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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Ursprung der Ganztagsschule

Der Ursprung der französischen Schulorganisation im Hinblick auf den Ganztagsunterricht liegt am Ende des 19. Jahrhunderts in der radikalen Emanzipation der sich konstituierenden "laizistischen" Schule von der Vormundschaft der katholischen Kirche. Die "Befreiung" aus der Vormundschaft der Kirche bedeutete vor allem, dass der Religionsunterricht aus der Schule verbannt wurde, um den Einfluss des oft "republikfeindlich" eingestellten Klerus von der Schule fernzuhalten.

Daraus ergaben sich zwei schulorganisatorische Konsequenzen, die noch heute spürbar sind. Es ist zum einen die Organisation der Schule als Ganztagsschule: Der quasi-religiöse Eifer der republikanischen Schulreformer sah in den Primarschullehrern nichts weniger als prêtres laïcs (weltliche Priester) und wollte deshalb einen möglichst umfassenden Einfluss auf die junge, formbare "Kinderseele" im Sinne einer Nationalerziehung (Éducation Nationale) - die Einheit der Nation im Geiste der Republik - ausüben. Zum anderen aber wurde, gewissermaßen als Kompensationsangebot an die Kirche für die Verbannung des Religionsunterrichts, für die Primarstufe ein unterrichtsfreier Tag, für die Sekundarschule ein unterrichtsfreier Vormittag mitten in der Woche eingeführt. Damit sollte den Eltern, die es wünschten, die Möglichkeit gegeben werden, ihr Kind in den kirchlichen Unterricht außerhalb der Schule, in den Räumen der Kirche zu schicken. Um die vorgesehene Wochenstundenzahl trotz des schulfreien Tags mitten in der Woche zu halten, blieb der Schulverwaltung keine andere Wahl, als den Unterricht in Ganztagsform in den verbleibenden Tagen einzuführen. Und noch ein Umstand legte den Ganztagsunterricht auch unter quantitativen Gesichtspunkten nahe: Im agrarisch geprägten Flächenstaat galt es, den Unwillen der bäuerlichen Bevölkerung gegen die schrittweise durchgesetzte Schulpflicht dadurch zu besänftigen, dass sozusagen als Kompromiss sehr lange Sommerferien eingeführt wurden (fast zehn Wochen), damit die Kinder in der Erntezeit helfen konnten. Die Komprimierung der Jahresarbeitszeit kam ohne die Verlängerung des Unterrichtstages über den Vormittag hinaus gar nicht aus.

Der Schultag der Kinder war auf diese Weise am Arbeitstag der Erwachsenen orientiert. Das hatte deutliche Rückwirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Tatsächlich hat Schule in Frankreich einen ungleich stärkeren Stellenwert im gesellschaftlichen Leben als in Deutschland. Das sieht man nicht nur darin, dass die rentrée, der Wiederbeginn der Schule nach der Sommerpause, zugleich eine Zäsur im gesellschaftlichen Leben ist - so gibt es die rentrée littéraire, wo die neuen Bücher vorgestellt werden, oder die rentrée politique, wo die politischen Kontroversen nach der Sommerpause wieder aufgenommen werden -, sondern auch in Phänomenen wie dem höheren Stellenwert der Schule in der Publizistik, messbar etwa in den hohen Auflagen der Zeitschrift "Le Monde de l'Education" oder der Anteilnahme auch der Tagespresse an den Inhalten der Abiturprüfung.[10]

Fußnoten

10.
Vgl. W. Hörner 2003 (Anm. 8).