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26.5.2008 | Von:
Sally Tomlinson

Frühkindliche Förderung und Vorschulerziehung in Großbritannien

Die Zeitpolitik des Schulwesens in Großbritannien befindet sich in einem enormen Wandel. Weite Bereiche der Kinderbetreuung und des Schulwesens sind privatisiert worden.

Einleitung

In den vergangenen zwanzig Jahren ist Bildung zu einem Hauptthema der Politik und einem marktfähigen, umkämpften Rohstoff geworden, der in der globalisierten Welt als entscheidendes Instrument zur Sicherung der Produktivität und nationalen Wettbewerbsfähigkeit gilt. Das britische Schulsystem, seine Zeitpolitik und die Reformierung zu einem wettbewerbsfähigen, marktorientierten System bilden einen Gegensatz zu anderen europäischen Schulmodellen, insbesondere dem deutschen.[1] In Großbritannien ist ein beständiger Strom an Initiativen und Einmischung durch die Staatsgewalt sowohl für die konservative Regierungszeit von Ende der 1980er Jahre an als auch für New Labour seit 1997 zu verzeichnen. Durch umfassende Reformen wurde erreicht, dass Kindertagesstätten (Vorschulen) sowie Grund- und Sekundarschulen zunehmend miteinander konkurrieren und teilprivatisiert wurden, wobei dem Staat weiterhin die Kontrolle über Lehrinhalte, Leistungsbewertung, pädagogische Aspekte, Schulaufsicht und Lehrerausbildung obliegt.




Das ehemals dezentrale System ist heute stark zentralisiert. Gleichzeitig gibt es immer wieder Vorstöße, Bildungsgrundsätze im größeren Rahmen der Kinderbetreuung und der sozialen Verantwortung zu verankern. In diesem Zusammenhang werden Förderprogramme für die Alterstufe bis zu drei Jahren, Kinderzentren, an Eltern gerichtete Fortbildungsangebote zu Erziehungsfragen sowie um Horte erweiterte Schulen vorgeschlagen, was zur Umstrukturierung des Schultages führen würde.

Mit dem Ausbau der Kinderbetreuungsangebote und einem verlängerten Schultag soll vor allem Müttern der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Alle Erwachsenen - ob männlich oder weiblich, jung oder alt - werden zunehmend als Humankapital geschätzt, weshalb sie auf die Arbeitswelt vorzubereiten, zum Arbeiten zu ermutigen und notfalls auch zu zwingen sind. Die früher angefallenen Kosten des Wohlfahrtsstaates gelten als zu hoch und als im Wettbewerb der globalen Marktwirtschaft nicht aufrechtzuerhalten; Bildung, einst eine Säule des Sozialstaates, wird heute in Großbritannien als Vorstufe zum Wirtschaftsleben betrachtet.[2]

In der folgenden Skizze wird das Hauptaugenmerk auf die 2003 entwickelte "Jedes-Kind-zählt"-Agenda (Every Child Matters Agenda) gelegt.[3] Diese verlangt die regionale Zusammenführung von Schulen, Jugendämtern, Gesundheits- und Sozialdiensten und stützt sich auf die von den Kommunalbehörden zu schaffenden Kinderämter (Children's Services Departments), in welche auch die Schulämter einzubinden seien. Premierminister Gordon Brown hat im Juli 2007 einen Verbund der Einrichtungen angekündigt, in dem das Bildungsministerium (Department for Education and Skills/DfES) in Ministerium für Kinder, Schule und Familie (Department for Children, Schools and Families/DCSF) umbenannt und ihm ein Fachbereich für Forschung, Universitäten und Qualifikation (Department for Innovation, Universities and Skills/DIUS) unterstellt werden soll.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Jaiken Struck, South Petherton, England/UK.

Schottland gestaltet sein Bildungssystem seit 1945 größtenteils selbst, insbesondere nach der Schaffung eines eigenen Parlaments 1999. Die walisische Nationalversammlung übernahm nach 1999 die Kontrolle über das Bildungssystem; Nordirland kontrolliert ebenfalls ein eigenes System.
2.
Vgl. Sally Tomlinson, Education in a Post-Welfare Society, Berkshire 20052, und S. J. Ball, The Education Debate, Bristol 2008.
3.
Vgl. HM Treasury, Every Child Matters. Cmnd 5860, London 2003.