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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Organisation und Personal der Ganztagsschule

Da das Prinzip der Ganztagsschule bis heute für die gesamte Schulzeit vom Vorschulbereich bis zu den Postabitursklassen gilt, bedeutet das, dass der Staat quasi als Nebeneffekt der ursprünglich beabsichtigten politischen Sozialisationsfunktion für Unterricht und Kinderbetreuung einen zuverlässigen Rahmen vorgibt, auf den die Familien bei der Planung ihres Arbeitslebens bauen können. Die staatliche Schulorganisation wirkt sich sehr stark familienpolitisch aus. Wie sieht es um die zeitliche Struktur dieses Ganztagsangebotes aus?[11]

Auf der Ebene der Vorschule haben die angebotenen organisatorischen Modelle mit ihren Varianten unterschiedlicher Öffnungszeiten in der Regel eine sechsstündige "Schulzeit" gemeinsam, die gleichmäßig auf Vormittag und Nachmittag verteilt ist. Darüber hinaus gibt es in etwa einem Drittel der Vorschuleinrichtungen zusätzliche Betreuungsangebote vor Beginn und nach "Schulschluss". Dieses Zusatzangebot war allerdings in 40 Prozent der recherchierten Fälle kostenpflichtig. Zwei Drittel der Vorschuleinrichtungen bieten einen Mittagstisch an, der kostenpflichtig, wenn auch durch Subventionen verbilligt ist. Um verbreitete deutsche Vorstellungen von der grausamen "Verschulung" der französischen école maternelle und den vermeintlich hoffnungslos überforderten französischen Vorschulkindern zu differenzieren: Unterrichtsähnliche Veranstaltungen mit Ansätzen strukturierten Lernens finden dort nur in den letzten beiden Jahren (also für die Vier- bis Sechsjährigen) im Umfang von etwa zwei Stunden am Tag statt. Die ersten Jahre (und die verbleibende Zeit in den späteren Jahren) sind dem Spiel und (im weitesten Sinn) der Gewöhnung an das Gemeinschaftsleben (im Sinne einer vorschulischen Sozialisation) gewidmet.

Trotz dieser relativen Betreuungsdichte bleiben für den Vorschulbereich - wie für den Rest der Schulzeit - zwei Probleme: der ursprünglich für den Religionsunterricht vorgesehene freie Tag, soweit er nicht auf den Samstag gelegt wurde, und die langen Sommerferien. Das Problem des freien Tages wird von den befragten Eltern pragmatisch gelöst - über kostenpflichtige kommunale Angebote oder private Lösungen, in denen die Oma (falls nicht mehr berufstätig) eine Rolle spielt. Für die Sommerferien, die den Familienurlaub überschreiten, werden bereits für die Zwei- bis Dreijährigen, aber zunehmend auch für die älteren Kinder "Ferienkolonien" eingerichtet, die von privaten und kommunalen Trägern oder anderen gesellschaftlichen Gruppen (z.B. kirchlichen oder laizistischen Verbänden) angeboten werden.

Naturgemäß wird der Unterrichtscharakter der Ganztagsschule mit dem Übergang in die Grundschule - als Teil des Pflichtschulbereichs - wesentlich deutlicher. An den Strukturprinzipien des Schultages ändert sich indes wenig. Der Schultag dauert - mit örtlichen Varianten - von 8 bis 12 und von 14 bis 16 oder 17 Uhr. Für den Primarbereich ist die Gruppierung der Unterrichtsstunden flexibel, die Regel sind jedoch Unterrichtseinheiten von 55 Minuten (die übliche französische Unterrichtsstunde). Eine ähnliche Zeitstruktur gilt auch für die Sekundarstufe I, dem oberen Bereich der Pflichtschule. Zehn Prozent der Unterrichtszeit kann in klassenübergreifenden Projektunterricht "investiert" werden. Es handelt sich also ausdrücklich nicht um klassischen Frontalunterricht.

Ganztagsschule bedeutet nicht nur die quasi selbstverständliche Möglichkeit des Mittagessens in der Schule (unter entsprechender Aufsicht), die von mehr als der Hälfte der Schüler genutzt wird, sie betrifft auch beaufsichtigte Einzelarbeit (étude surveillée) im Anschluss an den Unterricht, die auch der Fertigstellung von Hausaufgaben gewidmet sein kann. Sie impliziert schließlich eine große Anzahl von Arbeitsgemeinschaften (Neigungsgruppen), die als "sozialerzieherische Tätigkeiten" im Foyer Socio-Éducatif (Sozialerzieherisches Zentrum) vor allem, aber nicht nur im verbleibenden Teil der Mittagspause durchgeführt werden. Dazu gehören etwa Theater-AGs, die Herstellung der Schülerzeitung, der UNESCO-Club oder antirassistische Arbeitsgemeinschaften. Als Animateure wirken in der Regel die Lehrkräfte der Schule. Eine Besonderheit sind in diesem Zusammenhang die Sportgruppen, die, zusammengefasst im Nationalen Schul- und Universitätssportverband (Union Nationale des Sports Scolaires et Universitaires), den eigentlich schulfreien Mittwochnachmittag nutzen, aber von den Sportlehrern der Schule geleitet werden. Sie werden stark nachgefragt. Étude surveillée gibt es auch im Anschluss an den Unterricht vor allem für schwächere Schüler (Erledigung von Hausaufgaben, Nacharbeiten des Schulstoffs). Das "Selbststudium" wird entweder von schulischem Personal angeleitet oder aber von der Kommune getragen. Im Kontext des ehrgeizigen politischen Ziels der Steigerung der Abiturientenzahlen kommt diesem Bereich schon früh eine wachsende Bedeutung zu, da hier die Grundlagen für die späteren Chancen gelegt werden, zur Hochschulreife zu kommen. Ohne den vollständigen Abschluss der Pflichtschule (die mittlere Reife) gibt es keine Chancen auf das Abitur.

In die Schule voll integriert ist das CDI (Centre de Documentation et d'Information - Dokumentationszentrum). Das CDI mit seiner räumlichen und sächlichen Ausstattung ist eine entscheidende Stütze, ohne die eine selbständige Arbeit der Schüler im Rahmen der Ganztagsschule nicht möglich wäre. Neben der sächlichen Ausstattung an Büchern, Medien und Lernhilfen gibt es dort eine Fachkraft als Anlauf- und Beratungsstelle, die zum Personal der Schule gehört.

Die französische Schule beschäftigt nicht nur Lehrer, sondern eine breite Palette von pädagogischem Hilfspersonal, welche die Lehrer in ihrer Tätigkeit unterstützen. Durchschnittlich ist mehr als ein Viertel - nach einer Fallstudie[12] genau 28 Prozent - des Personals an einer Schule pädagogisches Hilfspersonal. Die Lehrer sind ausschließlich mit Unterricht betraut (wozu auch die fakultativen Arbeitsgemeinschaften gehören). Die Pausenaufsicht, die Aufsicht beim Mittagessen und in der selbständigen Arbeit übernehmen Surveillants. Der Koordinator dieses pädagogischen Hilfspersonals, der frühere Surveillant Général, trägt inzwischen den pädagogisch korrekten Namen Conseiller Principal d'Education (Haupterziehungsberater). Die Aufsichtsangestellten sind in der Regel Studierende des Lehramts, oft auch solche, die ihr Fachstudium abgeschlossen, aber den Zugangswettbewerb zur Aufnahme in die Referendarausbildung noch nicht geschafft haben. Sie bekommen den gesetzlichen Mindestlohn (derzeit knapp 1000 Euro netto).

Die Notwendigkeit der Stellung von Aufsichtspersonal lässt auch das Ministerium bei der Einführung neuer "Jobtypen" kreativ werden. Neben der Kategorie der Surveillants, heute mit der korrekten Bezeichnung Maitre d'Internat - Surveillant d'Externat (MISE), die 28 Stunden Aufsicht in der Woche führen, wurden 1997 als Maßnahme gegen die Jugendarbeitslosigkeit aide-éducateurs (Erziehungshelfer) ins Leben gerufen, die einen anderen arbeitsrechtlichen Status haben und 35 Stunden arbeiten. Nach dem Auslaufen dieser "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen" wurde 2003 eine neue Kategorie geschaffen, die Erziehungsassistenten (assistants d'éducation), die mittelfristig die anderen Kategorien ersetzen sollen. Deren arbeitsrechtlicher Status ist umstritten. Nach der Darstellung des Ministeriums sollen die Verträge aber so flexibel gehandhabt werden können, dass durch die Übernahme von Teilzeitverträgen ein erfolgreiches Weiterstudium möglich ist. Sie sind auch als Begleiter für die Integration behinderter Schüler in Regelklassen vorgesehen.

Fußnoten

11.
Vgl. zum folgenden Christoph Kodron, Zeit für Schule: Frankreich, in: Hans-Günther Hesse/ders., Zeit für Schule: Spanien Frankreich, Weinheim 1991, S. 16ff.
12.
Vgl. Chr. Alix (Anm. 9).