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8.5.2008 | Von:
Katrin Radtke

Die Entgrenzung der Solidarität. Hilfe in einer globalisierten Welt

Eine Untersuchung des Spendenaufkommens für die Not- und Entwicklungshilfe gibt Hinweise auf eine Zunahme von Solidarität mit Menschen in weit entfernten Ländern.

Einleitung

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2004 verwüstete eine riesige Flutwelle die Küstenregionen Thailands, Indonesiens und Sri Lankas. Dem Tsunami fielen tausende Menschen zum Opfer. Ganze Städte und weite Landstriche wurden durch die Wassermassen dem Erdboden gleich gemacht. Die meisten Opfer stammten aus der einheimischen Bevölkerung, doch es starben auch viele Touristen: Die betroffene Region war mit ihren paradiesischen Stränden ein beliebtes Urlaubsziel.






Der Rest der Welt reagierte mit großer Betroffenheit. Die weltweite Anteilnahme an der Not dieser Region fand ihren Ausdruck in einem nie da gewesenen Ausmaß von Spenden. Die Spendenwelle erfasste nahezu die ganze Gesellschaft: Fußballclubs leerten die Mannschaftskasse für den guten Zweck, Schausteller ließen Kinder für eine Spende Karussell fahren und Fernsehsender wetteiferten mit Spendengalas. Bis zu 20 000 Wohlfahrtsorganisationen sammelten allein in Deutschland Gelder für die Katastrophenopfer. Es kam zu einem regelrechten Wettkampf um die höchsten Spendeneinnahmen.

Gleichzeitig erschienen in den Medien erste Deutungsversuche des Spendenverhaltens. Warum konnten Rekordergebnisse verzeichnet werden? Der Tsunami hatte in der Weihnachtszeit stattgefunden, einer Zeit, in der viele Menschen das Geschehen am Fernseher live verfolgen konnten. Außerdem handelte es sich um eine außerordentlich große Katastrophe, die nicht ein Land, sondern gleich zwölf Länder und zwei Kontinente traf. Nicht zu vergessen war natürlich auch die Tatsache, dass vielen der Spender die von der Katastrophe heimgesuchten Länder von früheren Urlauben bekannt waren und zahlreiche Touristen betroffen waren. Die Identifikation der Geber mit den Opfern wurde dadurch möglicherweise erleichtert. War die Spendenwelle anlässlich des Tsunami also eine Ausnahme? Oder konnte sie als Anzeichen für ein wachsendes Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen in weit entfernten Ländern, als Teil eines Trends zu transnationaler Solidarität gedeutet werden?

Von Sozialwissenschaftlern ist die Zukunft der Solidarität seit Ferdinand Tönnies pessimistischer Prognose in "Gemeinschaft und Gesellschaft" immer wieder als Zerfallsprozess thematisiert worden.[1] Insbesondere in der gegenwärtigen Diskussion um die Abnahme staatlicher Steuerungsfähigkeit im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung wird eine "Schwächung solidarischer Verhaltensweisen" beklagt, die sich unter anderem in der Erosion der beiden nationalen Solidaritätspflichten, der Wehrpflicht und der Steuerpflicht[2] ausdrücken. Empirisch lässt sich diese Annahme des kontinuierlichen Rückgangs der Solidarität jedoch durchaus bezweifeln. Johannes Berger etwa vertritt die Auffassung, dass bestimmte Solidaritätszumutungen gegenwärtig tendenziell zunehmen. "Soweit Solidarität nationale Solidarität meint", so Berger, "kann es mit dem immer wieder behaupteten Niedergang des Nationalstaates zur Schwächung solidarischer Verhaltensweisen kommen, aber (...) Solidarität [existiert] in mannigfaltigen Formen; ihre Ausübung ist nicht an den Nationalstaat gebunden (...)".[3] Ähnlich haben auch Claudia Koch-Arzberger und der 2007 verstorbene Karl Otto Hondrich argumentiert, dass sich die Reichweite von Solidaritäten bzw. Solidaritätspotentialen, d.h. die Anzahl der Personen, auf die sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl bezieht, mit der Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung und globaler Folgeprobleme der Industrialisierung, vergrößert habe.[4] Diese Meinung wird auch und insbesondere im Rahmen des so genannten Kosmopolitismus vertreten. Andrew Linklater etwa sieht Anzeichen dafür, dass die emotionale Identifikation zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft sich auch auf der Ebene der Menschheit als Ganzes wieder finden lässt. Seiner Ansicht nach schafft die universelle Verwundbarkeit gegenüber grundlegenden Formen von psychischem oder physischem Leid die Möglichkeit für globale Sympathie oder Empathie. Die Ausweitung der Solidarität auf Fremde, die in weit entfernten Ländern leben, beruht dann auf der Entwicklung von Schuld- und Schamgefühlen, wenn diese versehrt werden oder wenig zu ihrer Hilfe beigetragen wird.[5]

Allerdings gibt es auch Autoren, die der Behauptung einer Zunahme von transnationaler Solidarität kritisch gegenüberstehen. Claus Offe etwa erwartet, "dass sich nach dem Ende des Nationalstaats die supranationalen Interdependenzen erweitern, sich gleichzeitig aber die operativen Solidaritätspotentiale auf immer engere (regionale, sektorale, subnationale, sprachliche, kulturelle, aus ihrer historischen Erfahrung definierte usw.) Schutz- und Verpflichtungsgemeinschaften zusammenziehen".[6] Ähnlich bezeichnet Herfried Münkler die gegenwärtig zu beobachtenden verstärkten Anstrengungen, "in denen die Prozesse der Globalisierung in Wirtschaft und Politik mit dem Imperativ einer Universalisierung von Normen so verknüpft werden, dass dabei schließlich auch eine kosmopolitische Solidarität herauskommt" als "Wunschvorstellung, der in der gesellschaftlichen Realität eine genau entgegengesetzte Entwicklung gegenübersteht".[7]

Die Brisanz dieser Diskussion ergibt sich aus der Zentralität von Solidarität für die Integration von Gesellschaften und damit aus der Frage nach der Entstehung einer normativen politischen Ordnung jenseits des Nationalstaates. Lässt sich im Zuge der "gesellschaftlichen Denationalisierung"[8] ein Prozess feststellen, in dem der bisherige Bezugspunkt für die Abgrenzung der Solidaritätsrechte und -pflichten - die sozial konstruierte Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft, Geschichte, Kultur und von gemeinsamen Zielen und Idealen der Nation bzw. des Nationalstaates[9] - seine Bedeutung verliert und von anderen Konstruktionen ersetzt wird? Kann die Ausweitung und Befolgung von Solidaritätsnormen Schritt halten mit der wahrgenommenen rasanten Ausweitung von Interdependenzen im Zuge der Globalisierung? Mit anderen Worten, lassen sich Hinweise finden, die auf eine Gemeinschaftsbildung jenseits des Nationalstaates hinweisen?

Ziel dieses Artikels ist es, vor dem Hintergrund dieser Fragen die These einer zunehmenden transnationalen Solidarität empirisch am Beispiel des Spendenaufkommens in der Not- und Entwicklungshilfe zu überprüfen. Dafür wird zunächst eine Definition von Solidarität eingeführt und erläutert, warum die Untersuchung des Spendenaufkommens Hinweise auf die Entwicklung von transnationaler Solidarität geben kann. Daran anschließend werden die Spendeneinnahmen von 16 Organisationen analysiert, die in der Not- und Entwicklungshilfe tätig sind. Diese Daten werden mit Umfrageergebnissen zum Spendenverhalten in Deutschland abgeglichen. Die Analyse zeigt dabei zwar einen Trend zu mehr transnationaler Solidarität, jedoch wird auch deutlich, dass dieser Trend von tiefen Brüchen gekennzeichnet ist.

Fußnoten

1.
Dieser Artikel beruht auf den Ergebnissen einer Studie, die die Autorin im Rahmen Ihrer Tätigkeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in der Abteilung "Transnationale Konflikte und Internationale Institutionen" erstellt hat. Auszüge des Artikels sind bereits erschienen in Katrin Radtke, Ein Trend zu transnationaler Solidarität. Die Entwicklung des Spendenaufkommens in der Not- und Entwicklungshilfe, WZB Discussion Paper SP IV 2007 - 303, Berlin 2007.

Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Darmstadt 1988 (zuerst 1887). Zum Verfall der Solidarität vgl. Peter Ungut, Die Agonie des Sozialen, in: Die große Entsolidarisierung, in: Kursbuch, 157 (2004), S. 11 - 31.
2.
Zu den nationalstaatlichen Solidaritätspflichten vgl. u. a Claus Offe, Pflichten versus Kosten. Typen und Kontexte solidarischen Handelns, in: Jens Beckert/ Julia Eckert/Wolfgang Streeck/Martin Kohli (Hrsg.), Transnationale Solidarität. Chancen und Grenzen, Frankfurt/M.-New York 2004, S. 35ff.
3.
Johannes Berger, Expandierende Märkte, schrumpfende Solidarität? Anmerkungen zu einer Debatte, in: J. Beckert/J. Eckert/M. Kohli/W. Streeck, ebd., S. 246 - 261.
4.
Vgl. Karl Otto Hondrich/Claudia Koch-Arzberger, Solidarität in der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1992, S. 22.
5.
Vgl. Andrew Linklater, Distant Suffering and Cosmopolitan Obligations, in: International Politics, 44 (2007), S. 19 - 36.
6.
Claus Offe, Pflichten versus Kosten. Typen und Kontexte solidarischen Handelns, in: J. Beckert u.a. (Anm. 2), S. 49.
7.
Herfried Münkler, Enzyklopädie der Ideen der Zukunft: Solidarität, in: J. Beckert u.a. (Anm. 2) , S. 22.
8.
Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates. Denationalisierung und Globalisierung als Chance, Frankfurt/ M. 1998.
9.
In diesem Sinne ließ sich dann auch, wie etwa von Ernest Renan in einem Vortrag 1882, der Nationalstaat als "Solidargemeinschaft" charakterisieren: "Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und muss in der Gegenwart zu einem greifbaren Faktor zusammenzufassen sein: der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen." Ernest Renan, Was ist eine Nation?, in: Ders., Was ist eine Nation? und andere politische Schriften, Wien-Bozen, S. 57.