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5.5.2008 | Von:
Hartmut Zwahr

Tagebuch 1968

Der Einmarsch

21. August: Früh sechs Uhr. Rundfunkmeldung: Der Einmarsch in die CSSR ist erfolgt. Die Folgen sind unausdenkbar. Kein Schuss ist gefallen. Jetzt kommt Hager ganz groß raus, jetzt geht es uns schlecht. "Die sowjetischen, bulgarischen, polnischen und DDR-Truppen geben ein leuchtendes Beispiel proletarischen Internationalismus." "Sozialdemokratische Losung eines demokratischen Sozialismus." Erklärung im Radio an alle Bürger der DDR: "Die Völker der CSSR sind von prinzipienlosen Politikern in große Gefahr gebracht worden. Der Einmarsch erfolgte auf Wunsch der dem Sozialismus treu ergebenen Menschen in Partei und Gesellschaft der CSSR." (...)

Der Zerfall des sozialistischen Lagers in seiner gegenwärtigen Gestalt nimmt seinen Fortgang. Die Verfasser des Briefes können das tschechoslowakische Experiment abbrechen. Seine Wirkung war und ist viel größer als seine Lebensdauer. Es werden einige Jahre vergehen, und dieser Vorgang wird sich wiederholen, es sei denn, die Briefschreiber leiten die Reformen selbst ein. (...) Was wird von dem bleiben, was die Tschechen hatten? Welche Leute werden bleiben? (...)

Die Panzer nähern sich! Mit dieser Meldung wird das bevorstehende Ende der Sendungen des Rundfunks angekündigt. Aufruf zu passiver Resistenz. Es ist das unser Land! Nicht provozieren lassen! Pausenzeichen (Harfentöne). Die Sendungen gehen weiter. Der tapfere Sprecher setzt, sich ab und zu versprechend, seine Sendung fort und verliest Solidaritätserklärungen für die legale Regierung, kaum dass er Luft holt. Jetzt eine neue Stimme, ein Slowake, immer wieder: Solidaritätsbekundungen. Wieder die Pausenzeichen. "Wir haben einen vzkaz von Dubcek aus dem Gebäude des ZentralKomitees: Ruhe bewahren!! Noch ist der Rundfunk w pravÝch rukách, in den richtigen Händen. Einige Telegramme, die die unverzügliche Einberufung des außerordentlichen Parteitages verlangen, werden verlesen. In der Nähe des Rundfunks sowjetische Panzer und Soldaten, mit denen die Bürger diskutieren. (...) Eine Frauenstimme meldet, dass das Gebäude des Rundfunks kurz vor der Besetzung steht. Hoffnung, dass die Regierung zurückkehrt. "Dieses Land ist unser Land." Musik. Smetana. (...) Musik bricht plötzlich ab. Nichts mehr. Aus. 7.30. Es kommt nichts mehr. Aus. (...)

Die Sendungen im Prager Sender gehen weiter. Wer sendet? Ich kann es nicht sogleich erkennen. Offenbar noch Sprecher der legalen Regierung. (...) Die Okkupationstruppen haben noch keinen Zutritt. Rundfunkgebäude mit Autos verbarrikadiert, mit Lastwagen. Leute rufen: Dubcek, wir schließen uns an! Letzte Worte, die Sie von uns hören. Sie dringen ein. Ihr hört die Schüsse. (...) Eine Frauenstimme: Chceme socialismus, ale'bo lidskÝ socialismus! Wir wollen Sozialismus, aber einen menschlichen Sozialismus. Die Wahrheit wird siegen. Es ertönt die Hymne, erst die tschechische, jetzt die slowakische. Ende. Pausenzeichen. (...)

21.20. Seit 19 Uhr Sendungen von Banská Bystrica, Bratislava. Die Regionalprogramme strahlen aus. Dazu das Auslandsprogramm in russischer und deutscher Sprache, auch Englisch. Verhaftet und an einen unbekannten Ort gebracht: SmrkovskÝ, Kriegel, Spacek, Dubcek, Cerník. (...) Geschlossene Front der Bevölkerung. Der Widerstand formiert sich. (...) Meldung, daß hier der legale tschechische Sender spricht. Das Eingreifen bringt der internationalen kommunistischen Bewegung unermesslichen Schaden. Gibt es noch eine Möglichkeit? Welche Taktik schlägt man ein? Die Flugeinheiten werden aufgefordert, jegliche Unterstützung den Okkupanten zu versagen. Die Okkupanten dürften keinerlei Unterstützung gefunden haben, sonst wäre ein solcher Widerstand undenkbar. (...) 22.25. Es spricht Präsident Svoboda über den illegalen Sender. Offenbar Tonband. Er berichtet über seine heutigen Verhandlungen (...). Svoboda wird zu einer Schlüsselfigur. Das ist eine kaum erwartete Variante.

22. August: Das Recht und die moralische Stärke stehen auf der Seite derer, die allmählich an die Wand gedrückt werden. Sie werden wiederkommen und sollte es wieder zehn bis fünfzehn Jahre dauern. Ulbricht wird nicht jünger, auch Breschnew nicht, auch Gomulka nicht. Es vollzieht sich ein Generationswechsel, der auch einen Wechsel der Auffassungen bringt. Den Schwalben sind die Flügel erfroren im Anhauch der Eisgrauen, stalinistischer Kälte. Der Sender schweigt. (...)

27. August: Als ich Günter am Sonntag Einzelheiten vom Widerstand der Bevölkerung erzählte, sagte er nur immer wieder: Bei uns undenkbar. Stell dir vor, da reißt einer ein Straßenschild ab, da stellen sich doch gleich zweie daneben, die es beschützen, während dich der dritte anzeigt. (...) 8 Uhr. Svoboda, Cerník, SmrkovskÝ, Dubcek, Kriegel, Spacek sind heute früh von Moskau nach Prag zurückgekehrt. Am Präsidentenpalais wurde wieder die blauweißrote Flagge aufgezogen. Tschechoslowakische Polizei und Armeestreitkräfte übernahmen wieder die Wache. Das Kompromiss liegt irgendwo zwischen Sieg und Niederlage. Sie sind noch da, wieder da, das wird viele unserer Genossen umwerfen. Es hat sich kein Kádár gefunden. Darin besteht Walter Ulbrichts größte Niederlage. (...)

18.30. Noch Dienstag: Es wiederholt der Sender Prag die improvisierte Rede Dubceks, die er heute auf der Prager Burg gehalten hat. Große Pausen zwischen den Sätzen, viele Versprecher. Der Schwächeanfall vom Vormittag ist zu spüren. Und doch: Es sind die moralischen Sieger, die hier sprechen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob es verhängnisvolle Festlegungen gibt oder ob die Delegation um Svoboda und Dubcek sich bewusst war, dass die sowjetische Seite zumindest ebenso daran interessiert war, wieder Boden unter die Füße zu kriegen. Die Lage der Sowjetführung war unhaltbar geworden, mit jedem Tag mehr. Grundlinie: Konsolidierung und Besonnenheit. Dubcek entschuldigt sich für seine Versprecher, aber er könne nicht anders. Dann versagte ihm die Stimme. (...)

5. Oktober: Dass Dubcek und seine Mannschaft bleibt, ist trotz der Stationierung sowjetischer Truppen in der CSSR etwas ganz Unerhörtes, ein bei einem solchen Aufwand an Gewalt noch vor zwei Monaten unvorstellbarer Vorgang. Sind das die Schwalben, die den Sommer melden, die ankündigen, dass eines Tages der Sommer kommt, oder die Schwalben, die noch keinen Sommer machen? Gestern wurde der Grundstein für das neue Universitätsgebäude gelegt. Ich war nicht dort. Viel Blauhemden auf dem Weg zur Baugrube, wo die Universitätskirche stand.

22. Oktober: Ich gehöre nicht zu denen, die es vielleicht gar nicht gibt, die die Tatsache der Besetzung unterschätzen, und doch besteht die Doppelherrschaft weiter. Die Tschechen sind nicht an Händen und Füßen gefesselt, sie hängen an einer Kette. Wie lang diese ist, ist von hier nicht zu sehen. An dieser Kette hängend, laufen und klirren sie durch ihr Haus, vom Keller bis zum Boden.


Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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