APUZ Dossier Bild

8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Einige Facetten der "Relations Priviligiées"

Durch die Länge und Intensität der Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien[7] haben sich in diesem Feld zahlreiche Merkmale ausgeprägt, die sich in dieser Konstellation sicher nur in wenigen anderen Fällen ergeben haben. Die Beziehungen sind zum einen stark institutionalisiert. Frankreich hat seine Kolonien in verschiedenen multilateralen und bilateralen Bindungen gehalten, die für beide Seiten nutzbringend waren.

Lange Zeit hatte es den Anschein, als wären diese Beziehungen für Frankreich vorteilhaft: Mehrere zehntausend Franzosen lebten in den ehemaligen französischen und belgischen Kolonien. In diesen Staaten überwogen auch lange Zeit französische Unternehmen in nahezu allen modernen Sektoren der Wirtschaft. In vielen Märkten - im Hotelgewerbe, im Bankensektor, im Baugewerbe, im Export von Rohstoffen etwa - kontrollierten wenige französische Unternehmen ganze Regionen. Beispielhaft ist hierfür etwa die Hotelgruppe Novitel-Sofitel, die Unternehmensgruppe Bouygues im Baugewerbe, sowie die Holding Bolloré im Transportwesen, die teils über Lieferbindungen der französischen Entwicklungshilfe auf geschützten Märkten expandierten. Diese geschäftlichen Beziehungen sind bis heute einbettet in ein ausdifferenziertes System zwischenstaatlicher Institutionen. So stützt die französische Regierung, und nunmehr die Europäische Union, seit der Unabhängigkeit der französischen Kolonien Westafrikas deren Währung - zunächst über die Kopplung des "Franc-CFA" an den französischen Franc und nun an den Euro.

Enge Beziehungen ergaben sich aber in den ersten Dekaden des postkolonialen Verhältnisses nicht nur durch die Präsenz französischer Unternehmen. Auch in anderen sozialen Bereichen blieben die Beziehungen eng oder vertieften sich sogar noch. Durchschnittlich 10 000 "coopérants", also Entwicklungshelfer in Schulen, Krankenhäusern, in Infrastrukturprojekten, aber auch im Militär wurden bis zu Beginn der 1990er Jahre vom französischen Staat finanziert. Über ungezählte Städtepartnerschaften, Sprach- und Kulturinstitute, wissenschaftliche und kirchliche Kooperationen sind die Beziehungen zwischen Frankreich und dem frankophonen Afrika bis heute weitaus intensiver als etwa die Beziehungen zwischen Frankreich und vielen europäischen Ländern.

Am sichtbarsten wurden über die Jahrzehnte jedoch die direkten politischen Bindungen. Die Stabilisierung afrikanischer Regierungen durch Interventionen Frankreichs seit dem Ende der Kolonialzeit ist sprichwörtlich. Die Rede ist von der "chasse gardée", der geschützten Jagd, dem "pré carré", der quadratischen Weide, dem "champ privilegié", dem bevorzugten Feld. Über ein dutzend Mal hat das französische Militär offen interveniert, wenn mit ihm verbündete Regime bedroht waren, und die Regierungen waren über teils geheime, teils öffentliche Militärbündnisse mit Frankreich als Schutzmacht verbunden. Bis zum heutigen Tage unterhält Frankreich mehrere Militärbasen in Afrika, in denen zeitweilig bis zu 10 000 Soldaten stationiert waren.

Doch vergleicht man den Umfang des französischen Außenhandels mit den frankophonen Staaten Afrikas und die dortigen französischen Direktinvestitionen mit den wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Regionen, so findet sich kein rationales Argument für die hohen Summen, welche die Regierungen der Fünften Republik südlich der Sahara in entwicklungspolitische Projekte und sicherheitspolitische Maßnahmen investiert haben. Andere Regionen, etwa der Mittlere Osten und Lateinamerika, sind für die französische Ökonomie weitaus bedeutender. Die Erklärung für die lange Kontinuität der "privilegierten Beziehungen" wird deshalb von Beobachtern immer in "historischen Bindungen" gesehen.

Das Feld der französisch-afrikanischen Beziehungen ist zudem reich an Skandalen, die bis in die höchsten Staatsämter reichen. Die von der Zeitschrift "Le canard enchainé" aufgedeckte "Diamantenaffäre", die in dem dann eingestandenen Vorwurf mündete, Präsident Valery Giscard d'Estaing habe sich Diamanten im Wert von 14 Millionen US-Dollar vom damaligen selbstgekrönten Kaiser des Zentralafrikanischen Kaiserreichs, Jean Bedel Bokassa, schenken lassen, hatte 1981 schließlich die Wahlniederlage gegen Francois Mitterand zur Folge.

Einige Besonderheiten der französischen politischen Klasse machten sich auch in der Afrikapolitik bemerkbar. So ist etwa die Rolle des ehemals in Staatseigentum befindlichen Ölkonzerns Elf-Aquitaine legendär, der in direkter, häufig krimineller Weise auf die politischen Machtverhältnisse in afrikanischen Staaten Einfluss genommen hat. Bekannt wurden in der Vergangenheit auch verdeckte Finanzierungen französischer Parteien und Wahlkampagnen aus den schwarzen Kassen afrikanischer Präsidenten.[8]

Diese in hohem Maße von Informalität gekennzeichneten Merkmale der Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien sind deshalb nicht bloß als "Korrumpierung" moderner staatlicher Politik durch die neopatrimonialen Strukturen afrikanischer Staaten zu verstehen, sondern eher als eine Fusion der informellen Praktiken und Politiken beider Seiten. Jean-François Bayart[9] hat dieses Feld als "postkoloniale Hegemonie" bezeichnet, um mit dieser, an Antonio Gramscis Ideen angelehnten These die Transnationalität dieses politischen Verhältnisses zu betonen.

Fußnoten

7.
Über das Feld der französisch-afrikanischen Beziehungen liegen eine Reihe von guten Monographien vor, allerdings keine über die jüngste Geschichte. Vgl. Toni Chafer, End of Empire in French West Africa, London 2002; Stefan Brüne, Die französische Afrikapolitik. Hegemonialinteressen und Entwicklungsanspruch, Baden-Baden 1995.
8.
Vgl. hierzu die Berichte der NGO "Agir-Survie", Dossiers Noirs de la politique africaine de la France n° 1 - 5, Paris 1996; Steven Smith/Antoine Glaser, Ces Messieurs Afrique: le Paris-village du continent noir, Paris 1992.
9.
Jean-François Bayart, Les chemins de traversse de l'hégémonie coloniale en Afrique de l'Ouest francophone: anciens esclaves, anciens combattants, nouveaux Musulmans, in: Politique africaine, (2007) 105, S. 201 - 240.