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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Probleme der Schulorganisation

Probleme, die nicht zu übersehen sind, zeigt die Schulorganisation in Frankreich allerdings auch. So kann der lange Schultag gerade für die kleineren Kinder sehr anstrengend sein. Christoph Kodron[13] hat in seiner Studie nachgerechnet, dass manche Kinder im Vorschulbereich unter Einschluss der zusätzlichen Betreuungsangebote mehr als neun Stunden "in der Schule" sind. In der Grundschule wurde seit den 1970er Jahren versucht, der intellektuellen Ermüdung der Kinder dadurch zu begegnen, dass in die Nachmittagsstunden weniger abstrakte Fächer (disciplines d'eveil, d.h. Sachunterricht bzw. Milieustudien[14]) und sportliche bzw. musische Aktivitäten gelegt wurden. Auch wenn diese reflektiertere Stundenplangestaltung vielleicht nicht auf der ganzen Linie zu überzeugen vermag, sei daran erinnert, dass auch die deutsche Schule das Problem der unproduktiven "6. Stunde" kennt.

Die Probleme, die durch die vielleicht archaisch anmutenden Gepflogenheiten des freien Mittwochs (im Primarbereich) bzw. des freien Mittwochnachmittags (im Sekundarbereich) entstehen, die allerdings heute auch zunehmend von Koranschulen genutzt werden, bereiten vor allem den berufstätigen Müttern oder den Alleinerziehenden besonderes Kopfzerbrechen. Man versucht diese Probleme "familienfreundlicher" dadurch zu lösen, dass man durch einen Beschluss der Schulkonferenz den freien Tag auf den Samstag legt. Die Entscheidung darüber liegt also beim Mitbestimmungsorgan der Schule. Wo allerdings, oft aufgrund kirchlichen Widerstands, neben dem freien Samstag auch der Mittwoch zusätzlich frei bleibt, also faktisch eine Viertagewoche entsteht, wird nicht nur das Betreuungsproblem nicht gelöst, es entsteht auch ein curriculares, da der Stoff auf einen Schultag weniger in der Woche konzentriert werden muss. Hier hilft die neuerdings erfolgte leichte Kürzung der Ferien nur wenig.

Interessant ist allerdings, dass die zahlreichen pädagogischen Überlegungen zur Reform der rythmes scolaires (also des Unterrichtsrhythmus) lediglich die interne Stundenplangestaltung zum Gegenstand haben, das Grundprinzip der Ganztagsschule aber nicht berühren. Es mag deutsche Beobachter verblüffen, dass diese augenscheinlich "stressige" französische Schulorganisation von den Schülern in der Regel nicht negativ erlebt wird. In einer bemerkenswerten empirischen Untersuchung zur Schulzufriedenheit bei deutschen und bei französischen Schulkindern[15] stellen die Autoren fest, dass sich die französischen Kinder wesentlich zufriedener mit ihrer ständig präsenten, anstrengenden Schule zeigten als die deutschen mit ihrer lockereren Schulorganisation.

Fußnoten

13.
Vgl. Chr. Kodron (Anm. 11).
14.
Vgl. J. P. Serri (Anm. 5).
15.
Vgl. Kurt Czerwenka, Schulsystem, Selektion und Schulzufriedenheit in Frankreich, in: Zeitschrift für Pädagogik, 36 (1990), S. 849 - 875.