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8.5.2008 | Von:
Klaus Schlichte

Ein schillerndes Verhältnis - Moral in der französischen Afrikapolitik

Wie "besonders" ist das alles?

Diskurse und reale Austauschprozesse entsprechen sich nicht immer. Während sich ökonomische Beziehungen mittelfristig stark verschieben können, und auch das finanzielle Engagement der ehemaligen Kolonialmacht stark nachgelassen hat, ist die Intensität der politischen Debatte über die Bedeutung der gemeinsamen Geschichte und ihrer Interpretation offenbar so heftig wie nie zuvor. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen stehen Fragen von Schuld, Ehre und Verpflichtung, wie sie im Gefolge von Kriegen und gewaltsamen Eroberungen regelmäßig auftreten. Sie haben durch die Wendung der globalen Diskurse auf den Kanon der Menschenrechte nun aber überall noch einmal enormen Auftrieb erhalten.

Die Erklärung moralischer Phänomene in den internationalen Beziehungen kann sich nur aus der Rekonstruktion geschichtlicher Verläufe und ihrer gesellschaftlichen Verarbeitung zu dominanten, immer aber umstrittenen Erzählungen ergeben. Überall auf der Welt sind diese Erzählungen mit den Selbsterzählungen von Staaten eng verwoben. Darin zeigt sich ihre fundamentale Rolle für die Aufrechterhaltung von legitimen Ordnungen, die zugleich begründend für die Formen politischer Herrschaft sind.

Die Erzählung des französischen Staates hat sich seit der Revolution immer durch einen Distanzierungsversuch von anderen Staaten ausgezeichnet. Der Bezug auf die Menschenrechte war darin das zentrale Merkmal der herausgestellten historischen Rolle Frankreichs, das als Kollektivsingular auftritt und sich mit anderen als Staaten verdinglichten Kollektiven misst. Dieser humanistische Diskurs stieß sich jedoch immer an der realhistorischen Erfahrung des Kolonialismus, am Faktum der kolonialen Unterwerfung und Gewaltherrschaft im Namen einer überlegenen Zivilisation.

Mit dem Ende des Kolonialismus ist jedoch die Verführungskraft der Idee der "mission civilisatrice" nicht vorüber.[16] Wie sich im eingangs zitierten Ausschnitt aus der Rede Nicolas Sarkozys erkennen lässt, ist die Vorstellung einer modernen Welt, der sich die zurückgebliebenen Afrikaner anzuschließen hätten, nicht ausgestorben, sondern sehr lebendig. Sie findet auch in Deutschland ihre Analogien in den laufenden Diskursen über "Staatszerfall" und "neue Kriege". Dieser Diskurs setzt sich um in Interventionen, um eine neue Ordnung einzuführen, von deren moralischer Überlegenheit man bei allen Schwierigkeiten der Implementierung gleichwohl überzeugt ist.

Fußnoten

16.
Nicolas Bancel/Pascal Blanchard/Françoise Vergès, La République coloniale. Essai sur une utopie, Paris 2003.