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8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Wie kann man Moral erklären?

Wo Gefühle eine Rolle spielen, da ist meist auch die Moral nicht weit. Deshalb ist das Feld der Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien besonders geeignet, der Frage nach der Bedeutung von Moral in den internationalen Beziehungen, aber auch nach ihrer theoretischen Einordnung in diesem Feld etwas näher zu kommen. Was lässt sich daran erkennen?

Moral ist immer in zwei Richtungen lesbar: als ehrlicher Altruismus, auf geglaubten höheren Prinzipien beruhend oder aber, im Sinne einer rationalistischen Interpretation, als kalkulierte Strategie. Auch vieles von dem, was wir als "moralisch" in der internationalen Politik beobachten, hat dieses Schillernde. So lässt sich der Marshall-Plan der USA im Nachkriegseuropa sowohl als Hilfe für die kriegszerstörten Länder begreifen, als auch als Export eines Kapitalüberschusses zur Schaffung leistungsfähiger Absatzmärkte. Ähnliches gilt für die Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Zwar handelt es sich dabei den Selbstdarstellungen der Gebenden zufolge um selbstlose Gaben. Doch ihr instrumenteller Charakter, der etwa darin besteht, negativ bewertete Konsequenzen für die Gebenden zu vermeiden, wie zum Beispiel Flüchtlingsströme oder Gewaltkonflikte, ist in einigen Fällen durchaus klar erkennbar. Unter Umständen sind große Teile jedenfalls der staatlichen Hilfe auch eher durch ein Theorem erklärbar, dass auf die Akkumulation von Ehre abstellt.[4] Doch warum spielen moralische Figuren und Gefühle in bestimmten Beziehungen und Feldern eine besondere Rolle und in anderen nicht?

Die Antwort auf diese Frage verweist auf die konstitutive Rolle der historischen Verläufe: Die Quelle von Solidarität und "Gemeinschaft" ist immer geteilte Geschichte. Nur über vorgängige Interaktionen kommen Pflichten und moralische Einstellungen zustande. Sie lassen sich weder als instrumentelle "Erfindungen" begreifen, noch sind sie der empirischen Analyse unzugängliche Sentimentalitäten. Das, was wir Moral nennen, ist vielmehr Teil der "legitimen Ordnung", des historisch geronnenen Kanons aus Sitten, Konventionen und Recht.[5]

Die Moral hat also "historische Gründe". Doch wie genau soll man sich diese Kausalitäten vorstellen? Wie lassen sie sich darstellen oder gar überprüfen? Die Antwort auf diese Frage stellt auf Kategorien von Reinhart Koselleck[6] ab: Die Geschichte, die sozial und politisch begründend wirkt, besteht aus Erfahrungsräumen, die über - oft staatliche - Erzählungen von Geschichte zu kollektiven Vorstellungen werden. Über diese Erzählungen formen sich auch die moralischen Ordnungen aus. Im kollektiven und im individuellen Habitus werden sie dann zu den Maßstäben der Bewertung des Wahrgenommenen. Die Geschichte ist also nicht bloß ein "Faktor" oder eine "Variable", sondern der Zusammenhang, der Sinnhorizonte erst aufspannt, der Prozess, der die diskursive Verknüpfung überhaupt erst ermöglicht, der Gesellschaft und ihre legitime Ordnung konstituiert.

Fußnoten

4.
Vgl. Katrin Radtke/Klaus Schlichte, Bewaffnete Gruppen und die moralische Ökonomie der Diaspora, in: Jens Beckert et al. (Hrsg,), Transnationale Solidarität. Chancen und Grenzen, Frankfurt/M. 2004, S. 181 - 194.
5.
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 19855, S. 32.
6.
Vgl. Reinhardt Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik historischer Zeiten, Frankfurt/M. 1979.