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18.3.2008 | Von:
Bernd Gehrke

Die 68er-Proteste in der DDR

Politisierung vor dem Prager Frühling

Nur wenige Ausnahmen der Proteste sind ins kollektive Gedächtnis gedrungen und wurden Jahrzehnte lang in der Erinnerungskultur aufbewahrt. Dies war nur möglich, weil die SED-Diktatur 1968 noch ein fast vollständiges Informationsmonopol besass. 1968 - das war nur sieben Jahre nach dem Mauerbau und der ihn begleitenden Unterdrückung jeden Anzeichens von Widerstand dagegen mit der gewalttätigen Abschreckungskampagne "Die Faust aufs Schandmaul!".[2] Diese Vorgänge waren 1968 im Gedächtnis der breiten Mehrheit noch fest verankert. Allerdings war in den Jahren seither eine "unruhevolle Jugend" (Marc-Dietrich Ohse) herangewachsen, der der Schrecken, der vielen Erwachsenen noch in den Gliedern sass, abhanden gekommen war, weil sie ihre eigenen Erfahrungen erst sammeln musste und durch die Zickzacks der SED-Jugend- und Kulturpolitik ermutigt und durch die Aufbruchsdynamik westlich wie östlich der Grenzen angesteckt worden war.

Ein deutliches Anzeichen dafür, dass auch 1968 die Unruhe unter der Jugend nicht befriedet werden konnte, war, dass sich schon seit dem Vorjahr wieder langhaarige Jugend-Cliquen in der großstädtischen Öffentlichkeit gezeigt hatten. Damit signalisierten sie das Scheitern des seit dem Herbst 1965 mit rabiaten Methoden unternommenen Versuches des Regimes, die jugendliche Beat-Kultur zu unterdrücken. Aus einer zuvor zum Teil akzeptierten jugendlichen Teilkultur war hierdurch lediglich eine bedrängte Subkultur geworden, die nun immer mehr zum Abgrenzungsmerkmal nonkonformer Jugendlicher wurde. Damit wurde deren Milieubildung außerhalb des staatlich kontrollierten sozialen Raumes geradezu befördert.[3]

Über den Kreis der die Beat-Kultur ursprünglich prägenden Cliquen der Arbeiterjugend hinaus gehörten zu den Szenen dieser jugendlichen Subkultur inzwischen auch die Nonkonformen der jungen Intelligenz, Kinder aus Parteielternhäusern wie aus christlichen.[4] Doch schlimmer noch für das Regime, nicht nur unter jungen Intellektuellen oder christlichen Studentinnen und Studenten, die die gängigen Literatur-Vorlieben der herrschaftskritischen Jugend Westdeutschlands rezipierten, sondern gerade auch innerhalb dieser jugendlichen Subkultur, mit der sich der Parteistaat im Konflikt befand, hatten sich 1966/67 oppositionelle Politisierungsprozesse gezeigt, die dem jugendkulturellen Konflikt eine neue Dimension hinzufügten und ihn verstetigten.[5] Die Adaption von Symbolen der westdeutschen außerparlamentarischen Opposition, die vom Anti-Atom-Abzeichen bis zu Symbolen des Maoismus reichte, war ein wichtiger Hinweis darauf und führte nun auch von Seiten der Jugend zu politischen Konflikten in Ausbildungsstätten und Jugendklubs. Das Symbol der von der SED gefeierten westlichen Anti-Atom-Bewegung begann in der DDR gleichsam automatisch in Richtung sowjetischer Atomwaffen zu blinken und seine Trägerinnen und Träger verbanden solche Symbolik häufig mit der Ablehnung der vormilitärischen Ausbildung oder verweigerten gänzlich den Dienst mit der Waffe, wie die zumeist christlichen Bausoldaten.[6] Deutlichster Fingerzeig für das Ausmaß der eigenständigen Suche nach politischen Antworten jenseits der Vorgaben des Regimes in Teilen der Jugend war die Notwendigkeit für die SED, zum 1. Januar 1968 für DDR-Bürger den freien Zugang zur chinesischen Botschaft zu sperren. Trotz Polizeibewachung aller Botschaften und der Angst vor einer Registrierung beim Betreten des Botschaftsgebäudes hatte unter dem Einfluss westdeutscher Studierender seit 1966, vor allem aber im Jahre 1967 ein Besucherstrom zur Botschaft eingesetzt, der nicht nur aus Ostberlin kam. Nach den Beobachtungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) waren es vornehmlich "Beat-Anhänger", die den DDR-Besucherstrom prägten. Es gehörten auch nicht nur Oberschüler und Studierende dazu. Zumindest im Bezirk Potsdam bildeten Lehrlinge und Jungarbeiter sogar die Mehrzahl.[7] Der oppositionelle Politisierungsprozess innerhalb der jugendlichen Subkultur blieb offenbar nicht nur auf die junge Intelligenz beschränkt, wie eine provokante Losung belegt, die während der Parteiwahlen am 19. Mai 1967 von Unbekannten im Leipziger Kirow-Werk aufgehängt wurde: "Wir sind jung und lieben Mao Tse-Tung."[8]

So war es kein Wunder, dass unter Oberschülern und Studierenden, aber auch unter sich oppositionell politisierenden Lehrlingen im Frühjahr 1968 Diskussionen über die seit dem Vorjahr eskalierte Jugendrevolte im Westen stattfanden und die Revolten in Warschau, Westberlin, Paris oder in den USA aufmerksam in den Medien verfolgt wurden. Mehr und mehr rückte jedoch der Prager Frühling in den Vordergrund. Vor diesem Hintergrund kam es in Leipzig und Potsdam bereits im Frühjahr 1968 zu Protesten gegen Kirchenabrisse, die im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Stadtzentren standen. Besonders in Leipzig erreichten diese Proteste eine große Öffentlichkeit und waren zum Teil spektakulär. Mehr als 1 000 Personen waren an den Protesten beteiligt, rund 40 wurden verhaftet. Studierende spielten eine herausragende Rolle bei den Protesten.

In den 1960er Jahren wurde die CSSR bei der Jugend und der kritischen Intelligenz außerordentlich beliebt. Die Jugend nutzte mehr und mehr die nach dem Mauerbau geschaffenen Reisemöglichkeiten "Richtung Osten" und fuhr nach Prag, Warschau oder Budapest, genoss dort die größere Liberalität in der Kultur. Für die vom Geist des Dritten Weges im Sinne eines demokratischen Sozialismus infizierte kritische Intelligenz wurde mehr und mehr deutlich, dass in der CSSR die Freiheiten in Wissenschaften und Kultur und die Diskussionsmöglichkeiten für auch in der DDR anstehende Grundsatzprobleme erheblich zunahmen. So war es kein Wunder, dass die Entwicklung in der CSSR seit der Wahl Alexander Dubceks zum Vorsitzenden der KP von Anfang an auf großes Interesse und starke Sympathien seitens der kritischen Jugend wie der Intelligenz in der DDR stieß. Namentlich bei der jungen Intelligenz waren nicht nur Wünsche nach einem Erfolg der Prager Reformpolitik, sondern auch Hoffnungen auf ähnliche Entwicklungen im eigenen Land entstanden. Die große Mehrzahl der Bevölkerung, vor allem die Arbeiterschaft blieb aber skeptisch. Doch als der Demokratisierungsprozess in der CSSR voranschritt, sich eine unabhängige Presse entwickelte und Wirtschaftsreformen diskutiert wurden, die zu unabhängigen Gewerkschaften und zur Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe führen sollten, um so mehr erfasste die Sympathie mit der Entwicklung in der CSSR auch die breiten Schichten der Bevölkerung und damit der Arbeiterschaft. Doch je mehr sich im Sommer 1968 die Nachrichten über sowjetische Militärmanöver und Spekulationen über eine militärische Intervention verdichteten, um so größer wurde der Zweifel an den Realisierungschancen.

Fußnoten

2.
Falco Werkenthin, Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht, Berlin 1995, S. 47 - 52.
3.
Vgl. Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 - Politik und Alltag, Berlin 1993, in: ders./Thomas Kochan (Hrsg), Bye Bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR, Berlin 2004.
4.
Von mir wurde 40 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der DDR-Opposition aus den 1970er Jahren interviewt. Meine Aussage stützt sich auf verschiedene Interviews.
5.
Vgl. Zur Einschätzung des Bewusstseinsstandes der Berliner Bevölkerung, in: SAPMO-Barch NL 182/1033, Bestand W. Ulbricht, Bl. 3 vom 27. Januar 1967.
6.
Vgl. Interview mit Nora G. vom 27. 4. 2004.
7.
Vgl. MfS BV Potsdam, Abt. XX/2, Analyse zum Komplex "Springer" vom 5. 7. 1968, in: Gustav Rust, In den Fängen der Stasi. Ein Kommunist maoistischer Prägung in der "DDR". Eine Dokumentation anhand von Stasi-Akten, Berlin o.J., S. 27f.
8.
Michael Hofmann, Die Leipziger Metallarbeiter. Etappen sozialer Erfahrungsgeschichte, in: Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, hrsg. von Michael Vester/Michael Hofmann/Irene Zierke, Köln 1995, S. 172.