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8.5.2008 | Von:
Katrin Radtke

Die Entgrenzung der Solidarität. Hilfe in einer globalisierten Welt

Diskussion und Fazit

Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse nun für die eingangs gestellte Frage nach den Entwicklungslinien der transnationalen Solidarität? Der Spendentrend, der sich aus den Einnahmen der befragten Organisationen ergibt, scheint die These der Zunahme von transnationaler Solidarität zunächst zu bestätigen. Allerdings lässt sich auf dieser Basis keine Aussage über die spezifische Zunahme von transnationaler Solidarität treffen. Die Daten lassen durchaus die Möglichkeit eines Gesamtanstiegs der Spenden in Deutschland - etwa aufgrund eines höheren Bruttonationaleinkommens - zu. Um diesem Einwand vorzubeugen, wurden einerseits die Daten inflationsbereinigt, andererseits setzt aber auch der zweite Indikator, die relative Gewichtung der einzelnen Spendenzwecke, die Daten in einen Kontext. An den Spendenzwecken wird deutlich, dass transnationale Solidarität auch im Verhältnis zu jener Solidarität steigt, die sich auf Ziele innerhalb eines Nationalstaates richtet.

Dennoch können die erhobenen Daten nur als erster Hinweis auf die Beantwortung der Fragestellung dienen. Der erhobene Spendentrend macht deutlich, dass die transnationale Solidarität in hohem Maße an herausragende Ereignisse gekoppelt ist. Diese Tatsache ist nicht unbedingt verwunderlich, denn folgt man Durkheim, so ist die Solidarität in modernen Gesellschaften in doppelter Hinsicht frei gewählt: Die Individuen können sich sowohl entscheiden, ob sie Solidaritätsbeziehungen eingehen wollen, als auch welche. Insbesondere ist sie aber dadurch gekennzeichnet, dass sie zeitlich begrenzt und punktuell ist und daher weder lebenslang noch die "ganze" Person bindet.[24]

Die Koppelung an bestimmte Ereignisse erschwert allerdings auch Aussagen über Entwicklungslinien der Solidarität. Aufgrund der erheblichen Schwankungen des Spendenaufkommens im Zusammenhang mit einzelnen Katastrophen lässt sich kein statistisch signifikanter Trend errechnen. Als wichtige Anhaltspunkte können dennoch die Spendenhöhepunkte gewertet werden. Die transnationale Solidarität angesichts bestimmter Ereignisse ist offenbar nicht nur von Ereignis zu Ereignis größer, diejenigen Ereignisse, die es tatsächlich in die Öffentliche Aufmerksamkeit schaffen und damit die Solidarität der Spender herausfordern, scheinen auch in immer kürzeren Abständen aufzutreten.

Trotz der Schwierigkeiten, die sich im Hinblick auf die weitere Untersuchung von transnationaler Solidarität auftun dürften, erscheint eine Beschäftigung mit den Entwicklungslinien der transnationalen Solidarität lohnenswert. Bestätigen sich die Ergebnisse dieser Analyse auch in der weiteren Forschung, so sind die Implikationen auch für die internationalen Beziehungen beträchtlich. Denn mit einem wachsenden Gefühl der transnationalen Verbundenheit und Verantwortung verändern sich auch die Bezugspunkte für Politik. Ihre Legitimitäts- und Annerkennungsbedingungen lassen sich nicht mehr notwendigerweise auf nationale Gesellschaften zurückführen. Vielmehr kann sie auch auf neue sozialmoralische Ressourcen vertrauen, die sich im Zuge der transnationalen Vergesellschaftung ergeben.

Fußnoten

24.
K. Bayertz (Anm. 10), S. 31.