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18.3.2008 | Von:
Gerd-Rainer Horn

Die Arbeiter und "1968" in West- und Südeuropa

In West- und Südeuropa kam es im Rahmen der 68er-Ereignisse zu Arbeiterkämpfen und zu wichtigen sozio-psychologischen Veränderungen, die der Arbeiterschaft halfen, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

Einleitung

Das Jahr 1968 gehörte den Studenten. Von Belgrad bis Berkeley standen sie in den allerersten Reihen von Aktivisten, die das Jahr 1968 zum "moment of madness" machten.[1] Demonstrationen, besetzte Gebäude, permanent tagende Vollversammlungen, fieberhaft agierende Komitees und ähnliche Ausdrucksformen studentischer Gegenmacht kennzeichneten das wankende Machtgefüge universitärer Hierarchien jener Zeit. Doch nicht nur Universitäten wurden quasi über Nacht zu Zentren politisch-sozialen Aufbegehrens. Auch die Gymnasien entwickelten sich zu Kristallisationspunkten bislang unbekannter Formen politisch-sozialer und kultureller Auseinandersetzungen. Die geringe Aufmerksamkeit, die dem nur bruchstückhaft überlieferten Schülerprotest bislang zuteil wurde, verwundert angesichts der möglichen Bedeutung des Schülerprotestes für die Nachhaltigkeit der universitären Revolte, aber auch angesichts des für die 68er-Forschung ansonsten so zentralen Stellenwerts von Protestaktionen und -formen im Bildungsbereich.






Weitere "weiße Flecken" der sich auf 1968 beziehenden Geschichtsschreibung ließen sich anführen. Dieser Aufsatz widmet sich einem der wichtigsten Forschungsdesiderata: die Beteiligung der Arbeiterschaft an den Protestereignissen in und um 1968. Insbesondere in der bundesdeutschen Literatur wird die zeitgenössische Protestwelle kaum mit Arbeitern und den Arbeiterbewegungen in Verbindung gebracht. In Gestalt einer in das System integrierten sozialen Klasse dienen sie oftmals nur der schärferen Konturierung des vermeintlich systemsprengenden Charakters der studentischen Massenbewegungen. Selbst der dreiwöchige französische Generalstreik von Mitte Mai bis Anfang Juni 1968 vermochte wenig an dieser Sichtweise zu ändern. Denn war es nicht so, dass diese zweifelsohne bemerkenswerte soziale Bewegung erst durch die studentischen Aktionen ausgelöst und dann sehr bald durch materielle Zugeständnisse von Regierungs- wie von Unternehmerseite gestoppt werden konnte? Wurde hier nicht die einzigartige Chance einer sozialen Revolution in einem der fortgeschrittensten Länder der Welt gleichsam für ein Linsengericht verkauft? Demonstrierten Arbeiter und Arbeiterbewegungen nicht einmal mehr, dass sie ihre historische Rolle als Speerspitze des Antikapitalismus eingebüßt hatten?

Fußnoten

1.
Ich danke Manfred Kubik für eine Vielzahl von sprachlichen und anderen Verbesserungsvorschlägen.

Vgl. Aristide Zolberg, Moments of Madness, in: Politics and Society, 2 (Winter 1972) 2, S. 183 - 207.