APUZ Dossier Bild

8.5.2008 | Von:
Katrin Radtke

Die Entgrenzung der Solidarität. Hilfe in einer globalisierten Welt

Transnationale Solidarität - Annäherung an einen Begriff

Unter den Kategorien des moralischen und politischen Denkens ist der Begriff der Solidarität einer der jüngsten. Zwar reichen seine Wurzeln bis ins römische Recht, wo unter "obligatio solidum" eine Form der Schuldnerhaftung verstanden wurde, bei der jedes Mitglied einer Gemeinschaft für die Begleichung der insgesamt bestehenden Schulden herangezogen werden konnte und die Gemeinschaft für die Schulden jedes einzelnen Mitglieds haftete. Eine Übertragung des Begriffs auf das Gebiet der Politik, Gesellschaft und Moral fand jedoch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts statt. Im nachrevolutionären Frankreich ersetzte der Terminus der Solidarität zunehmend jenen der "Brüderlichkeit" und wurde vor allem im Umfeld der frühen französischen Sozialisten Claude-Henri Saint-Simon und Charles Fourier in den politischen Sprachgebrauch eingeführt.[10] Vor dem Hintergrund der Arbeiterbewegung wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals zu einem politischen Kampfbegriff. Die "Arbeitersolidarität" bezeichnete dabei den Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gruppen - gelernte und ungelernte Arbeiter und Handwerker - in der Arbeiterschaft.[11]

Erst im Rahmen des Solidarismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewann der Terminus der Solidarität den Stellenwert eines politisch-sozialen Grundbegriffs und näherte sich an seine Rezeption des Begriffs in der neu entstehenden Soziologie um Pierre Leroux, Auguste Comte und später Emile Durkheim an. Während Leroux Solidarität als "humanitäre Doktrin" verstand,[12] bezeichnete der Begriff nach Comte und Durkheim den "Zement", der die Gesellschaft zusammenhält oder mit anderen Worten ein gesellschaftsstiftendes Prinzip, das aus dem Gesellschaftsorganismus "mehr als die Summe seiner Teile macht".[13] Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff der Solidarität schließlich u.a. von Max Scheler und Henri Bergson in die Moralphilosophie übernommen und trat in ein weitgehend ungeklärtes Verhältnis zu Begriffen wie "Sympathie", "Menschenliebe", "Wohlwollen", "Gemeinsinn" und "Loyalität".[14]

Was also ist Solidarität? Der kurze Überblick über die Geschichte des Begriffs kristallisiert als gemeinsamen Kern der Verwendungsweisen die Vorstellung einer wechselseitigen Verbundenheit zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von Menschen heraus. Wie lässt sich Solidarität beobachten?

Schon Durkheim hatte festgestellt, dass "die soziale Solidarität (...) als ein durch und durch moralisches Phänomen der unvermittelten, exakten Beobachtung nicht zugänglich (ist), vor allem nicht der Messung. Um es also klassifizieren wie vergleichen zu können, muss man die innere Tatsache, die sich uns entzieht, durch eine äußere Tatsache ersetzen, die sie symbolisiert, und die erste vermittels der zweiten erforscht". Als sichtbares Symbol wählte Durkheim das Recht. Denn "je solidarischer die Mitglieder einer Gesellschaft sind", so Durkheim, "umso mehr unterhalten sie verschiedene Beziehungen entweder nur miteinander oder zur Gruppe als Kollektiv (...) Andererseits ist die Anzahl der Beziehungen notwendigerweise der Zahl der Rechtsregeln, die sie bestimmen, proportional." [15]

Eine andere Möglichkeit der Beobachtung von Solidarität, die auch in diesem Artikel verfolgt werden soll, besteht in der Untersuchung von solidarischem Verhalten. In Anlehnung an Hans Braun wird unter Solidarität hier daher ein "Handeln in Verbundenheit" verstanden.[16] Damit rücken verschiedene Formen der Hilfe und Unterstützung als Indikatoren für Solidarität in den Blick. Mindestens drei unterschiedliche unterstützende Handlungen lassen sich unterscheiden: Unterstützung kann in Form von materiellen Gütern, von Kommunikation oder von Arbeitskraft geleistet werden. Die materielle Unterstützung kann dabei einerseits monetär erfolgen, sie kann jedoch auch in Form von Naturalien ausgeführt werden. Verbale Unterstützung wird sowohl in schriftlicher wie auch in mündlicher Weise geleistet und kann in Form von Petitionen, Reden, Artikeln etc. auftreten. Die Unterstützung durch Arbeitskraft findet in Form von körperlichen oder geistigen Leistungen statt, die direkt zur Behebung der Beeinträchtigung der unterstützten Person oder Gruppe beiträgt.

Transnationale Solidarität lässt sich in Anlehnung an Thomas Risses Definition transnationaler Beziehungen nun definieren als ein grenzüberschreitendes Handeln in Verbundenheit zwischen Gruppen oder Individuen, von denen mindestens ein Mitglied ein nichtstaatlicher Akteur sein muss.[17] Grundsätzlich kann der Referenzrahmen transnationaler Solidarität sowohl durch eine partikularistische Gruppe als auch durch die Gesamtheit der Menschen gebildet werden.

Fußnoten

10.
Vgl. Kurt Bayertz, Begriff und Problem der Solidarität, in: Ders. (Hrsg.), Solidarität. Begriff und Problem, Frankfurt/M. 1998, S. 11.
11.
Vgl. Rainer Zoll, Was ist Solidarität heute?, Frankfurt/M. 2000, S. 67.
12.
Thomas Fiegle, Von der Solidarité zur Solidarität. Ein französisch-deutscher Begriffstransfer, Münster 2003, S. 49f.
13.
Auguste Compte, zit. in: Julius Morel/Eva Bauer/Tamas Meleghy/Heinz-Jürgen Niedenzu/Max Preglau/Helmut Staubmann (Hrsg.), Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter, München-Wien 2001, S. 10.
14.
K. Bayertz (Anm. 10), S. 11.
15.
Emile Durkheim, Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt/M. 1988, S. 111.
16.
Hans Braun, Und Wer ist mein Nächster? Solidarität als Praxis und als Programm, Tübingen 2003, S. 15.
17.
Vgl. Thomas Risse-Kappen, Bringing Transnational Relations Back In, in: Ders. (Ed.), Bringing Transnational Relations Back In. Non-State Actors, Domestic Structures and International Institutions, Cambridge 1995, S. 3