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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Ganztägige Unterrichtsorganisation

Die französische Schule ist mit der Beschreibung ihrer Strukturen bei weitem nicht erschöpfend erklärt. Sowohl die Vor- als auch die Grundschule (und darüber hinaus alle anderen Schultypen) fallen aus deutscher Sicht dadurch auf, dass sie Unterricht erteilen, der über Vor- und Nachmittag verteilt ist. Gerade für die deutsche Reformdiskussion ist es diese Organisationsform als Ganztagsschule, die im Sinne einer "guten Praxis" auch von bildungspolitischem Interesse zu sein scheint.

Wenn man allerdings von "französischer Ganztagsschule" spricht, ist dieser Ausdruck nur im Ausland verständlich. Die meisten deutschen Beiträge zu diesem Thema[9] beginnen zu Recht mit der Feststellung, dass der Begriff "Ganztagsschule" in der französischen Sprache nicht existiert. Versucht man eine Lehnübersetzung, etwa école à plein temps - in Analogie zum beruflichen Bildungsbereich ("Vollzeitschule") -, so versteht diesen Begriff in unserem Kontext kein Franzose. Das liegt nicht etwa daran, dass es das Phänomen nicht gibt; im Gegenteil, Schule wird in Frankreich von alters her wie selbstverständlich als Veranstaltung verstanden, die sich über den ganzen Tag erstreckt, und ist per definitionem Ganztagsschule. Eine "Vormittagsschule" - die in Deutschland im Übrigen ja ohne Mittagspause faktisch bis 14 Uhr nachmittags dauert - ist in Frankreich undenkbar.

Im französischen Kontext geht es im engeren Sinne um Ganztagsschule, nicht um eine para- oder perischulische (sozialpädagogische) Ganztagsbetreuung, obgleich es die zusätzlich auch gibt. Das macht die Besonderheit der französischen Situation aus, die viele wohl meinende deutsche Pädagogen dazu veranlassen könnte, mit einem pauschalen "Unvergleichbarkeitstopos" zu erklären, dass man hier auf keinen Fall ein Beispiel für best practice finden könne, denn "bei uns" sei so etwas schon aus schulstrukturellen Gründen nicht realisierbar. Ziel dieser Ausführungen soll es gerade sein, angesichts eines deutschen, primär sozialpädagogisch geprägten Begriffs der "offenen Ganztagsschule" als freies Nachmittagsangebot für die Leistungsschwächeren zu zeigen, dass in Frankreich schon im Ansatz offensichtlich eine andere, ebenso erwägenswerte, erweiterte Definition von Schule anzutreffen ist, die sich von unserem engeren Verständnis unterscheidet. Das bedeutet: Der Leser soll, wie in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft gerne gesagt wird, eine Kontingenzerfahrung erleben, d.h. die Erfahrung, dass das, was (in seinem Land) so ist, wie es ist, auch ganz anders sein könnte (wie die fremde Erfahrung zeigt).

Fußnoten

9.
So z.B. Christian Alix, "Schule und Ganztagsschule sind identisch". Frankreichs Schulsystem in der Praxis - ein Blick nach Marseille, in: Bildung und Innovation (Onlinemagazin) vom 14.8. 2003, www.bildungsser ver.de/innovationsportal/bildungplus.html?artid=217 & (20.4. 2008), oder Mechthild Veil, Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich, in: APuZ, (2002) 41, S. 29 - 37.