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26.5.2008 | Von:
Lisbeth Lundahl

Zeitpolitik im schwedischen Bildungswesen

Auf die Zeitpolitik einwirkende Faktoren

Auffällig an der Zeitpolitik des schwedischen Bildungssystems ist die Stabilität, mit dem der Schultag und die Schulwoche konzipiert und verwirklicht worden sind. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts besteht ein "gewöhnlicher" Schultag in der fünften oder sechsten Klasse der Grundschule aus durchschnittlich sechs Stunden (Samstage nicht inbegriffen). Teilzeitunterricht oder mobile Schulen wurden seit der Entwicklung des Stofferteilungsplans im Jahr 1900 als ungeeignete oder ungewöhnliche, nur in Fällen eines besonders langen Schulweges akzeptable Alternativen betrachtet. Trotzdem waren so genannte Sonderformen der allgemeinen Schulausbildung bis weit in die 1930er Jahre verbreitet und wurden von Gruppen des rechten Flügels aktiv verteidigt. Seit den 1920er Jahren ist der Ganztagsunterricht an den allgemeinen Schulen kaum mehr in Frage gestellt worden. Welche Erklärungen lassen sich dafür anführen?

Staatsgewalt und die Legitimität des staatlichen Wohlfahrtssystems sind Merkmale des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates. Stärker noch als in liberalen oder konservativen Systemen wird vom Staat erwartet, dass er für seine Bürger sorgt und für die Bedürfnisse von Kindern aufkommt, was mit der Umverteilung von Kapital und mit hohen Steuersätzen einhergeht. Debatten um das Für und Wider von Kindertagesstätten sind aufgekommen, insgesamt aber erfreuen sich die öffentlichen Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen breiter Unterstützung.[26]

Die Fachleute im Bildungssystem haben keinen nennenswerten Einfluss auf die Zeitpolitik des Bildungswesens gehabt.

Familie, Wirtschaft und Arbeitsmarktanforderungen haben die Struktur des Bildungswesens und der Kinderbetreuung dagegen stark beeinflusst. Im Gegensatz zu anderen Ländern blieb Armut in Schweden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet; die meisten Familien konnten es sich nicht leisten, dem Modell vom männlichen Ernährer zu folgen. Armut und Überbevölkerung trugen zur Verringerung der Geburtenrate bei, und die Sozialpolitik der 1930er und 1940er Jahre, welche kostenlose Schulmahlzeiten vorsah, richtete ihr Hauptaugenmerk darauf. Kinderarbeit wurde 1912 verboten. Mit der raschen Rationalisierung der Landwirtschaft und der Urbanisierung wurden Kinder nicht länger als zusätzliche Arbeitskraft in der Landwirtschaft benötigt. In der Wirtschaft bestand in den 1950er und 1960er Jahren ein dringender Bedarf an Arbeitskräften. Vor die Wahl gestellt, entweder Einwanderer oder Frauen einzustellen, wurden letztere als bevorzugte Arbeitskräftereserve betrachtet. Der rasche Ausbau der staatlichen Kinderbetreuungsmaßnahmen in den 1960ern und 1970er Jahren zielte auf die Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit.[27]

Auch demographische und geographische Faktoren haben zur Einrichtung des Ganztagsunterrichts als das "gängige" Zeitorganisationsprinzip beigetragen. In dünn besiedelten Gegenden mussten die Kinder oft weite Strecken zwischen ihrem Wohnhaus und der Schule zu Fuß zurücklegen, besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als es noch keine öffentlichen Verkehrsmittel für den Schulweg gab. Es wäre vergeudete Zeit gewesen, den langen Weg für nur wenige Schulstunden auf sich zu nehmen. In ähnlicher Weise wäre es als verschwenderisch empfunden worden, an kalten Wintertagen die Klassenräume nicht voll auszunutzen, wenn ihre holzbefeuerten Öfen erst einmal angeheizt waren.

Keiner dieser Faktoren kann die Zeitpolitik des allgemeinen Schulwesens in Schweden allein erklären, vielmehr muss eine Kombination erwogen werden. Das Modell des Wohlfahrtssystems, das von besonderen Beziehungen zwischen Staat, bürgerlicher Gesellschaft und Wirtschaft gekennzeichnet ist, kann als weiterer Bezugsrahmen dienen. Dennoch zeigt das schwedische Beispiel auch die Vielzahl der länderspezifischen Faktoren. Diese schließen kulturell und politisch einflussreiche Einzelpersonen wie die Myrdals ebenso ein wie die niedrigen Temperaturen und die langen Schulwege. Schließlich lässt sich auch eine gewisse Pfadabhängigkeit nicht verleugnen: Ist der harte Kampf um Teilzeitunterricht erst einmal beendet und werden die ihn verteidigenden Gruppen als rückschrittlich betrachtet, gestaltet sich die erneute Aufnahme eines solchen Kampfes schwierig. Zudem ist es nicht einfach, die Mittel für Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen zu kürzen, wenn die Mehrheit der Frauen erst einmal berufstätig ist.

Fußnoten

26.
Vgl. Stefan Svallfors, Class, Attitudes and the Welfare State: Sweden in Comparative Perspective, in: Social Policy and Administration, 38 (2004) 2, S. 119 - 138.
27.
Vgl. L. Lundahl (Anm. 3).