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5.5.2008 | Von:
Hartmut Zwahr

Tagebuch 1968

"Nach Chause, wenn Tschechen bravv sind"

Anfang Juni: Mit F. auf der Straße. Ahornblüte. Voll von Energien. Er: So ist es in der CSSR.

16. Juli: Psychologische Vorbereitung auf die Auseinandersetzung: Warschau, 14./15. Juli: 5:4 (...).[3] Die Deutschen können nicht aus ihrer Tradition, sagen die kleinen Völker. Druck von außen führt zu noch festerem Zusammenschluss. Zwiespalt zwischen Tschechen und Slowaken in der Frage der Föderation schien ein Verhängnis zu werden. (...) Die Kernfrage ist, siegt die Konzeption des demokratischen Sozialismus in der CSSR? Wann ziehen SU/Polen/DDR nach? Deshalb dieser Druck auf die CSSR, den die Prace als psychologische Blockade bezeichnet. In den Betrieben, so Volker, offenbar Thema Nr. 1.

17. Juli: D. B. sagt: Gefahr des weißen Terrors besteht, damit droht der Bürgerkrieg. Die konterrevolutionären Kräfte drohen mit dem Bürgerkrieg.

18. Juli: Als ich in Dresden am Platz der Einheit auf einer Parkbank saß, die Sonntagsnummer vom 15. Juli [des Rudé právo] ausgebreitet, kamen vier hohe sowjetische Offiziere vorbei, einer blieb nach einigen Schritten stehen, drehte sich um und sah mich kurz an, dann drehten sich die anderen um, Beweis für erhöhte Alarmbereitschaft in den Garnisonen. Im Januar/Februar hätte das gar nicht passieren können. Zu Hause Hubschrauberflüge über das Tal. Auf dem Berg noch ein transportabler Funkturm, der über die Bäume ragt. Ob Besatzung, weiß ich nicht, am 7. Juli war sie noch oben.

19. Juli, früh: Die tschechischen Nachrichten und der Deutschland-Funk berichten über das Kräfteverhältnis. Dubcek in bereits mehrmals erwiesener Ruhe: Ungarn wiederholt sich nicht!

21. Juli: Die Politik der persönlichen Macht und der Administration führt dazu, dass ein Teil der Intelligenz und der Arbeiter und Angestellten in inniger Umarmung mit der Macht hochkommt, die anderen sich vor der Partei immer weiter zurückziehen. Diese Entwicklung ist so sehr gefährlich, weil den Menschen das Bild des Sozialismus allmählich überhaupt entschwindet, es löst sich in abstoßende Einzelbilder auf, in das Bild der Parteigärten, in die Frauenbeförderung, in das importierte Edelwild, auf das hohe Funktionäre draufknallen, in den vierstöckigen Riesenkomplex der Staatssicherheit am Schauspielhaus mit den beiden großen Funkantennen auf dem Dachfirst. "Die haben sich richtig eingemauert", sagt einer, auf die Antennen zeigend.

Der Barak-Prozess[4] enthüllt dieses System in entscheidender Stunde. Das ist der Trunk, von dem jeder nüchtern wird, der noch schwarz von weiß unterscheiden kann, und wieder weht das rote Tuch vor den Augen derer, die "Konterrevolution", "Konterrevolution" schreien und "kreuzige", "kreuzige" schreien möchten (...). Die sowjetischen Truppen haben die CSSR noch immer nicht verlassen. 18.7.68, Rudé právo: Presuny sovetskích vojsk prekracuji. Die sowjetischen Truppenverschiebungen dauern an. Ich müsste in den Zeitungen nachsehen, wann die Manöver beendet waren. Tägliche Meldungen über Truppenverschiebungen im Rudé právo, aber nur Verschiebungen und teilweiser Abzug. So etwas ist geradezu unfassbar. Aber die Welt wird aufschreien, wenn dort die ersten Schüsse fallen, und die, die gegrinst haben, als die Universitätskirche [die am 30. 5. 1968 in Leipzig gesprengte Paulinerkirche[5]] in die Luft flog, die werden auch dieses Mal grinsen, und mit ihnen arbeite ich täglich zusammen, das macht den Menschen langsam fertig.

23. Juli: Seit Warschau schießt sich die Parteispitze auf den revisionistischen Gegner in Prag ein. Heute schoß das ND Trommelfeuer gegen die "Reformer" ab. Manfred glaubt nicht an Sieg Ulbrichts. Sie ziehen ab, das ist der Gradmesser.

27. Juli: Unter der Oberfläche rollt eine Welle der Sympathie, bangt ein großer Teil der Jugend mit den Tschechen. Wie es in anderen Kreisen steht, ist schwer zu beurteilen. Nachts um halbzwölf habe ich Helmut vor den erleuchteten Schaufenstern des Möbelhauses gegenüber dem Liebknecht-Haus ["Thälmann-Haus"] aus dem Rudé právo übersetzt. Es war weit und breit niemand zu sehen. (...) Die Fernsehrede Dubceks vom Donnerstag vergangener Woche gelesen. Dubcek ist schon heute eine historische Figur der neueren tschechischen und slowakischen Geschichte.

28. Juli: Kommt es in der CSSR zu einer Tragödie? Partei und Gewerkschaft haben für morgen zu einem fünf Minuten dauernden Warnstreik aufgerufen. Die Moskauer Prawda erklärt, die Lage spitze sich weiter zu, rasches Eingreifen der Fünf tue not.

30. Juli: Unhörbar und unsichtbar für die Ohren und Augen der Parteibonzen rollt eine Welle der Sympathie. Schwerpunkt an der KarlMarxUniversität offenbar die Naturwissenschaften. Die Demagogie mit Konterrevolution wird durchschaut. (...) Die Sorben dienen offenbar überall als Übersetzer. In den Literarni listy habe ein Schriftsteller geschrieben, das den Slowaken unter NovotnÝ vorbestimmte Schicksal sei mit den Lausitzer Sorben in dem "supersozialistischen Nachbarstaat" vergleichbar.

16. August: Unerträglich. Noch tausend Jahre so. Sie reden noch wie zu Stalins Zeiten, die uns führen. "Wie wir das gemacht haben." Ganz einfach: Mit Maulhalten. (...) Nur unser Charakter schrumpft zusammen wie ein Backpflaume. Viele resignieren und werden grau, und sie traben auf die Versammlungen und Anleitungen, wo über die Entfaltung von Sozialismus und Demokratie geredet wird.

20. August: Frau J. am Bahnschalter hat zu den Maschinenpistolen tragenden Russen im Ort und der Umgebung naturgemäß manche Verbindung. Auf die Frage, wann sie abziehen, antwortete ein Russe: "Nach Chause, wenn Tschechen bravv sind."

Fußnoten

3.
An der so genannten "Warschauer Beratung" nahmen fünf von acht Paktstaaten (UdSSR, Bulgarien, Polen, Ungarn, DDR) teil, drei nicht (CSSR, Rumänien, Albanien). Die Zahl 4 schließt Jugoslawien (Nichtmitglied) ein.
4.
Rudolf Barak, im Mai 1968 freigelassen, von 1959 bis 1962 stellvertretender Ministerpräsident, hatte unter NovotnÝ die Rehabilitierung aller unschuldig Verurteilten gefordert und war wegen "Sabotage" zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.
5.
Vgl. Hartmut Zwahr, Erinnern erfordert Wissen, in: Matthias Middell/Charlotte Schubert/Pirmin Stekeler-Weithofer (Hrsg.), Erinnerungsort Leipziger Paulinerkirche. Eine Debatte, Leipzig 2003, S. 55 - 68.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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