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8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Die Beziehungen Frankreichs zu seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien sind immer noch "besondere", was sich auch in einer hohen Emotionalität der Debatten über diese zeigt.

Einleitung

"Das Drama Afrika ist, dass der afrikanische Mensch nicht genug in die Geschichte eingetreten ist. Der afrikanische Bauer, der seit Jahrtausenden mit den Jahreszeiten lebt, dessen Ideal das Leben in Einklang mit der Natur ist, kennt nur die ewige Wiederkehr der Zeiten, deren Rhythmus die pausenlose Wiederholung der immergleichen Zeichen und Worte ist. In dieser Vorstellung, in der ständig alles von neuem beginnt, gibt es keinen Platz für die Ideen des Fortschritts oder das Abenteuer der Menschheit. In diesem Universum (...) streckt sich der Mensch nicht der Zukunft entgegen. Niemals kommt ihm die Idee, sich diesen Wiederholungen zu entziehen, sich ein Schicksal selbst zu wählen."[1]




Mit diesen Bemerkungen über die vermeintliche Unbeweglichkeit Afrikas und die Erklärung von "Unter-Entwicklung" hat Nicolas Sarkozy Furore gemacht. Seine Rede, die er am 26. Juli 2007 an der Cheick-Anta-Diop Universität in Dakar gehalten hat, sorgte für heftige Reaktionen. Sie hat nicht nur zu massiver Kritik durch afrikanische und französische Intellektuelle geführt.[2] Auch aus dem traditionellen Gaullismus gab es kritische Stimmen, die in ebenso typischer Weise die besonderen Bande zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien betonten: Für den ehemaligen Premierminister Dominique de Villepin hatte Sarkozy den besonderen Sensibilitäten der Beziehungen nicht genug Rechnung getragen. De Villepin grenzte sich von Sarkozy ab, der gegenüber der traditionellen französischen Afrikapolitik einen Bruch vollziehen will, und bekannte sich stattdessen zur klassischen gaullistischen Position: "Wir sind ohne Zweifel das Land, dass heute Afrika am besten versteht und dass es am meisten liebt."[3]

An diesen Reaktionen und ihrer Heftigkeit ist vor allem eines auffällig: die hohe emotionale Beteiligung. Ganz offensichtlich - aber das ist keine neue Erkenntnis - zeichnen sich die Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien durch eine besondere Nähe aus. Die Gefühle, die in den Texten und Reden auftauchen, zeigen diese Nähe an.

Fußnoten

1.
Nicolas Sarkozy, Allocution de M. Nicolas Sarkozy, Président de la République, prononcée à l'Université de Dakar, in: http://www.elysee.fr/elysee/root/bank/print/
79184.htm, (13.9. 2007).
2.
Vgl. etwa die Reaktionen von Jean-François Bayart:, Y a pas rupture, patron!, in: Le Quotidien (Dakar) vom 9. 8. 2007, oder des senegalesischen Oppositionspolitikers El Hadj Hamidou Diallo: Nico la gaffe, Sarko l'immigré, in: Wal Fadjiri (Dakar) vom 28. 7. 2007 sowie der senegalesischen Historikerin Ibrahima Thioub, A Monsieur Nicolas Sarkozy, www.ldh- toulon.net/spip.php?article2193, (10.8. 2007).
3.
Maral Amiri, Discours de Sarkozy à Dakar: Bockel défend, De Villepin déplore. L'allucation du Président français est toujours l'objet de polémiques, www.afrik.com/article12411.html, (12.9. 2007).