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8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Ökonomischer Wandel - sicherheitspolitische Kontinuität

Die Geschichte des Kolonialismus ist also nicht nur die einer einseitigen Dominanz, sondern auch die der Aneignung, der Interpretation durch alle Akteure. Aus diesem Grund bleiben die Interpretationen umstritten. Die Auseinandersetzung über den Kolonialismus ist bis heute nicht abgeschlossen, weil es unterschiedliche Erzählungen gibt. Die schockierende Wirkung, die Nicolas Sarkozys Rede vom Juli 2007 hatte, ist aber auch an jüngere Entwicklungen gebunden. Denn Frankreichs Engagement auf dem afrikanischen Kontinent hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren erheblich gewandelt. So ergibt sich die Konfliktivität der Frage nach der Bewertung des französischen Kolonialismus auch aus den Veränderungen im Feld "Françafrique".

Ökonomisch jedenfalls hat die Bedeutung der afrikanischen Staaten in den vergangenen zwanzig Jahren für Frankreich weiter abgenommen. Gemessen an der Summe der Direktinvestitionen ist Frankreich mit 4,9 Milliarden Euro hinter Großbritannien, die Vereinigten Staaten und die Niederlande auf den vierten Platz zurückgefallen. Im Außenhandel Afrikas steht das Land mit 50 Milliarden US-Dollar zwar immer noch auf dem zweiten Platz hinter den USA (70 Milliarden US-Dollar). Der Anteil der Franc-Zone am französischen Außenhandel beträgt aber nur noch ein Prozent. Seit 1970 ist der Anteil Gesamtafrikas, einschließlich des Maghreb, an den französischen Exporten von 8,7 Prozent auf 5,6 Prozent in 2006 gesunken. Aus diesen Beziehungen hat Frankreich in 2004 einen Außenhandelsüberschuss von 3,2 Milliarden Euro erzielt, von dem 1,8 Milliarden Euro auf das subsaharische Afrika entfielen.[12]

Zugleich hat sich in diesen Beziehungen das Gewicht der Branchen verschoben. Waren in früheren Jahrzehnten vor allem jene Branchen am bedeutsamsten, die über Lieferbindungen von Entwicklungshilfe am meisten profitierten, wie das Bauwesen (Bouygues, Dumez) und die Wasser- und Stromversorgung (Bouygues, Electricité de France, Lyonnaise des Eaux, Vivendi), so stehen jetzt Energie-Unternehmen, vor allem die Ölbranche, im Vordergrund: Die Total-Gruppe ist in Nigeria und Angola engagiert, aus beiden Ländern stammen 20 Prozent der französischen Ölimporte. "Total" ist mit seiner Präsenz in vierzig afrikanischen Ländern auf dem Kontinent Marktführer und unterhält dort sieben Raffinerien. Aus der Sicht der Länder der Franc-Zone sind zudem die französischen Banken "Banque nationale de Paris", "Société générale" und "Crédit Lyonnais" von zentraler Bedeutung, die zusammen über 70 Prozent Marktanteil im frankophonen Afrika haben.[13]

Während die wirtschaftlichen Beziehungen trotz des Wandels in ihrer Bedeutung nachgelassen haben, ist die Präsenz Frankreichs in Afrika im Bereich der Sicherheitspolitik unverändert hoch. Keines der bestehenden Abkommen über militärischen Schutz wurde aufgekündigt, und Frankreich hat sich als "Schutzmacht" im innerstaatlichen Krieg in der Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) stark engagiert, aber dadurch in Afrika viel Kritik auf sich gezogen. Weitere Interventionen von französischer Seite hat es im Tschad seit April 2006 und in der Zentralafrikanischen Republik im November 2006 gegeben. Nach wie vor sind 1 200 Truppen im Tschad stationiert und stützen dort das Regime von Idriss Déby.[14] Über 300 französische Soldaten sind in der Zentralafrikanischen Republik mit der Restrukturierung der dortigen Streitkräfte befasst. Dort unterstützt Frankreich die Regierung des Generals Bozizé, der sich 2003 an die Macht putschte.

Diese Entkopplung von ökonomischer und militärischer Bedeutung ist auch für das Niveau französischer Entwicklungshilfe nicht ohne Konsequenzen geblieben. Die Entwicklungszusammenarbeit Frankreichs mit den ehemaligen Kolonien hat sich massiv verändert. Von den ehemals gut 10 000 Entwicklungshelfern, die Frankreich jährlich bezahlte, sind nur knapp 1 000 übrig geblieben.[15]

Fußnoten

12.
Vgl. Philippe Hugon, La politique économique de la France en Afrique. La fin des rentes coloniales?, in: Politique africaine, (2007) 105, 54 - 69.
13.
Vgl. ebd., S. 66.
14.
Vgl. Roland Marchal, Chad/Darfur: How two crises merge, in: Review of African Political Economy, (2006) 109, S. 467 - 482.
15.
Vgl. Julien Meimon, Que reste-t-il de la coopération français?, in: Politique africaine, (2007) 105, S. 27 - 53.