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26.5.2008 | Von:
Ludwig Stecher
Falk Radisch
Natalie Fischer

Ganztägige Bildungssettings im Vor- und Grundschulalter

Versorgung mit Betreuungsplätzen im Vor- und Grundschulalter

Während der Besuch von Kindertageseinrichtungen im Alter unter drei Jahren (Krippenalter) in den westlichen Flächenländern[2] noch relativ selten ist, besucht die Mehrheit der über Dreijährigen (Kindergartenalter) eine solche Einrichtung (Abbildung). Dies gilt vor allem für das Alter ab vier Jahren bis zum Schuleintritt. Etwa 90 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe besuchen den Kindergarten. Die Versorgungsquote[3] bei den unter Dreijährigen wird in den westdeutschen Bundesländern 2002 mit gerade einmal zwei Prozent beziffert; die Versorgungsquote bei den Kindern im Kindergartenalter beträgt 91 Prozent.[4]

In den östlichen Flächenländern liegen die Besuchsquoten bei allen Altersgruppen der unter Vierjährigen deutlich höher. Hier besuchen bereits 72 Prozent der Zwei- bis Dreijährigen eine Kindertageseinrichtung; bei den Drei- bis Vierjährigen wird eine Quote von mehr als 80 Prozent erreicht. Die Versorgungsquote bei den unter Dreijährigen liegt mit insgesamt 37 Prozent deutlich höher als im Westen. Bei den Kindergartenkindern besteht mit einer Versorgungsquote von 105 Prozent sogar ein Überangebot an Betreuungsplätzen. Die Besuchsquoten in den Stadtstaaten verlaufen im Bereich des Krippenalters bis zu drei Jahren zwischen der für die westlichen und östlichen Flächenländer beschriebenen Entwicklung, bleiben bei den älteren Kindern jedoch hinter den Flächenländern zurück.[5] Die Versorgungsquoten liegen bei den Stadtstaaten bei 26 (bei den unter Dreijährigen) bzw. 84 Prozent (bei den über Dreijährigen).

Die höhere Versorgung der Familien in den ostdeutschen Bundesländern mit vorschulischen Betreuungsarrangements drückt sich auch darin aus, dass (2002) nahezu alle Plätze in Kindergärten (also für die über Dreijährigen) als Ganztagsplätze eingerichtet sind, also für fast alle Kinder ab drei Jahren die Möglichkeit zu ganztägiger Betreuung besteht. In den westlichen Flächenländern beträgt dieser Anteil nur 24 Prozent (bei den Stadtstaaten 76 Prozent). Das Betreuungsangebot in den östlichen Bundesländern ist damit im Krippenbereich zahlenmäßig und im Kindergartenbereich auch zeitlich umfänglicher. Insgesamt ist der Einschätzung des Bildungsberichts zu folgen, dass in den westdeutschen Bundesländern - vor allem in den Flächenländern, teilweise aber auch in den Stadtstaaten - ein spürbarer Ausbaubedarf an Betreuungsplätzen für unter Dreijährige und an Ganztagsplätzen in Kindergärten für die Drei- bis Sechsjährigen (bis Schuleintritt) besteht.

Auch mit Blick auf die Inanspruchnahme von außerunterrichtlichen Angeboten an Ganztagsgrundschulen unterscheiden sich die Regionen voneinander. Dabei setzt sich der zahlenmäßige Vorsprung in den ostdeutschen gegenüber den westdeutschen Flächenländern, wie er sich bereits hinsichtlich der vorschulischen Betreuung zeigte, fort.[6] In den Flächenländern stieg der Anteil der Ganztagsgrundschüler von einem (2002) auf sieben Prozent (2006). Dieser Anteil lag in den ostdeutschen Bundesländern mit 28 Prozent bereits 2002 auf deutlich höherem Niveau. Er stieg seitdem auf 38 Prozent. Auch für die Stadtstaaten ist ein starker Zuwachs in der Zahl von Ganztagsgrundschülern zu verzeichnen: Ihr Anteil an allen Grundschülern stieg dort von 14 auf 40 Prozent. Bei der Bewertung ist zu beachten, dass sich die Bundesländer - unabhängig davon, ob sie im Westen oder Osten der Republik liegen - stark voneinander unterscheiden. Grundlage für diese Unterschiede sind u.a. rechtliche Regelungen, wie sie sich etwa auf den Verpflichtungsgrad der Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Ganztagsangeboten ("offene" oder "gebundene" Ganztagsschulen) beziehen.[7] Auch die Rolle der Horte - als Teil der Ganztagsschule oder als selbstständige Betreuungseinrichtungen - ist unterschiedlich geregelt. Ein vollständiges und differenziertes Bild der Bildungs- und Betreuungssituation im Bereich der Grundschule muss damit sinnvollerweise auf der Ebene der einzelnen Bundesländer ansetzen.

Fußnoten

2.
Auf Grund der sehr unterschiedlichen Entwicklung im Bereich der Kindertageseinrichtungen und der Ganztagsschulen in den alten und neuen Bundesländern ist es sinnvoll, zwischen den westlichen und östlichen Bundesländern zu unterscheiden. Eine gegenüber den Flächenländern andere Situation zeigt sich in der Regel in den Stadtstaaten, weshalb auch sie im Folgenden separat ausgewiesen sind.
3.
Anteil von Kindern einer Altersgruppe, für die rechnerisch ein Betreuungsplatz zur Verfügung steht.
4.
Vgl. hier und im Folgenden Konsortium Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld 2006, S. 227ff.
5.
Wie im Bildungsbericht hervorgehoben, liegt dies u.a. daran, dass in den Stadtstaaten häufig Vorschulklassen eingerichtet sind, die Kinder zwischen fünf und sechs Jahren besuchen. Diese werden nicht unter die Tageseinrichtungen gezählt; vgl. ebd., S. 37.
6.
Vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Bericht über die allgemein bildenden Schulen in Ganztagsform in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland - 2002 bis 2006, Bonn 2008.
7.
Offene Ganztagsschulen sind Schulen, in denen die Schülerinnen und Schüler freiwillig entscheiden können, ob sie an den Angeboten teilnehmen. Davon zu unterscheiden sind die so genannten vollgebundenen Schulen. Hier müssen alle Schülerinnen und Schüler verbindlich an den Ganztagsangeboten teilnehmen. Mischformen (z.B. nur ein Klassenzug nimmt verbindlich an den Angeboten teil) werden als teilgebundene Ganztagsschulen bezeichnet. Vgl. Heinz Günter Holtappels/Eckhard Klieme/Falk Radisch/Thomas Rauschenbach/Ludwig Stecher, Forschungsstand zum ganztägigen Lernen und Fragestellungen StEG, in: Heinz Günter Holtappels/Eckhard Klieme/Thomas Rauschenbach/Ludwig Stecher (Hrsg.), Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG), Weinheim-München 2007.