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18.3.2008 | Von:
Martin Klimke

1968 als transnationales Ereignis

Transnationale Kooperation und Solidarität um "1968"

Trotz aller transnationalen Wurzeln ist das Phänomen "1968" jedoch in seiner Dynamik und seinen verschiedenen globalen Erscheinungsformen nur vor dem Hintergrund lokaler Faktoren vollständig zu verstehen. Sei es die Bedeutung der faschistischen Vergangenheit in Italien und Deutschland, der Vietnamkrieg in den USA, der Konflikt zwischen flämischer und französischer Bevölkerung in Belgien, die so genannten "68er-Bewegungen" wurden durch die verschiedensten Faktoren mobilisiert und verfolgten weltweit eine Fülle von Zielen, die bei weitem nicht immer deckungsgleich waren. In den osteuropäischen Staaten beispielsweise blieben die Nischen für Systemkritik verständlicherweise begrenzt, obwohl sich auch hier fundamentale Wandlungsprozesse vollzogen. Dies zeigte sich nicht nur an der Reformbewegung des Prager Frühlings, sondern auch an den Studentenunruhen in Polen im März 1968 oder an den inneren Spannungen in Jugoslawien, die sich bis weit in die 1970er Jahre zogen. Gleichermaßen schufen sich auch Jugendliche und Studenten in den Diktaturen Spaniens oder Griechenlands eigene Freiräume, um ihren Protest hörbar zu machen.[15] Entscheidend ist dabei, dass spätestens seit Mitte der 1960er Jahre eine internationale Sprache des Dissenses, die ihren Ausdruck in einem Gemisch von kulturellen und politischen Formen fand, all diese nationalen Differenzen überbrücken konnte. Auf kultureller Ebene offenbarte sich dies im weltweiten Erfolg von Künstlern wie Joan Baez, Bob Dylan, den Beatles oder Jimi Hendrix. Auch Ereignisse wie Woodstock oder das Musical Hair wurden jenseits der Blöcke des Kalten Krieges zu Symbolen musikalischer Rebellion und jugendlichen Unbehagens mit der Welt, das sich gleichzeitig in weitreichenden Lebensstilveränderungen etwa in Mode, Sprache, oder der Entstehung von Kommunen, verstärktem Drogenkonsum und der Hippie-Kultur manifestierte.[16] Eine internationale, oftmals bereits kommerzialisierte Jugendkultur erschütterte soziale Konventionen, generierte neue kulturelle Ausdrucksformen und alternative Öffentlichkeiten, und ließ dadurch den Eindruck eines fundamentalen kulturellen Wandels entstehen.

Auf der politischen Ebene waren gegenseitige Wahrnehmung und internationale Kooperation ebenso stark ausgeprägt, nicht zuletzt durch das Betreiben intellektueller Mentoren wie Herbert Marcuse.[17] Im deutschen Fall knüpfte Michael Vester, Vizepräsident des deutschen SDS, bereits während seines akademischen Austauschjahres 1961/62 in den USA nicht nur erstmals entscheidende Kontakte mit Repräsentanten des amerikanischen SDS wie Al Haber und Tom Hayden, sondern entwarf auch wichtige Passagen des Port Huron Statements. Gegenseitige Besuche und Korrespondenz sowie der Austausch von Literatur und die Übernahme von Protestformen wie die der "direkten Aktion" in einen westdeutschen Zusammenhang waren die Folge.[18] Besonders deutlich lässt sich diese internationale Orientierung auch an der Person Rudi Dutschkes illustrieren, der bereits Mitte der 1960er Jahre ein für ihn charakteristisches Amalgam eines revolutionären Internationalismus entwickelte. Demnach war revolutionäre Politik nur noch im globalen Rahmen denkbar, da sowohl das Kapital als auch der Imperialismus auf internationaler Ebene operierten. Nationale Protestbewegungen seien daher gezwungen, in einer internationalen Allianz und im Zusammenwirken mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt sich dieser "gegenrevolutionären Herausforderung" zu stellen. Diese zweite Front aus der "Europäischen Peripherie" heraus sollte die "Propaganda der Schüsse" in der Dritten Welt durch die "Propaganda der Aktion" in den Metropolen ergänzen und eine Basis für die weltweite Vernetzung aller Protestbewegungen darstellen.[19] Wie Dutschke auf dem Vietnam-Kongress im Februar 1968 in West-Berlin erklärte: "Die Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute leben und in der wir an der menschlichen Emanzipation arbeiten. (...) In den weltweiten Demonstrationen liegt in einem antizipatorischen Sinne so etwas wie eine revolutionäre Globalstrategie."[20] Sowohl Dutschkes geplanter Umzug nach Kalifornien, um sein Studium unter Herbert Marcuse in San Diego fortzusetzen, als auch das aus dem Vietnam-Kongress erwachsene Internationale Nachrichten- und Forschungsinstitut (INFI) stehen im Kontext der Koordination und Institutionalisierung eben dieser transnationalen Gegenallianz.

Derartige Bestrebungen und Imaginationen trafen jedoch in der Realität oftmals auf erhebliche Widerstände. Bei einer von der "International Confederation for Disarmament and Peace" (ICDP) und dem deutschen SDS organisierten Konferenz in Ljubljana im August 1968 konnten sich beispielsweise Delegierte aus Frankreich, Finnland, Spanien, Kanada, den USA, der Schweiz und der Bundesrepublik trotz intensiver Diskussionen nicht auf eine gemeinsame politische Agenda einigen. Auseinanderklaffende ideologische Perspektiven und Strategien im Hinblick auf Militanz, das Verhältnis zur Arbeiterklasse, Solidarität mit der Dritten Welt sowie unterschiedliche nationale Bedingungen machten dies schlicht unmöglich. Auch bei der "International Assembly of Revolutionary Student Movements" an der Columbia Universität in New York im September 1968 wich der anfängliche Optimismus im Hinblick auf internationale Zusammenarbeit ebenfalls sehr schnell heftigen ideologischen Grabenkämpfen.[21] Trotz dieser Dissonanzen schufen Zusammenkünfte dieser Art in eindrucksvoller Weise einen neuen transnationalen Kommunikationsraum, in dem Vertreter nationaler Protestbewegungen wie selbstverständlich agierten und sich austauschten. Symptomatisches Beispiel dieser transnationalen Verbundenheit bei gleichzeitiger nationaler Verankerung ist eine Diskussionssendung der BBC vom 13. Juni 1968 mit dem Titel "Students in Revolt", an der unter anderem Jan Kavan, Tariq Ali, Daniel Cohn- Bendit, Karl-Dietrich Wolff und Ekkehart Krippendorff teilnahmen. Trotz Schilderung der lokalen Ausgangsbedingungen und spezifischen Ziele ihres Protests begriffen sich alle Teilnehmer als einer weltweiten Bewegung zugehörig und stimmten am Schluss gemeinsam in ihrer jeweiligen Landessprache die "Internationale" an.

Die zum Teil fatale Wirkmächtigkeit internationaler Verortungen und Solidaritätsdiskurse Ende der 1960er Jahre zeigt sich jedoch nicht nur in der Geschichte des Terrorismus im darauf folgenden Jahrzehnt.[22] Auch offizielle Stellen in Ost und West nahmen diese weltweiten Verknüpfungen um 1968 durchaus ernst. Bereits am Beginn des Jahrzehnts initiierte das US-Außenministerium ein umfangreiches Programm zur Gewinnung der ausländischen Jugend weltweit, welches sich ab Mitte der 1960er Jahre verstärkt den transnationalen Verflechtungen der Neuen Linken annahm. Die Ereignisse im Mai 1968 in Frankreich intensivierten diese Anstrengungen erheblich, waren sie doch für US-Außenminister Dean Rusk eine "ernüchternde Lektion" darüber, wie "eine Handvoll von Universitätsstudenten in Frankreich eine Krise herbeiführen können, die potentiell sehr ernste Nebenwirkungen für unsere außenpolitischen Interessen haben kann".[23] Ein Bericht der CIA, der Präsident Lyndon B. Johnson im September 1968 im Kabinett vorgestellt wurde, brachte es noch deutlicher auf den Punkt.[24] Die transnationale Dimension von "1968" berührte also durchaus die Sphäre offizieller Politik, in der die Sorge um sich griff, die von den Protestbewegungen geäußerte Kritik könnte langfristig das geopolitische Ordnungsgefüge des Kalten Krieges gefährden und zukünftige politische Entwicklungen beeinflussen.

Fußnoten

15.
Vgl. Martin Klimke/Joachim Scharloth, 1968 in Europe: A History of Protest and Activism, 1956 - 1977, New York-London 2008.
16.
Vgl. dies., 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung, Stuttgart 2007.
17.
Vgl. Herbert Marcuse, Das Ende der Utopie, Berlin 1967.
18.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, Die transatlantische Protestkultur. Der zivile Ungehorsam als amerikanisches Exempel und als bundesdeutsche Adaption, in: Heinz Bude/Bernd Greiner (Hrsg.), Westbindungen: Amerika in der Bundesrepublik, Hamburg 1999, S. 257 - 284.
19.
Vgl. Hans Magnus Enzensberger, Europäische Peripherie, in: Kursbuch 2, August 1965, S. 154 - 173.
20.
Rudi Dutschke, Die geschichtlichen Bedingungen für den internationalen Emanzipationskampf, in: SDS Westberlin/Internationales Nachrichten- und Forschungsinstitut (INFI) (Hrsg.), Der Kampf des vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus, Berlin 1968, S. 107, 117.
21.
Vgl. Paulina Bren, 1968 in East and West: Visions of Political Change and Student Protest, in: Gerd-Rainer Horn/Padraic Kenney, Transnational Moments of Change: Europe 1945, 1968, 1989, Lanham, Md. 2004, S. 119 - 135.
22.
Vgl. Christopher Daase, Die RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen, S. 905 - 929; Martin Klimke/Wilfried Mausbach, Auf der äußeren Linie der Befreiungskriege: Die RAF und der Vietnamkonflikt, S. 620 - 643, beide in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006.
23.
Dean Rusk an alle diplomatischen Vertretungen, Department of State, 30. 5. 1968, S. 2, in: National Security Files, Lyndon B. Johnson Library, Austin, Texas (LBJL).
24.
Vgl. Central Intelligence Agency, "Restless Youth," September 1968, Conclusions, S. 1f., in: National Security Files, LBJL.