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18.3.2008 | Von:
Martin Klimke

1968 als transnationales Ereignis

Transnationale Protestkulturen vor "1968"

Diejenige Bewegung, die die politische Ausrichtung der Aktivisten um 1968 am entscheidendsten prägen sollte, war die sich Anfang des Jahrzehnts formierende Neue Linke. Ihre Wurzeln reichen bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre, als sie unter dem Eindruck des Ungarn-Aufstandes und der Suez-Krise von 1956 im Umfeld von E. P. Thompson, Stuart Hall und Ralph Miliband als britische New Left entstand und danach ihren Weg über den amerikanischen Soziologen C. Wright Mills und andere in die USA fand. Mills' "Letter to the New Left" (1960) und das "Port Huron Statement" (1962) des amerikanischen SDS (Students for a Democratic Society) können als nationale Ausprägungen dieser bereits transnational etablierten Bewegung gelten, deren Ableger ebenso in Frankreich, Belgien und den Niederlanden agierten. Vertretern dieser Neuen Linken war nicht nur die Absage an den traditionellen Marxismus und dessen Fokus auf die Arbeiterklasse gemeinsam, sondern auch eine fundamentale Unzufriedenheit mit dem Kalten Krieg, seiner Abschreckungspolitik der potentiellen nuklearen Vernichtung und der Ideologie des Antikommunismus. Sie beklagten auch die ihrer Ansicht nach herrschende politische Apathie, den Materialismus und das kapitalistische Konkurrenzdenken in ihren jeweiligen Gesellschaften. Als Neue Linke, New Left oder Nouvelle Gauche bildeten sie ihre eigenen Gruppen innerhalb internationaler sozialistischer Organisationen wie der International Union of Socialist Youth (IUSY) oder fanden sich in transnationalen, personalen Netzwerken zusammen. Nicht zuletzt Herbert Wehner selbst begründete den Bruch der SPD mit dem deutschen SDS mit einem Vorgehen gegen die Neue Linke als solche, deren Ziel er auch in anderen westeuropäischen Ländern darin sah, die Sozialdemokratie zu zerstören.[10]

Diese stark studentisch geprägte Neue Linke bewegte sich im Gefolge einer Vielzahl anderer subkultureller Strömungen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre. Hier ist zum einen das Beat-Movement zu nennen, eine Gruppe von amerikanischen Schriftstellern, die Non-Konformismus, Spontaneität und offene Emotionen zelebrierten und deren Werke wie z.B. Allen Ginsbergs Howl (1956) oder Jack Kerouacs On the Road (1957) paradigmatisch für die jugendliche Frustration mit Konformität und Konsumgesellschaft der 1950er Jahre stehen. Auch Phänomene wie die "Halbstarken" oder die britischen "Teddy Boys" sowie Ikonen oppositioneller Jugendkultur wie James Dean oder Marlon Brando verkörperten die Sehnsucht nach individueller spiritueller Erfüllung, die auch die späten 1960er Jahre kennzeichnete.

Von ebensolcher Bedeutung für die Gegenkultur der späten 1960er Jahre war die Künstlergruppe Situationistische Internationale (SI). Gegründet 1957 in Italien unter der Ägide des Franzosen Guy Debord und dem Dänen Asger Jorn führte die Gruppe Künstler aus zehn Ländern zusammen, die maßgeblich vom Existentialismus Sartres und Camus' sowie vom Dadaismus, Surrealismus und den Lettristen beeinflusst waren. Ihr Ziel war die Etablierung einer umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft, die über den Marxismus hinausging und alle Lebensbereiche umfassen sollte. Die Routine und rituelle Ordnung sozialer Beziehungen sollte durch die Herstellung von "Situationen" gestört werden, in denen gängige Alltagshandlungen ihrer traditionellen Bedeutung enthoben und in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden, um neue Erfahrungshorizonte zu erschließen. Diese Umdeutung (detournement) ging einher mit aktionistischen Techniken für politische oder künstlerische Ziele und sollte der Erzeugung eines kritischen Bewusstseins dienen.[11] Die Provos, die Kommune I oder gegenkulturelle Idole wie Abbie Hoffmann, Jerry Rubin oder die amerikanischen Diggers fanden hier einen Großteil ihres späteren Handlungsrepertoires.

Auch die afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung spielte eine entscheidende Rolle im Politisierungsprozess westlicher Aktivisten. Ob Rosa Parks, Martin Luther King Jr. oder Freedom Rides - der moralische Anspruch der Proteste und ihre Demonstrationsformen der "direkten Aktion" (z.B. sit-ins) fügten dem Bild des "freien Westens" erhebliche Risse zu. Zugleich brachten sie die Frage nach der sozialen und legalen Gleichstellung ethnischer Minderheiten in die öffentliche Diskussion, insbesondere in Ländern wie Großbritannien und Frankreich. Mit der wachsenden Anziehungskraft von Malcolm X und dem Entstehen der Black-Power-Bewegung stellten radikalere Fraktionen der Bürgerrechtsbewegung dann ab Mitte der 1960er Jahre vermehrt die Grundpfeiler des kapitalistischen Gesellschaftssystems selbst in Frage. Die damit einhergehende Militanz fand ihre Entsprechung in der verstärkten Hinwendung zu den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und den Spätfolgen europäischer Kolonialpolitik.[12]

Diese wurden bereits im Laufe der 1950er Jahre im Zuge der weltweiten Dekolonisation deutlich. Anfang des Jahrzehnts avancierten so neben Kuba auch Staaten in Afrika wie beispielsweise Algerien zum Schauplatz nationalrevolutionärer Vorgänge.[13] Doch es war der Krieg in Vietnam, der weltweit zum Paradigma für die imperialistische Unterdrückung der Dritten Welt durch den "freien Westen" wurde. Vietnam schuf eine Klammer, die die Friedensbewegungen der 1950er Jahre (SANE/CND/Kampf-dem-Atomtod) mit einer neuen Protestgeneration verband.[14] Mit zunehmender Eskalation des Konflikts steigerte sich ebenfalls die Identifizierung mit Antiimperialismus, Antikolonialismus und den revolutionären Befreiungsbewegungen weltweit, dessen Repräsentanten wie die Viet Cong, Che Guevara oder Mao Tse Tung sich zu populären Protestikonen entwickelten. Die verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber der Dritten Welt führte zugleich zur Herstellung eines neuen, globalen Referenzrahmens, der den Ost-West-Gegensatz zugunsten des Nord-Süd-Gefälles zwischen reich und arm verdrängte.

Fußnoten

10.
Vgl. Herbert Wehner, Das Auftreten der "Neuen Linken", in: Die Zeit vom 26. 1. 1962, S. 3.
11.
Vgl. Thomas Hecken, Gegenkultur und Avantgarde 1950 - 1970. Situationisten, Beatniks, 68er, Tübingen 2006.
12.
Vgl. Cynthia Young, Soul Power Culture, Radicalism, and the Making of a U.S. Third World Left, Durham 2006.
13.
Vgl. Van Gosse, Where the Boys Are: Cuba, Cold War America and the Making of a New Left, London 1993; Claus Leggewie, Kofferträger. Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland, Berlin 1984.
14.
Vgl. Benjamin Ziemann (ed.), Peace Movements in Western Europe, Japan and the USA During the Cold War, Essen 2008.