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8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Der koloniale Erfahrungsraum

In der Literatur, die sich mit dem Feld Françafrique auseinandersetzt, gilt der Verweis auf "historische Gründe" als Standardantwort auf die Frage nach den Gründen für diese über die Jahrzehnte höchst kostenträchtige und skandalreiche Politik. Doch wie Geschichte in Handlungen und öffentlich so skandalträchtige Politik münden kann, bleibt damit unbeantwortet. Die Besonderheit dieser Beziehungen lässt sich nur durch die Fortdauer eines postkolonialen Habitus der politischen Klasse Frankreichs erklären, der die klientelistische Inbesitznahme einer anarchischen Institutionenlandschaft ermöglicht hat.[10]

Die Erregung über die Rede Sarkozys, aber auch die deutlich wahrnehmbare emotionale Dimension dieser Beziehungen bilden jedoch einen Aspekt, der hinsichtlich der Frage nach der Bedeutung der Moral in der internationalen Politik aufschlussreich ist. Was sich in der Rede Sarkozys nämlich erhalten hat, ist der Bezug auf die Norm der Freundschaft, der all die Jahrzehnte zuvor auch schon die Reden französischer Präsidenten durchzog. Diese Semantik ist sicher teils rhetorisch. In der Vergangenheit hatte sie aber zu einem großen Teil ihre reale Entsprechung, wie sich in der oben zitierten Stellungnahme De Villepins ausdrückt.

Die moralische Dimension, die sich in dieser Emotionalität zeigt und sich in Pflichten und Rechten auch institutionell ausformt, weist tatsächlich auf eine lange Geschichte der Interaktion hin. Die bis in das 18. Jahrhundert zurückreichende politische Inkorporation von Afrikanern in das politische Gemeinwesen Frankreichs, besonders aber die Phase der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit, ist die eigentliche Wurzel dieses Gemeinschaftsbewusstseins. Die Hochphase des Kolonialismus zwischen 1850, dem Beginn der französischen Expansion ins Innere des Kontinents, bis zur offiziellen Dekolonisation 1958, ist der eigentliche Erfahrungsraum, auf den sich die aktuellen Interpretationen beziehen. An Ausschnitten wird die Umstrittenheit dieser Erfahrungsräume deutlich.

Die moralisch stark kodierten Beziehungen, die sich durch die Beteiligung von Afrikanern am französischen Militär ergeben haben, sind ein Beispiel dafür. Solche Inkorporationen reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. In Frankreich wie in Großbritannien haben jeweils Hunderttausende aus den Kolonien in den Kriegen der Kolonialmächte mitgekämpft, von der kolonialen Unterwerfungskriegen im 19. Jahrhundert über die beiden Weltkriege bis in die Phase der Dekolonisationskriege in den 1950er und 1960er Jahren. In "Françafrique", diesem transnationalen Feld, ist der Umgang mit solchen Soldaten, den "Tirailleurs sénégalais", und vor allem die Frage ihrer Pensionen zu einem Dauerthema geworden, an dem sich die Dynamiken der moralischen Bewertung, des Wechselspiels von Solidarität und Entsolidarisierung erkennen lässt. In dieser Moralproduktion spielt der Krieg offenbar immer eine grundlegende Rolle.

Bereits im Jahr 1857 hatte das koloniale Frankreich begonnen, afrikanische Regimenter aufzustellen, die dann für die koloniale Unterwerfung der weiter im Innern des Kontinents gelegenen Teile benutzt wurden. Die Tiralleurs wurden zu einer festen Größe französischer Militärmacht, also eines zentralen Teils des französischen Staates und seiner Geschichte. Im Ersten Weltkrieg allein kämpften ca. 180 000 Tirailleurs auf der Seite Frankreichs, 30 000 verloren dort ihr Leben. Seitdem waren sie in allen Kriegen Frankreichs im Einsatz, in Westafrika, in Marokko, im Libanon und in Anatolien, aber auch in Indochina und Algerien. Sie waren sogar an der Niederschlagung von Unruhen in Frankreich beteiligt, so in Marseille 1938 und in Nizza 1947/48.

Nach ihrer Demobilisierung jedoch blieb die Ungleichbehandlung der Tirailleurs gegenüber französischen Soldaten zunächst bestehen. Über die Kultur militärischer Kameraderie und die Zusammenarbeit der französischen und afrikanischen Veteranenverbände entstand erst der Druck, der die französische Regierung 1950 zur Gleichstellung veranlasste. Diese Entscheidung war wiederum Teil einer größeren Frage. Denn in der Kolonialverwaltung wuchs die Furcht, aus dem Milieu der afrikanischen Veteranen könnten "nationalistische", sprich: antikolonialistische Tendenzen erwachsen. Die rechtliche Gleichstellung und schließlich die Gewährung einer lebenslangen Pension waren deshalb nicht bloß durch ein Gefühl der Verpflichtung erklärbar, sondern konnten ebenso als Taktik in der Reorganisation des Empire und der Wahrung von Herrschaftskontinuitäten interpretiert werden.

Dieser Ausschnitt der französisch-afrikanischen Beziehungen, so könnte man denken, verliert mit dem Ableben der letzten Veteranen an Bedeutung, auch wenn ihre Angehörigen ihrer gedenken mögen und die Historiographie diesen Teil der Geschichte dokumentiert hat.[11] Tatsächlich aber wird der Bezug auf diese Trägergruppe in unterschiedlichen Diskursen häufig hergestellt, sowohl in politischen Reden von Staatsvertretern als auch in den politischen Liedern der afrikanischen populären Musik. Wann immer das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien in der französischsprachigen Öffentlichkeit diskutiert wird, taucht die Frage der "Blutschuld" wieder auf.

Das Schicksal der "Tirailleurs" zeigt, dass sich die Bindungen, die sich zwischen Kolonialmacht und Kolonisierten ergeben, langsam verschränken, und dies zu einem Grad, dass die Unterscheidung zwischen Staatsgrenzen für den sozialen Zusammenhalt, für die Dichte der Interaktion letztlich unerheblich wird. Der historische Erfahrungsraum, der diesen Politiken vorhergeht, macht dies erst möglich.

Fußnoten

10.
Vgl. Klaus Schlichte, La Françafrique. Postkolonialer Habitus und Klientelismus in der französischen Afrikapolitik, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 5 (1998) 2, S. 309 - 342.
11.
Vgl. Gregory Mann, Native Sons. West African Veterans and France in the Twentieth Century, Durham 2006.