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5.5.2008 | Von:
Hartmut Zwahr

Tagebuch 1968

Das entwickelte System

29. Januar 1969: Ich sage, was sich in der CSSR ereignet hat, war ein europäisches Ereignis, es war auch ein Ereignis für uns Deutsche. Deshalb baun wir ja solche hohen chinesischen Mauern auf.

17. Februar: K. kommt auf die Berufslenkung zu sprechen. Das 4. Studienjahr Marxismus/Leninismus muss gelenkt werden. Sie studieren verkürzt, weil der Bedarf groß ist, aber einige hätten schon ihre Fühler ausgestreckt und ihre Stelle so gut wie fest, "im Parteiapparat", sagt K., "einige bei der Staatssicherheit und im Staatsapparat". Obwohl keine Namen fallen, ein aufschlussreiches Detail. Die Parthey ist drin, die Margot usw. usw., es wird immer schwerer zu sagen, der und der sind nicht drin. Wir sind alle umstellt, und die uns umstellen, umstellen sich gegenseitig. (...) Ich träume oft, wenn es sich in die Länge zieht und ich nicht gerade zuständig bin, aber im Unterbewusstsein bin ich wachsam. Ich bleibe ihnen auf der Spur. Nur nichts vergessen, der Kopf wird müde mit der Zeit, durch das große Sieb, dessen Löcher mit den Jahren noch größer werden, fällt so vieles durch, nur nicht vergessen! Wenn die Margot am Stock mit Gummizwinge geht, wird sie sich an nichts mehr erinnern können. Nur nicht vergessen! Sie verekeln einem die Freude an der Arbeit. Sie sind die Partei, der ich mich anzugehören schämen muss. Aber weil sie die Partei sind, müssen wir die Partei werden, die wir jetzt mitlatschen müssen, aber ich habe mir geschworen, ihre armseligen Heldentaten nicht noch zu beklatschen, wie das einige tun, und wie genau sie das spüren, und ich spüre, was sie spüren, wenn ich mir eine Blöße gebe, wie heute, eine unverdiente. Das ist so ein Lindenblatt, wo einem keine Hornhaut wächst, das ist ganz unvermeidlich. (...) Im Gespräch mit M. fragte ich ihn, der vieles weiß: "Hast du etwas über mich gehört? Reden sie?" Er sagt: "Du bist nicht in der Diskussion! Und ich?" Ich sage: "Nichts gehört." "Na, wunderbar", meint er.

18. April, Freitag: Vor ein paar Tagen sagte der Kunsthistoriker: "Ein Funke ist geblieben. Ich merke es an den Künstlern. Ein Gebläse wird die Fahnen im Saale knattern lassen, aber in dem Monsterrahmen des entwickelten Systems am 20. Jahrestag werden kleinere und mittlere Bilder und Bildchen hängen, die Leipziger neue Sachlichkeit mit Landschaften, Porträts, und so wird der Inhalt die Form entlarven, hier ist das Wort am Platz, denn unser Sozialismus ist eine Larve, eine Teufelsmaske, in der wir täglich reichere menschliche Züge zu entdecken haben und in unseren Diskussionsbeiträgen entdecken."

11. September: Ein Jahr ist vergangen. Die böse Tat hatte ihre Ursachen. Wir sind einmarschiert,[6] weil die Sympathie für Dubcek in einen Sturm umzuschlagen drohte, der das Politbüro der Partei auseinandergeblasen hätte.

6. Dezember: Die Partei fürchtet die Jugend, das Produkt ihrer 25-jährigen Erziehung. Sie fürchtet die Kinder der Republik. Sie zeigt äußerstes Misstrauen. (...) Ihre ganze Lebensart ist ein massiver Protest gegen das totale Verplantwerden, die totale Erfassung, gegen Lenkung und Verwurstung. (...) Die Partei zwingt die FDJ ins Blauhemd, immer wieder, sie verschenkt Anoraks und lässt die Jugend Gelöbnisse sprechen, damit die Jugend nicht aus den Fesseln und der Partei an den Hals springt.

Fußnoten

6.
Die Streitkräfte der DDR kamen auf dem Territorium der CSSR nicht zum Einsatz.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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