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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Das flächendeckende und entgeltfreie System der Vorschulerziehung trägt zusammen mit der Organisationsform der Ganztagsschule dazu bei, dass Frankreich bei hoher Frauenerwerbsquote die höchste Geburtenrate in der EU aufweist.

Einleitung

Im Winter 2001/02 konnte man nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Untersuchung einen überraschenden, parteiübergreifenden bildungspolitischen Diskurs feststellen: Von Rita Süssmuth (CDU) bis Joschka Fischer (Grüne) wurde die Debatte um die notwendige Bildungsreform in Deutschland durch den Gedanken bereichert, dass man vom Schulmodell der französischen Nachbarn unter verschiedenen Gesichtspunkten lernen könne: hinsichtlich seiner Struktur, die den Vorschulbereich formell in das Bildungssystem integriert, sowie seiner Organisationsform als Ganztagsschule.[1]




Tatsächlich unterscheidet sich das französische Bildungssystem gerade im Schulbereich in wichtigen Punkten von dem in Deutschland. Im Unterschied zur deutschen ist die französische Schule durch konsequent verstandene weltanschauliche Neutralität (école laïque) gekennzeichnet; ferner durch ein voll ausgebautes, mit der Grundschule verzahntes Vorschulwesen, das fast die Gesamtheit der Drei- bis Sechsjährigen erfasst, eine gemeinsame (also gesamtschulartige) Sekundarstufe I für alle Schüler (collège unique), eine hohe Abiturientenquote (knapp 70 Prozent eines Altersjahrgangs erreichen das Niveau der Abitursklasse, darunter allerdings knapp die Hälfte über eine Doppelqualifikation, nämlich eine gehobene berufliche Qualifikation und die allgemeine Hochschulreife) sowie durch die Organisationsform des Unterrichts als Ganztagsschule.

Von diesen Besonderheiten sollen im Folgenden im Sinne der Eingangsbemerkung neben der besonderen Form des Ganztagsunterrichts in struktureller Hinsicht vor allem der Vorschulbereich und die Grundschule, und zwar vor allem im Hinblick auf ihre Verknüpfung miteinander, genauer untersucht werden.[2]

Fußnoten

1.
Noch zwei Jahre zuvor (1999) wurde in einem bildungspolitischen Workshop eines deutschen Kultusministeriums der Hinweis des Verfassers auf das mögliche Vorbild Frankreich in dieser Beziehung mit Verweis auf die ganz anderen Bedingungen in Deutschland irritiert abgetan.
2.
Vgl. zur Gesamtheit der Bildungsstrukturen Wolfgang Hörner, Frankreich, in: Hans Döbert/Wolfgang Hörner/Botho von Kopp/Wolfgang Mitter (Hrsg.), Die Bildungssysteme Europas, Baltmannsweiler 20042, S. 155 - 175, sowie ders., France, in: ders./Hans Döbert/Botho von Kopp/Wolfgang Mitter (eds.), The Education Systems of Europe, Dordrecht 2007, S. 263 - 283.