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26.5.2008 | Von:
Wolfgang Hörner

Das französische Ganztagsmodell

Schlussfolgerungen

Welche Schlüsse lassen sich aus dieser Skizze ziehen? Im wertenden Vergleich zu Deutschland ist die Existenz eines flächendeckenden Vorschulbereiches für quasi alle Drei- bis Sechsjährigen und 40 Prozent der Zweijährigen als unentgeltliches Angebot des Staates etwas, von dem deutsche Mütter, wenn sie womöglich noch alleinerziehend sind, nur träumen können. Zum zweiten gibt die Organisationsform als Ganztagsbetreuung, die über die ganze Schulzeit aufrechterhalten wird, diesem Angebot erst die richtige familien- und sozialpolitische Dimension. Durch die Ganztagsschule setzt der Staat einen verlässlichen sozialen Rahmen für die Gestaltung des Arbeitslebens, ohne die Familien zu vernachlässigen. Durch beide bildungspolitischen Maßnahmen, den Ausbau des flächendeckenden und kostenfreien Vorschulbereichs und die schulorganisatorische Weiterführung in der Ganztagsschule, gelingt es Frankreich, bei einer hohen Frauenerwerbsquote die höchste Geburtenrate in der EU zu haben. Dies widerlegt alle Thesen, die behaupten, dass die sinkenden Geburtenraten in Europa durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen verursacht würden.

Ein Blick auf die Statistik untermauert diese Feststellung. Die französische Arbeitsstatistik gibt für 2004 an, dass 81 Prozent der Frauen in der Altersgruppe der 25- bis 49-Jährigen beruflich aktiv waren.[16] Trotz dieser hohen Beschäftigungsrate lag die durchschnittliche Gesamtfruchtbarkeitsrate in Frankreich nach eurostat im Jahr 2006 bei 2,0, das ist der höchste Wert in der EU, nur Island hatte in Europa mit 2,08 eine höhere Rate. Damit haben die Französinnen die bis dahin führenden Irinnen überholt. Zum Vergleich: Deutschland hatte 2006 eine Gesamtfruchtbarkeitsrate von 1,32, Polen von 1,27, Schweden von 1,85.[17] Der EU-Durchschnitt betrug 2004 1,5.[18] Man kann aus diesen Indikatoren schließen, dass es Frankreich gelingt, durch Bildungspolitik erfolgreiche familienpolitische Impulse zu setzen. Das führt uns zur ersten These.

These I: Das französische Beispiel zeigt, wie man durch Bildungspolitik zugleich Familienpolitik machen kann.

Das französische Beispiel zeigt aber noch mehr. Schule, so resümiert Alix[19] seine Darstellung, ist nicht nur Unterricht (also ein zu bewältigendes Curriculum), sondern auch "viel gemeinsam verbrachte Zeit". Im Funktionenmodell von Schule wird dies gewöhnlich als Sozialisationsfunktion bezeichnet. Dies lässt sich in These II zusammenfassen.

These II: Schule ist nicht nur Unterricht (Curriculum), sondern auch Gelegenheit zum gemeinsamen Arbeiten und Spielen (Sozialisation).

Das ist eine weitere zentrale Botschaft der französischen Ganztagsschule, die zwar nicht neu ist, aber leicht vergessen wird. Durch die Notwendigkeit und die Chance, diese gemeinsame Zeit zu füllen, kommt hier auch das, was wir in Deutschland die sozialpädagogische Dimension nennen, zum Tragen, allerdings mit einer anderen personalen Rollenverteilung. Damit verbunden ist eine Ausdifferenzierung der pädagogischen Funktionen, die über die bloße Aufsicht zur Aufrechterhaltung der Disziplin weit hinausgeht. In der französischen Ganztagsschule und insbesondere der Vorschule wurde diese erzieherische Funktion als Aufgabe des Staates als des Repräsentanten der Gesamtgesellschaft erkannt und zu realisieren versucht. Der relative Erfolg der Realisierung dieser gesamtstaatlichen erzieherischen Aufgabe in der nationalen und sozialen Integration der Jugend und in der Egalisierung gesellschaftlicher Ungleichheit - relativer Erfolg zumindest gemessen an dem bei PISA dokumentierten erschreckenden deutschen Misserfolg auf diesem Gebiet - leitet uns zu der abschließenden, vielleicht gewagtes praktisches Handeln implizierenden These.

These III: Der öffentlich finanzierte Ausbau von Ganztagseinrichtungen leistet eine wirksamere Hilfe für die positive Entwicklung der Kinder als die Erhöhung des individuellen Kindergelds, dessen sachgerechte Verwendung nicht gewährleistet ist.

Damit wird der Bogen zur ersten These geschlagen: Bildungspolitik kann wirksame Familienpolitik sein.

Fußnoten

16.
Vgl. INSEE/Institut National de la Statistique et des Études Économiques (Hrsg.), Données sociales. La société français, Paris 2006, S. 225.
17.
http://epp. eurostat. ec. europa.eu/portal/page?_ pageid=1996. 3. 140985&_dad = portal&_schema = PORTAL&screen = detailref&language = de&product = Yearlies_new_population&root = Yearlies_new_ population/C/C1/C12/ cab12048 (20. 4. 2008).
18.
Nach INSEE (Anm. 16), S. 17.
19.
Chr. Alix (Anm. 9).