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5.5.2008 | Von:
Hartmut Zwahr

Tagebuch 1968

Die Ketzer schweigen

Das Neue Deutschland gab erstmals am 10. März eine nichtssagende Meldung. HendrÝch, der Chefideologe, musste gehen. Das ND schweigt. Heute erscheint ein Bericht, der den Eindruck zu erwecken sucht, als bewege sich das Parteileben in den alten Gleisen fort. Goldstückers Rede, dass zum Sozialismus die Demokratie gehöre, muss eindrucksvoll gewesen sein. Inzwischen sind die Partei- und Gewerkschaftszeitungen Forum der ins offizielle politische Leben drängenden Intelligenz, auch der Masse des Volkes. Hochinteressante Diskussionen, sachliche, ungeschminkte Beiträge, unbequeme Anfragen, ungeduldige, die Empörung verratende Stellungnahmen über die Notwendigkeit, den ganzen Sumpf auszuräumen. (...)

Die Schubkraft der nationalen Tradition und der nationalen Würde, über die Tschechen und Slowaken verfügen, wirkt bei uns nicht. Der Krieg hat Ideale zu Staub zerbrannt. (...) Veränderungen kommen wohl nur von außen. Wir gehen seit Jahren in eine immer größere Isolierung. (...) Die Anthologie des Slawischen Instituts zum 50. Jahrestag, zum Roten Oktober, zog eine Serie Parteiverfahren nach sich und warum? Weil der späte Ehrenburg, Solschenizyn und die anderen für uns nicht existieren dürfen. Die Partei denkt für uns. Der eigene Kopf soll sich nur mit der Ausführung dessen beschäftigen, was "vorgegeben" ist. Über Beschlüsse wird nicht diskutiert, höchstens über Empfehlungen. Ist das ein Beschluss? So fragen die Vorsichtigen, bevor sie diskutieren. Es geht immer wieder um das Festhalten von Verhaltensweisen, die den deformierten Menschen in unserem entwickelten gesellschaftlichen System zeigen. Hierin erblicke ich eine Aufgabe als Historiker.

14. März: Gestern haben die Studenten auf einer Versammlung in Prag den Rücktritt von Staatspräsident NovotnÝ gefordert. Er soll hauptverantwortlich für die Säuberungen während der Stalinzeit sein. Heute Vietnamdemonstration angesagt, anschließend Zug zur Prager Burg.

Die Pravda, das Organ der slowakischen kommunistischen Partei (KSS), bringt in Nr. 67A vom Freitag, dem 8. März 1968, einen ganzseitigen Beitrag Cisté ruky [Saubere Hände], Material aus den Bauernprozessen der 50er Jahre. Dazu gibt es Parallelen aus dem "sozialistischen Frühling" [der DDR]. Die Anklage, die Breite des Materials, die Vielzahl der Fälle sind erschütternd.

20. März: Kurze Information über die Vorgänge in der CSSR; Polen: vom Gegner ausgelöste Krawalle. Ziel: Trennung der Intelligenz, insbesondere der Jugend von der Partei. Die Partei beherrscht die Lage. Zur Lage in der CSSR wird gesagt: Rechte Elemente in der Parteiführung bekämpfen dort die Partei überhaupt. (...) Die Wahl Dubceks wurde bestimmt durch rechte Kräfte in der Partei. Dubcek hat sich als Internationalist bewährt. Gebietskonferenzen werden auf Anraten Walter Ulbrichts durchgeführt. Polen/CSSR: gleiche Losungen, gleiche Stoßrichtung: Durchsetzung der bürgerlichen Ideologie. Damit verbunden im Westen die Hetze gegen die SED. "Mit NovotnÝ ist der vorletzte Mann der alten Garde gefallen." Auch bei uns Versuch, Erlaubnis für Straßendemonstrationen für Vietnam zu erhalten. Notwendig, offensiv zu diskutieren, aber Diskussion nicht in Partei und Studenten hineintragen, sondern Lehren ziehen und weiter nach vorn drängen. Umgehende Meldung von Diskussionen an Parteileitung. Dienstweg muss nicht eingehalten werden. Schnellsten Weg wählen. Man muss mit Aktivitäten rechnen. Wandzeitung mit Verfassungsdiskussion wurde beschmiert. Extremisten in CSSR wollen vor 1948 zurück.

23. März: Ich habe wiederholt gesagt, schon vor Jahren, dass wir in eine zunehmende Isolierung hineingehen, und daran dürfen wir unsere Hoffnungen knüpfen. Dieser Vorgang beschleunigt sich gegenwärtig. Gestern trat NovotnÝ zurück. Heute sagte das Reisebüro sämtliche Dreitagereisen nach Prag ab. Der herrschende Parteiflügel um Walter Ulbricht, E. Honecker, H. Axen, hierzu gehörte auch der verstorbene G. Eisler, Norden und Hager sichert sich ab. Diese Politik ist für die DDR selbstmörderisch. Sie vertieft die Widersprüche zwischen der proklamierten sozialistischen Menschengemeinschaft in der besten aller Welten und der täglichen Praxis, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in die siebzehn Millionen mit tausenden Fäden verknüpft sind. (...) Die Berichterstattung im ND über die Ereignisse in der CSSR zeigt, wie angespannt die Lage ist. Karl sagte: "Wenn sie nichts schreiben, ist die Lage immer gespannt." Ich sage: Das ist schon der nackte Kampf um die Aufrechterhaltung der persönlichen Macht.

27. März: [Parteiversammlung] Dank der Kreisleitung an die GrundOrganisation Geschichte (...). S. verweist auf erhöhte Diversionstätigkeit des Gegners. Kommentare mit dem Ziel, konterrevolutionäre Aktionen auszulösen, Ereignisse in Polen und CSSR auf uns zu übertragen. Gegner konzentriert den Kampf nicht auf die Partei, sondern auf führende Genossen, insbesondere Walter Ulbricht. Ein Teil der Genossen wird als Stalinisten und Dogmatiker bezeichnet. Früher: Partei/Parteilose. Jetzt: Die Beseitigung sozialistischer Positionen nicht gegen die SED, sondern mit ihr durchsetzen. Entscheidende Trennungslinie verläuft innerhalb der Partei.

Scharf geschnittenes Gesicht. Scharf artikulierend, stilistisch klar, Blick... Sagt: Das so genannte Beispiel CSSR ... Große Augen, braun, gelbe Höfe. Schlägt vor, zu bekunden, dass wir einmütig hinter dem ZentralKomitee stehen (Beifall), unmissverständlich erklären, wer Walter Ulbricht angreift, greift die Partei an! Schreit: Die Partei ist Walter Ulbricht, Walter Ulbricht ist die Partei! Verzerrtes Gesicht. Hat das Wort "entscheidend" herausgeschleudert.

30. März: VT [Veteranentreffen] im "Goldenen Löwen". Philipp: In der CSSR ist der Klassengegner eingebrochen. Die Partei habe sich seit langem dem Westen geöffnet und sich aufweichen lassen. Tatsachen und Einzelheiten interessieren mich überhaupt nicht. Er trägt als einziger ... [das Abzeichen]. Max kündigt seinen Eintritt [in die SED] an. Pflichtet ihm bei. Bezieht Informationen aus der Humanité. Helmut: Ich habe dazu nichts zu sagen. Mein Standpunkt ist der des ND. Als Parteiloser ist das für mich die Parteiorientierung. Bei Maxens Eintritt will er den Vorsitz abgeben. Philipp: Entscheidende Änderung im Kräfteverhältnis! Helmut: Selbstverständlich, ich weiche dem Führungsanspruch der Partei... Philipp zu Klaus: Du bist CDU, da musst du die Schnauze halten. Sagt es grinsend und mit Handbewegungen. Klaus: Ich bin weder noch... Philipp: Du verstehst mich doch...

Klaus redet vom Generationsproblem. Sei dafür im Pädagogischen Rat voriges Jahr oder vor zwei Jahren, bei den Gammlerunruhen, schwer kritisiert worden. Heute: In den Klassen: Hippies! Hipppies!!! Helmut: Die steigende Zahl von kriminellen Delikten in Berufsschulen, die steigende Zahl von Bestrafungen wegen unvorsichtiger, unbedachter politischer Äußerungen. Klaus: Das Generationsproblem. Jetzt ist es bei uns. In zwanzig Jahren kriegst du Recht. Da wirst du rehabilitiert.

Unterschwellig bekannt: Geheime Wahlen in CSSR. Ist verschiedentlich durchgedrungen. Als die Frage sehr heftig diskutiert wird, ob einmal Jürgen eingeladen werden soll, da Philipp, als Antragsteller, mit ihm Verbindung hat... Max ergänzt: Müller auch... Ich: Gotlinde... Helmut: Ich hatte mit ihnen keine Verbindung während des Studiums, ich will sie auch heute nicht sehen. Für und wider. Gegenvariante. Drei Einwände. Wortmeldungen? Jeder sagt reihum seine Meinung. Plötzlich: Geheime Abstimmung! Max sagt: Quatsch, seid wohl blöde, hat doch jeder seine Meinung gesagt. Außer Helmut, der strikt ablehnt, sind alle Varianten vertreten. Ich bereite Zettel vor. Klaus fängt an zu lachen. Streit über den Modus. Philipp: Wer fängt an? Helmut: Ich. Philipp: Quatsch! Und einen Bleistift, dasselbe Zeichen, viermal falten. Es geht hin und her, um jede Enthüllung zu vermeiden. Ich: Ihr wisst wohl nicht mehr, was Demokratie ist? Helmut: Du musst doch wissen, was innerparteiliche Demokratie ist, du bist doch drin. Nochmals wird das Verfahren erläutert. Helmut schreibt auf die Zettel: M für Müller, J für Jürgen, G für Gotlinde, X für den, der zugezogen wird. Klaus: Ich lach mich tot, da kommt ganz was andres raus. Nur ich höre ihm zu und zwinkere. Philipp: Ausgucken! Jeder guckt auf die Tischplatte und blickt auf das Kommando "ausgucken!" einen an. Wo sich die meisten Blicke hinrichten, der beginnt.

Gut. Philipp beginnt. Rundum. Jeder schreibt unterm Tisch. Die Auszählung. Helmut schüttelt erst noch im Untersatz vom Ragou fin. Ergebnis: Erster Zettel (alle drei angekreuzt), zweiter Zettel (nichts angekreuzt), dritter Zettel (nichts), vierter Zettel (nichts), fünfter Zettel (nichts). Lachen, Prusten. Philipp: Ich werd verrückt. Ich hatte nichts angekreuzt, er offenbar alle drei. Helmut: Das Ergebnis dürfte klar sein: Wir bleiben unter uns. Erst mal an Demokratie gesättigt, sagt Klaus, der die Brille putzt, die vor Lachen angelaufen ist. Philipp: Da muss ich erst mal schiffen gehn. (...)

Witzfeuerwerk. Am Ende, nach einem anderen Gespräch, werden von mir mühsam die besten Witze zusammengesucht, die aufgeblitzt waren. Mao fragt Kossygin, um welche Zeit die Feierlichkeiten zum Roten Oktober auf dem Roten Platz beginnen. - Sonntag, Punkt 10 Uhr. - Und wenn wir euch da überfallen? - Da fangen wir eine halbe Stunde später an.

9. April: Hier erzählte man, dass Knobloch (Staatliche Beteiligung), Bleistiftfabrik in Wolmsdorf [Oberlausitz], in Handschellen abgeführt worden ist. Er soll geäußert haben: "Warum machen wir das nicht wie in der CSSR? Da würde der Spitzbart sehen, wo er bleibt."


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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