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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Vor- und Grundschule in Frankreich

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Frankreich die letzten Restbestände der gymnasialen Vorklassen - die vorher mit den lycées (Gymnasien) ein eigenes, in sich geschlossenes, elitäres Schulsystem für das wohlhabende Bürgertum gebildet hatten - abgeschafft. Dadurch wurde die Grund- oder Primarschule (école primaire élémentaire) zur gemeinsamen Schule für alle Kinder. Man kann dies als erstes Ergebnis der Verwirklichung des Gleichheitsprinzips in der Schulpolitik ansehen, das seit der Französischen Revolution propagiert wurde, sich aber aus verschiedenen Gründen bis dahin nicht verwirklichen ließ. Der nächste bildungspolitische Schritt zur Chancengleichheit bestand darin, dass die Grundschule seit 1975 auf eine einheitliche, vierjährige Sekundarstufe I für (fast) alle Schüler vorbereitet.

Die fünfjährige Grundschule markiert formell den Beginn der Schulpflicht, die wie in Deutschland in der Regel mit dem vollendeten 6. Lebensjahr einsetzt. Allerdings wird im Vergleich zu Deutschland eine frühere Einschulung vergleichsweise häufiger praktiziert. Das ist vor allem der ausgebauten Vorschule zu verdanken. Die französische Grundschule schließt nämlich an die zwar freiwillige, aber von nahezu allen drei- bis sechsjährigen Kindern besuchte Vorschuleinrichtung (école maternelle) an, die im Gegensatz zu Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in das Schulsystem integriert ist und der zentralen staatlichen Schulverwaltung untersteht. Damit ist sie wie die Pflichtschule ein flächendeckendes und unentgeltliches Angebot des Staates und unterscheidet sich deutlich vom deutschen Kindergarten, der zwar öffentlich subventioniert, aber unter Kostenbeteiligung der Eltern von freien Trägern organisiert wird.

Zudem hat die Vorschule, wie die Bezeichnung école maternelle suggeriert, neben allgemeinen Aufgaben frühkindlicher Sozialisation im engeren Sinn die Funktion, eine erste Einführung in die Kulturtechniken zu vermitteln. Auch für die Vorschule gibt es Lehrpläne wie für alle Schultypen. Als äußeres Zeichen der Integration in das Funktionssystem Schule werden deshalb schon die Dreijährigen als "Schüler" (élèves) angesprochen. Die Erzieher und Erzieherinnen im Vorschulbereich (es gibt auch männliche Vertreter) haben den gleichen Status und eine gleichartige Ausbildung wie die Grundschullehrer(innen) und tragen deshalb seit den 1980er Jahren wie diese auch den prestigereichen Titel professeur, genau wie die Lehrkräfte an den weiterführenden Schulen und an den Universitäten. Der Beginn der staatlich finanzierten und organisierten vorschulischen Erziehung wurde seit den 1980er Jahren schrittweise auf das 2. Lebensjahr vorverlegt. Heute sind bereits 40 Prozent der unter Dreijährigen "Schüler" der école maternelle.[3]

Die Verzahnung von Vor- und Grundschule wurde in den 1990er Jahren weiter verstärkt. Das letzte Jahr der Vorschule und die beiden ersten Jahre der Grundschule wurden "schulstufenübergreifend" zu einer pädagogischen Einheit "grundlegenden Lernens" zusammengefasst. Durch diese Gliederung soll unter Einbeziehung beider Institutionen eine Flexibilisierung der Lernzeiten erreicht werden, die es dem einzelnen Schüler erlaubt, den Stoff von drei Schuljahren nach seinem eigenen Lernrhythmus entweder langsamer (in vier Jahren) oder aber schneller (in zwei Jahren) zu absolvieren. Diese Flexibilisierung erschien den Verantwortlichen besonders notwendig, da die Unterrichtsmethodik der französischen Grundschule lange Zeit als besonders konservativ galt. Neben der zentralen Vermittlung der Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) ist ihr didaktisches Prinzip von Anfang an die Erschließung der Welt in einer induktiv-intuitiven Weise. Diese geht von den wahrnehmbaren Objekten aus, die durch Beobachtung, Vergleich und Verallgemeinerung auf ihre Eigenschaften untersucht werden.[4] Die aus der Reformpädagogischen Bewegung kommenden, so genannten "aktivierenden Methoden" tauchen in den offiziellen Richtlinien seit den 1960er Jahren auf, die tatsächliche Implementierung von Elementen der Reformpädagogik - als französischer Vertreter steht hier vor allem Celestin Freinet (1896 - 1966) - brauchte jedoch relativ lange, um auch die öffentlichen Schulen zu erreichen. Ihre Grundidee im Bereich der Grundschule ist die Öffnung des Unterrichts zur natürlichen und sozialen Umwelt, die das Interesse der Schüler und damit Lernmotivation wecken sollen.[5]

Aus der Sicht kritischer Reformpädagogik hat die französische Grundschule den objektiven Makel einer hohen Sitzenbleiberquote: Im Jahr 2000 betrug sie 19,5 Prozent, bei allerdings konstant rückläufiger Tendenz.[6] Das deutet darauf hin, dass das Problem einer zu starken Intellektualisierung der Schuleingangsphase erkannt ist. Mit der Flexibilisierung der Eingangsphase an der Schnittstelle zwischen Vorschule und Grundschule, einer Erneuerung der Unterrichtsmethoden durch die "Öffnung" von Unterricht (d.h. das Abgehen vom Frontalunterricht) sowie die Flexibilisierung des Stundenplans je nach örtlichen Verhältnissen mit Minimal- und Maximalstundenanzahl schienen entsprechende "Heilmittel" gefunden, die vor allem zur Auflockerung der starren Zeitvorgaben dienen sollten, die als wichtigste Ursachen für frühes Schulversagen ausgemacht worden waren. Die Innovationen wurden aber nur zögerlich implementiert. Empirische Erhebungen zur Unterrichtsmethodik zeigten einige Jahre später zwar einen Innovationsschub in der Selbstwahrnehmung der Lehrenden, in Zufallsstichproben zeigte sich aber weiter die Dominanz des Frontalunterrichts.[7] Als weitere diagnostische Mittel zur Vorbeugung gegen Schulversagen wurden an den Gelenkstellen des Schulsystems (in der Eingangsstufe der Grundschule und beim Übergang zur weiterführenden Pflichtschule) "Lernstandserhebungen" vor allem in den Kulturtechniken eingeführt, deren ernüchternde Ergebnisse Frankreich vor einem zu großen PISA-Schock bewahrten.[8]

Fußnoten

3.
Vgl. W. Hörner 2007 (Anm. 2), S. 272.
4.
Vgl. Antoine Prost, Histoire de l'enseignement en France (1800 - 1967), Paris 1968, S. 278.
5.
Vgl. Louis Legrand, Une méthode active pour l'école d'aujourd'hui, Neuchâtel 1971, sowie Jean-Pierre Serri, Pédagogie de l'école élémentaire: Les activités d'éveil, Paris 1977.
6.
Vgl. W. Hörner 2007 (Anm. 2), S. 273.
7.
Vgl. Wolfgang Hörner, Grundschule in Europa, in: Wolfgang Einsiedler/Margarete Götz/Hartmut Hacker/Joachim Kahlert/Rudolf W. Keck/Uwe Sandfuchs (Hrsg.), Handbuch Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik, Bad Heilbrunn 20052, S. 43.
8.
Vgl. Wolfgang Hörner, Die französische Schule nach PISA, in: PädForum: Unterrichten - Erziehen, 31 (2003) 3, S. 143 - 145, sowie ders., Neue Formen der Leistungsmessung als bildungspolitische Innovationsstrategie. Das Beispiel Frankreich, in: Hans Döbert/ Hans-Werner Fuchs (Hrsg.), Leistungsmessungen und Innovationsstrategien in Schulsystemen. Ein internationaler Vergleich, Münster 2005, S. 149 - 155.