Mütter von einer Erwerbstätigkeit abzuhalten. Das zumeist halbtägige Angebot an Kindergartenplätzen für drei- bis sechsjährige Kinder überstieg bis 1965 nie eine Marke von 33 Prozent und blieb damit auf dem Niveau der Kriegszeit.[15]

Die Ganztagsschule war im bildungspolitischen Diskurs bis Mitte der 1950er Jahre kaum ein Thema. Lediglich Reformpädagogen und -pädagoginnen plädierten vor allem aus sozialpädagogischen Motiven für die "Tagesheimschule", die sie "als soziale Maßnahme im Kampf gegen die zeitspezifische Not der Kinder und Jugendlichen" propagierten.[16] Diese Argumentation bestimmte in den ersten Jahren auch die Verlautbarungen der 1955 gegründeten Gemeinnützigen Gesellschaft Tagesheimschule e. V. (GGT).[17] Erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre setzte eine intensivere Debatte über die Ganztagsschule ein; sie stand im Kontext der Auseinandersetzungen um die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) propagierte Fünftagewoche, für die mit dem Slogan geworben wurde: "Am Samstag gehört Vati mir". Von der GGT wurde ganztägiger Unterricht vorgeschlagen und damit argumentiert, dass das Familienleben erheblich gewinnen würde, wenn die Schulzeit den Arbeitszeiten des Erwerbslebens angepasst werde. Dieser Vorschlag fand aber keine breite Unterstützung.[18]

Noch Ende der 1950er Jahre wurde die "Tagesheimschule" von den Unionsparteien, den Kirchen, von Ärzten, Sozialwissenschaftlern und Lehrerverbänden scharf abgelehnt. Vor allem die katholische Kirche und die ihr nahe stehenden Verbände plädierten für ein starkes "Elternrecht". Ihr Hauptargument war, dass die Ganztagsschule die Erziehungsmöglichkeiten der Familie in ihrer Substanz bedrohe und die Kinder der Familie entfremde.[19] Zudem würde eine ganztägige Schulorganisation Eltern dazu ermutigen, ihre Verantwortung auf öffentliche Einrichtungen "abzuwälzen".[20] Ärzte warnten davor, die tägliche Schulzeit auszuweiten, weil dies zur Überlastung der Kinder führen würde.[21] Der Deutsche Philologenverband beschwor - wie viele Sozialwissenschaftler - mit kulturpessimistischen Schlagwörtern wie "Vermassung" und "Familienzerstörung" das Szenarium gesellschaftlichen Niedergangs. Wenn überhaupt, dann war die Ganztagserziehung nur als sozialpolitische Maßnahme für "gefährdete Familien" vorstellbar. Dies galt selbst für sozialdemokratische und gewerkschaftliche Kreise.[22] DGB und SPD forderten zwar immer wieder die "Errichtung und Verbesserung sozialer Einrichtungen zur Entlastung der erwerbstätigen Frau und Mutter",[23] doch auch unter ihren Mitgliedern und Funktionären bestand breiter Konsens darüber, dass Klein- und Schulkinder zur Mutter ins Haus gehörten und eine ganztägige Betreuung nur als "soziale Hilfsmaßnahme" für Mütter wünschenswert sei, die ihre Kinder aus zwingenden Gründen nicht angemessen versorgen könnten, etwa, weil sie zur Erwerbstätigkeit gezwungen seien.[24]

Müttererwerbstätigkeit blieb im Wirtschaftsboom der 1950er und 1960er Jahre umstritten. Das Angebot von Teilzeitarbeitsplätzen für Ehefrauen und Mütter wurde zwar ausgebaut,[25] zugleich lancierten aber Kinderärzte und Sozialwissenschaftler öffentlichkeitswirksam eine Debatte über "Schlüsselkinder" und deren erwerbstätige "Rabenmütter",[26] die ihre Zeit statt den Kindern "dem Götzen Lebensstandard"[27] opferten. Dabei blieb der Bezugsrahmen explizit oder implizit immer die DDR. Die Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen spitzte den Systemgegensatz 1957 mit der Frage zu: "Wollen wir eine Staatsjugend oder eine Kindheit haben? Wollen wir im Sommer Pionierlager oder Ferien haben?"[28]

Fußnoten

9.
Vgl. Harald Ludwig, Entstehung und Entwicklung der modernen Ganztagsschule in Deutschland, 2 Bde., Köln-Weimar-Wien 1993, Bd. 2, S. 354ff.
10.
Vgl. u.a. Hans-Werner Fuchs/Klaus-Peter Pöschl, Reform oder Restauration?, München 1986.
11.
Vgl. Klaus Dieter Mende, Schulreform und Gesellschaft in der DDR. 1945 - 1965, Stuttgart 1970.
12.
Vgl. H. Ludwig (Anm. 9), Bd. 2, S. 354 - 364.
13.
Vgl. Robert G. Moeller, Geschützte Mütter, München 1997.
14.
Vgl. H. Ludwig (Anm. 9), Bd. 2, S. 463.
15.
Vgl. K. Hagemann (Anm. 8), S. 229ff. und S. 236.
16.
Herman Nohl, zit. nach: H. Wilhelm, Die Tagesheimschule, in: Pädagogische Blätter, 8 (1957) 10, S. 303ff.
17.
Vgl. H. Ludwig (Anm. 9), Bd. 2, S. 463ff., sowie: Theorie und Praxis der Tagesheimschule, hrsg. v. der Gemeinnützigen Gesellschaft Tagesheimschule e.V., Frankfurt/M.-Berlin-Bonn 1958; dies. (Hrsg.), Theorie und Praxis der Tagesheimschule. Band II, Weinheim 1962.
18.
Vgl. H. Ludwig (Anm. 9), Bd. 2, S. 475ff.
19.
Vgl. Klaus Jörg Ruhl, Verordnete Unterordnung. Berufstätige Frauen zwischen Wirtschaftswachstum und konservativer Ideologie in der Nachkriegszeit (1945 - 1963), München 1994, S. 138 - 147.
20.
Vgl. ebd., S. 159f.
21.
Vgl. z.B. H. Lechler, Gedanken eines Arztes zur 5-Tage-Woche in der Schule, in: Der Evangelische Erzieher, 1958, S. 192 - 195.
22.
Vgl. H. Ludwig (Anm. 9), Bd. 2, S. 476ff; K. Hagemann (Anm. 8), S. 235ff.
23.
Forderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes für die erwerbstätigen Frauen, zit. in: Mechthild Koppel, Für das Recht der Frauen auf Arbeit. Ein Kampf gegen Windmühlenflügel in den Jahren 1945 - 1960, in: "Da haben wir uns alle schrecklich geirrt...". Die Geschichte der gewerkschaftlichen Frauenarbeit im Deutschen Gewerkschaftsbund von 1945 bis 1960, hrsg. v. DGB, Pfaffenweiler 1993, S. 38.
24.
Vgl. K. Hagemann (Anm. 8).
25.
Vgl. Christine von Oertzen, Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen, Göttingen 1999.
26.
Vgl. Uta C. Schmidt, "Das Problem heißt: Schlüsselkind", in: Thomas Lindenberger (Hrsg.), Massenmedien im Kalten Krieg, Köln 2005.
27.
Berufstätige Mütter - gefährdete Kinder, in: Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung, 9 (1957) 14, S. 280f.
28.
Die Fünftagewoche in der Schule, in: Neue Deutsche Schule, 9 (1957) 5, S. 70f.