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8.5.2008 | Von:
Katrin Radtke

Die Entgrenzung der Solidarität. Hilfe in einer globalisierten Welt

Spenden in der Not- und Entwicklungshilfe

Es ist bereits deutlich geworden, dass transnationale Solidarität, verstanden als ein transnationales "Handeln in Verbundenheit", in verschiedenen Formen auftritt. Der folgende Abschnitt widmet sich der empirischen Analyse eines bestimmten Ausdrucks der transnationalen Solidarität, der Spende für Menschen in anderen Ländern, die von akuter Not betroffen sind.[18] Umfragen zu den Motiven von Spendern belegen, dass die wichtigsten Beweggründe für die Entscheidung zur Spende sich auf ein Gefühl der Verbundenheit beziehen. So werden als Spendenmotive die Beruhigung des schlechten Gewissens, ein Gefühl der Zugehörigkeit und das Bedürfnis, sich für wichtige Anliegen persönlich zu engagieren genannt. Diese Motive stehen häufig in Zusammenhang mit anderen Motiven, etwa die Verwirklichung der eigenen Werte und Glaubensgrundsätze, die Steigerung des Selbstwertgefühls oder auch materielle Anreize. Nur selten stehen die letztgenannten Motive jedoch im Vordergrund.

Zwei Möglichkeiten für die Messung des ausgewählten Indikators werden in diesem Artikel untersucht: erstens die Spendeneinnahmen von Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Not- und Entwicklungshilfe und zweitens die Gewichtung der Spendenzwecke in Deutschland. Die These der Zunahme der transnationalen Solidarität wird demnach gestützt, wenn die Spendeneinnahmen von Nichtregierungsorganisationen (NRO) im Bereich der Not- und Entwicklungshilfe ansteigen oder wenn der relative Anteil der Spenden für diesen Bereich an allen Spenden wächst.

Im Folgenden werden zunächst die Spendeneinnahmen der NROs analysiert.

Spendeneinnahmen

Wie haben sich die Spendeneinnahmen von NROs im Bereich der Not- und Entwicklungshilfe verändert? Lässt sich ein Anstieg ihres Einkommens beobachten, der einen Trend zu mehr transnationaler Solidarität bestätigen würde? Zur Beantwortung dieser Frage wurden die Spendeneinnahmen von 16 der größten Organisationen, die im Bereich der Not- und Entwicklungshilfe in Deutschland tätig sind, ausgewertet.[19] Die Organisationen wurden mit Hilfe des vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) herausgegebenen Spenden-Almanach ausgewählt. Als Grundlage diente eine Aufstellung der Sammlungsergebnisse der 200 Spendensiegelorganisationen[20] für die Jahre 2002 - 2004. Zusammengenommen machen die Spendeneinnahmen der ausgewerteten Organisationen rund 58 Prozent aller Spendeneinnahmen der in der Entwicklungs- und Nothilfe tätigen Spendensiegelorganisationen aus.[21]

Die Auswertung der Angaben der 16 Organisationen zeigt eine deutliche Zunahme der Spendeneinnahmen (Abbildung 1). Dabei weist die Spendenkurve allerdings große Schwankungen auf. Besonders in den Jahren zwischen 1995 und 1998 ist ein verhältnismäßig niedriges Spendeneinkommen der Organisationen zu verzeichnen. In den Jahren 1992, 1999, 2002 und 2005 sind Spendenhöhepunkte erkennbar. Betrachtet man diese für sich, so ist ebenfalls eine beinahe kontinuierliche Steigerung der Spendenhöhepunkte augenfällig.

Deutlich wurde im Verlauf der Untersuchung, dass sich die Entwicklung der Spendeneinnahmen, je nach Schwerpunktsetzung der Organisation erheblich unterscheiden. Während die Spendeneinnahmen der Organisationen, die sich schwerpunktmäßig auf Entwicklungshilfe und damit längerfristige Ziele konzentrieren in den meisten Fällen eine kontinuierliche Spendenentwicklung aufweisen, sind die Spendeneinnahmen der auf humanitäre Hilfe und Nothilfe[22] spezialisierten Organisationen durch erhebliche Schwankungen gekennzeichnet.

Spendenzwecke

Wird dieses Ergebnis auch durch die Analyse der Zwecke, für die gespendet wird, bestätigt? Haben Spenden für die Entwicklungs- und Nothilfe gegenüber anderen Spendenzwecken in den letzten Jahren zugenommen? Hinweise auf die Beantwortung dieser Fragen liefert eine jährlich durchgeführte Umfrage vom Markt-, Media- und Meinungsforschungsinstitut tns infratest, die im Rahmen des so genannten Deutschen Spendenmonitors veröffentlicht wird.[23]

Den Ergebnissen der Umfrage zufolge lag der Anteil der Not- und Entwicklungshilfe 1996 noch bei etwa 14 Prozent. Im Jahr 2005 wurden schon beinahe 37 Prozent gemessen. Weitere Höhepunkte konnten in den Jahren 1999 (ca. 31 Prozent) und 2002 (ca. 37 Prozent) verzeichnet werden. In allen übrigen Jahren lag der Anteil der Spenden für die Not- und Entwicklungshilfe kontinuierlich über 20 Prozent. In fast allen anderen Spendenkategorien hingegen lässt sich ein deutlicher (relativer) Abwärtstrend erkennen. Ähnlich wie bei den Spendeneinnahmen steigt die Kurve nicht gleichmäßig an, sondern ist durch erhebliche Schwankungen gekennzeichnet (Abbildung 2).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass beide Indikatoren ähnliche Dynamiken aufweisen. So lässt sich zwar insgesamt ein Anstieg der Spenden für die Entwicklungs- und Nothilfe feststellen, sowohl im Hinblick auf den relativen Anteil der Spenden für diesen Zweck gegenüber allen anderen Spendenzwecken als auch im Hinblick auf die Spendeneinnahmen der ausgewählten Organisationen. Allerdings ist diese Entwicklung durch erhebliche Brüche gekennzeichnet. Insbesondere die Spendeneinnahmen jener Organisationen, die auf die Bearbeitung von humanitären Katastrophen durch Nothilfe spezialisiert sind, weisen hohe Schwankungen auf, die eng im Zusammenhang mit bestimmten Katastrophen stehen.

Fußnoten

18.
Als weitere Indikatoren für transnationale Solidarität sind u.a. denkbar ehrenamtliches Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe, der Konsum fair gehandelter Güter oder Solidaritätsäußerungen in den Medien.
19.
Die ausgewählten Organisationen sind: SOS Kinderdörfer, Deutsches Rotes Kreuz e.V., Deutsches Komitee für UNICEF, Brot für die Welt, Bischöfliche Aktion ADVENIAT, Kindernothilfe e.V., missio - Internationales Katholisches Missionswerk, Plan International Deutschland, World Vision Deutschland, Deutsche Welthungerhilfe, Deutsche Lepra- und Tuberkolosehilfe, terre des hommes Deutschland, Diakonie Katastrophenhilfe, Stiftung Menschen für Menschen - Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe, Kirche in Not/Ostpriesterhilfe Deutschland, Christoffel Blindemission.
20.
Das DZI vergibt jährlich das so genannte Spendensiegel an Organisationen, die den Anforderungen der Organisation an Transparenz und Effizienz gerecht werden. Im Spendenalmanach werden seit dem Jahr 2003/4 die Spendeneinnahmen sowie Hintergrundinformationen zu allen Spendensiegelorganisationen veröffentlicht.
21.
Die verwendeten Daten stammen - sofern vorhanden - aus den Jahresberichten der Organisationen. Zum Teil wurden die Zahlen jedoch auch von den Organisationen elektronisch zur Verfügung gestellt. Alle Angaben wurden auf der Basis des Jahres 2000 inflationsbereinigt.
22.
Im Folgenden werden die Begriffe Nothilfe, Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe synonym verwendet.
23.
Für die repräsentative Umfrage werden nach dem Random-Route-Verfahren 4 000 Personen über 14 Jahren ausgewählt, deren Haushalte nach vorgegebenen Begehungsregeln aufgesucht werden. Die Fragen zum Spendenverhalten sind Teil einer Omnibus-Erhebung. Ein eindeutiger Spendenbegriff liegt den Befragungen nicht zugrunde, d.h. von den Befragten können sowohl Geldspenden als auch Sachspenden angegeben werden.